Süddeutsche Zeitung

Kongress zu Depressionen:Wahre Freude an der ernsten Sache

Burn-out gilt als schick, Depression als Sache von Schwächlingen - darüber klagen Patienten beim Kongress in Leipzig. Harald Schmidt ist auch da und erzählt, wie er die finsteren Stunden seines Lebens meistert. Dabei geht es beinahe vergnüglich zu.

An der Orgelempore im Gewandhaus zu Leipzig steht ein Sinnspruch Senecas geschrieben, demnach wahre Freude eine ernste Sache sei - res severa verum gaudium. Das ist so wahr, wie es andersherum nicht falsch sein muss. Eine ernste Sache kann eine wahre Freude sein, und den Beweis dafür sollte am Sonntag der zweite Deutsche Patientenkongress erbringen.

Etwa 1300 Betroffene und Angehörige fanden sich im Gewandhaus zusammen, um über die Krankheit Depression zu sprechen, also über eine ernste Sache. Als zuständig für die wahre Freude wurde Harald Schmidt erklärt, im Ehrenamt Schirmherr der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Moderator der Tagung.

Schmidt gilt nicht gerade als neuzeitlicher Seneca, zumindest aber als Stoiker, und so sind bei einer Pressekonferenz noch vor Beginn des Kongresses gleich zwei Fragen zu klären: Warum übernimmt einer, dem allgelegentlich der dämliche Titel "Chefzyniker" verliehen wird, überhaupt eine Schirmherrschaft? Und dann auch noch für Depressionskranke, als Satiriker? In seiner Show hat Schmidt über viele Jahre und Sender hinweg immer wieder das karitative Engagement von Kollegen etwas dreckig belächelt, häufig zu Recht, und so beginnt er dann auch seine Antwort.

Bei vielen sei die Übernahme einer Schirmherrschaft vor allem der Versuch, "von einem desolaten Familienleben abzulenken - das ist ja auch immer viel Fahrerei am Heiligabend". Er selbst versuche, mit einer "gesunden Mischung aus Altruismus und Egoismus aus einem naiven Frohsinn heraus einen kleinen Beitrag zu leisten". Selbst betroffen sei er nicht, sagt Schmidt, er habe zwar auch finstere Stunden erlebt, aber "die ließen sich durch Partnerwechsel relativ schnell lösen".

Da lachen natürlich alle in dem kleinen Raum mit der Notrufnummer 112, und da denkt man einen Moment, dass es ihm also schon irgendwie wurscht ist, oder? "Wurscht ist es mir nicht, aber was soll ich denn sonst machen, als hier zu moderieren? Ich kann nicht sagen: Werdet mal depressiv, weil die Stimmung auf den Kongressen so gut ist."

Das ist sie übrigens tatsächlich, "fast ausgelassen" wird Schmidt später im Konzertsaal sagen, in dem für alle Teilnehmer kleine Trommeln ausgelegt sind, die beim Auftritt einer Perkussionsgruppe dem Kommando Pimperle des Cheftrommlers folgen. Im Foyer fügen sich alle möglichen Stände zu einer Art Städte- und Gemeindetag der Depressionshilfe. Das "Rostocker Bündnis gegen Depression" stellt sich genauso vor wie jene aus Leipzig oder Duisburg. Es gibt Auskunft über die Telefonberatung am "Seelefon" (0180 595 09 51), eine weitere Initiative zeigt Wege in die Arbeit nach einer psychischen Erkrankung. Und während draußen die Teilnehmer des Leipziger Stadtlaufs am Gewandhaus vorbeihecheln, informiert drinnen der "Verband der Lauftherapeuten".

Eine fast ausgelassene Stimmung

Das alles wirkt mitunter fast ein wenig zu ausgelassen, würde man nicht hier und da an die eigentliche Schwere des Themas erinnert. So sollen an einem der Stände Patienten auf kleinen Karten notieren, woran und was sie denken, wenn die Depression ihnen mal wieder mit aller Macht begegnet. "Lass mich in Ruhe!", steht auf einer Pappe. Und auf einer anderen die einfache wie erschütternde Frage: "Hat mein Leben noch Sinn?"

Es hat, das soll die Botschaft des Kongresses sein. "Wir können Depressionen gut behandeln", sagt Professor Ulrich Hegerl, Vorstandsvorsitzender der Stiftung. Nach seinen Angaben leiden in Deutschland etwa vier Millionen Menschen an einer behandlungsbedürftigen Depression. Hegerl nennt es "erfreulich", dass Krankenkassen bei Beschäftigten eine Zunahme von Ausfalltagen wegen Depression verzeichnen und dass inzwischen 40 Prozent der Frühverrentungen wegen psychischer Erkrankungen erfolgen.

Erfreulich, weil dies kein Ausdruck einer "Depressionsepidemie" sei, sondern ein Ausweis der "Tatsache, dass sich mehr Erkrankte professionelle Hilfe holen und Ärzte die Krankheit besser erkennen". Früher habe man bei einer Depression noch behelfsweise zum HNO-Arzt (Ohrengeräusch) oder zum Internisten (Rückenschmerzen) gehen müssen.

Krankheit der "Tüchtigen"

Geholfen hat dabei offenbar auch der "Burn-out-Tsunami", den Professor Mathias Berger in einem Vortrag als deutsches Phänomen beschreibt. Zwar hat der vergleichsweise neue Begriff viele ermutigt, sich eine Erschöpfung einzugestehen und behandeln zu lassen. Aber der Ärztliche Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Uniklinikums Freiburg weist auch darauf hin, dass mittlerweile Burn-out als Krankheit der "Tüchtigen" gelte und Depression als Krankheit der "Schwächlinge".

Dies sei eine "besonders üble Stigmatisierung, die den Fortschritt mehr als wettmacht". Die Burn-out-Diskussion als Fluch und Segen, dieser Zwiespalt wird immer wieder sichtbar, am Ende steht ein gefühlt knapper Punktsieg für den Segen. Denn, sagt Ulrich Hegerl, es gebe im Gesundheitssystem "einen Verteilungskampf um Ressourcen, und da haben psychisch Erkrankte keine gute Lobby".

Deswegen gibt es diesen Kongress, und deswegen verwirklichte die Stiftung Depressionshilfe in diesem Jahr auch die mäßig kreative Idee, einen Medienpreis zum Thema auszuloben. So soll das Interesse der Medien und damit der Öffentlichkeit für die Krankheit gesteigert werden. Für die Aufgabe, Journalisten dabei ins Krankengebet zu nehmen, gibt es wahrscheinlich wirklich keinen besseren als Harald Schmidt.

Der vergleicht den notwendigen Wandel des Zeitgeistes im Umgang mit Depressionen mit dem Wandel im Umgang mit Alkohol: "Ich komme ja noch aus der Zeit, wo man beim WDR früh zwei Cognac getrunken hat gegen das fette Essen vom Griechen am Vorabend - heute hat der WDR zwei Suchtbeauftragte. Und das kennen Sie ja aus den Redaktionsstuben, heute sagt man nicht mehr ,Mensch, was der schon vor der Konferenz weghauen kann und um vier steht der noch wie 'ne Eins!' Heute heißt es: Der ist alkoholkrank."

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SZ vom 03.09.2013/dayk
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