Süddeutsche Zeitung

Wirtschaft:Wenn Profit nicht alles ist

Verfechter der Gemeinwohl-Ökonomie setzen auf Nachhaltigkeit, Gerechtigkeit und Solidarität. Sie wollen die Schere zwischen Arm und Reich schließen. In der Praxis ist das nicht so einfach.

Von Anna Dreher

Sepp Braun passt eigentlich nicht so wirklich dazu. Zumindest würden die meisten wohl nicht auf jemanden wie ihn kommen, wenn man sie in diesem speziellen Zusammenhang fragt. Braun besitzt 22 Milchkühe, Dutzende Hühner und eine Hofkäserei. Seit 29 Jahren führt der 58-Jährige in Freising einen Biolandhof.

Der Grundgedanke dieser Art der Landwirtschaft ist der einer regionalen Vernetzung, alles eng auf die Natur abgestimmt. Was soll er da noch groß besser machen? "Man könnte meinen, wir sind sowieso nachhaltig und müssen nichts verändern", sagt Braun. "Aber genau deshalb haben wir eine GWÖ-Bilanzierung durchgeführt und es ist interessant zu sehen, was noch alles möglich ist."

Mit der Abkürzung GWÖ ist die Gemeinwohl-Ökonomie gemeint. Schon lange beschäftigen sich Ökonomen mit verschiedenen Wirtschaftsmodellen - die GWÖ ist eines davon. Nicht ein möglichst großer Finanzgewinn ist das Ziel, sondern die Steigerung des Gemeinwohls durch ökonomische, politische und gesellschaftliche Veränderungen. Wichtige Aspekte sind dabei Nachhaltigkeit, Gerechtigkeit, Menschenwürde, Solidarität und demokratische Mitbestimmung.

Braun hat für diese Bilanz vor zwei Jahren alles hinterfragt, jeden noch so kleinen Bestandteil seiner landwirtschaftlichen Denkweise und Arbeit. "Unser Finanz- und Wirtschaftssystem ist nicht zukunftsfähig, wir leben über unsere Verhältnisse", sagt Braun. "Wir müssen alle gezielter an Nachhaltigkeit denken." Durch die GWÖ könne sich ein alternatives Netzwerk aufbauen.

Das sei dann wie eine Lawine, die langfristig das bestehende System überrollt. Zumindest ist das die Hoffnung, die Braun in die Gemeinwohl-Ökonomie setzt. "Das gesellschaftliche Umdenken hat zum Glück schon angefangen", sagt Braun. "Sonst müsste man ja auch verzweifeln, wenn man sieht, was auf der ganzen Welt alles schief läuft."

Nicht nur das Ergebnis ist wichtig, sondern der Prozess

Ein Unternehmen hat auch eine Verantwortung für sein Umfeld, das ist der Grundgedanke. Ob es diese nach den Kriterien der Gemeinwohl-Ökonomie erfüllt, wird anhand einer Bilanzierung festgestellt. Dabei muss der Fragenkatalog der GWÖ detailliert beantwortet werden, mit Belegen und Begründungen.

Nach der Selbsteinschätzung folgt die Überprüfung und Zertifizierung durch externe Berater oder Auditoren aus regionalen Gruppen und Vereinen mit Punktevergabe. Finanzielle Aspekte spielen dabei weniger eine Rolle als sozial-ökologische. Dass dadurch das eigene Handeln stärker hinterfragt wird, zeigt: Nicht nur das Ergebnis ist wichtig, sondern der Prozess auf dem Weg dorthin.

Mit am bekanntesten hat diese Theorie der österreichische Attac-Gründer Christian Felber gemacht. Er war 2010 Mitgründer des Vereins zur Förderung der Gemeinwohl-Ökonomie in Wien, mit dem Ansatz eine Alternative zum bestehenden System zu bilden. Inzwischen haben sich laut eigenen Angaben mehr als 2200 Unternehmen und mehr als 160 Organisationen der GWÖ angeschlossen, darunter das Outdoor-Unternehmen Vaude und die Tageszeitung taz.

In Bayern gibt es seit 2011 eine Gruppe, die sich dem gemeinwohlorientierten Wirtschaften widmet. 46 Unternehmen aus dem Freistaat sind der Initiative beigetreten, etwa genauso viele befinden sich noch im Prozess einer Bilanzierung. In Deutschland macht Bayern damit einen beachtlichen Anteil aus: Bundesweit haben etwa 100 Teilnehmer bilanziert und mehr als 100 tun es noch.

Das Spektrum reicht von therapeutischen Praxen, Baufirmen, Dienstleistern und Unternehmensberatungen bis hin zu Gärtnereien und sozialen Einrichtungen wie der Herzogsägmühle der Diakonie im oberbayerischen Peiting. Hier entschloss man sich 2015 dazu, eine GWÖ-Bilanz zu erstellen. "Sogar der Papst hat gesagt: Diese Wirtschaft tötet.

"Man braucht schon auch Mut zur Verletzlichkeit"

Die GWÖ ist ein Modell, das uns als Diakonie eine glaubwürdige sozialpolitische Positionierung ermöglicht", sagt Wilfried Knorr, Vorstand der offenen Dorfgemeinschaft. Für ihn sei es politisch richtig, die Finanzbilanz als einzigen Zugang zum Kapitalmarkt zu ergänzen und abzulösen: "Auch stark wettbewerbsorientierte Unternehmen können so beispielsweise Menschen mit Minderleistung beschäftigen - weil ihnen dadurch kein Nachteil entsteht. So werden neue Anreize geschaffen, Kapital stärker in soziale Bereiche einzubringen."

Neben Unternehmen interessieren sich auch bayerische Gemeinden für die Gemeinwohl-Ökonomie. Helmut Dinter, Bürgermeister von Wessobrunn im Landkreis Weilheim-Schongau, sieht dabei schlichtweg die gesetzlichen Vorgaben erfüllt. Denn der rechtliche Überbau, sagt er, sei durch den Schwur jedes Bürgermeisters und Gemeinderat-Mitglieds zum Verhalten getreu der Verfassung des Freistaats bereits gegeben: "Laut Paragraf 151 gilt alles Wirtschaften dem Gemeinwohl.

Von meinem Selbstverständnis her sind wir dem Wohl des Bürgers verpflichtet und nicht allein dem Konto der Gemeinde." Seit er vor fünf Jahren das passende Modell dafür fand, wird bei Ausschreibungen verstärkt darauf geachtet, regionale Firmen zu beauftragen und Bürger möglichst früh in Entscheidungen einzubeziehen. "Wir orientieren uns inzwischen sehr an den GWÖ-Kriterien und merken, dass das positiv ankommt", sagt Dinter. Die erste Bilanz wolle Wessobrunn in zwei Jahren erstellen und sich bis dahin darauf vorbereiten.

Im Gegensatz dazu war die Sparda-Bank München 2011 eines der ersten Unternehmen, das eine Bilanz nach GWÖ-Kriterien erstellt hat. Christian Felber selbst hatte gefragt, ob die Bank nicht mitmachen wolle. Seitdem wurde bereits drei Mal bilanziert, die vierte Analyse soll im Frühjahr 2018 abgeschlossen sein. "Es wäre fatal, nach einem Mal aufzuhören und sich nicht weiterzuentwickeln", sagt Christine Miedl, Sprecherin der Genossenschaftsbank.

"Jedes Mal verändert sich der Fokus, woran man arbeiten muss, ein bisschen und es gibt immer noch etwas, das verbessert werden kann." Sie würde sich wünschen, dass mehr Unternehmen eine GWÖ-Bilanz erstellen - nur würden viele den Aufwand scheuen: "Man braucht schon auch Mut zur Verletzlichkeit, man zeigt ja bei diesem Prozess offen seine Schwachstellen. Aber die Kunden honorieren die Veränderungen."

Für die Gemeinschaft denken und arbeiten

Der Wunsch der GWÖ-Anhänger, dass aus ihnen sehr viele werden, wird in naher Zukunft wohl kaum realisierbar sein. "Auf eine gesamte Volkswirtschaft übertragen, ist das schwer. Es gibt ja einen Grund, warum das Wirtschaftssystem ist, wie es ist: Weil es sich über Jahrzehnte und Jahrhunderte dazu entwickelt und durchgesetzt hat", sagt der Verhaltensökonom Martin Kocher von der Ludwig-Maximilians-Universität München.

"Märkte sind immer politisch getrieben und Politik wird von Menschen gemacht." So lange es weniger am Gemeinwohl und mehr am eigenen Profit orientierte Menschen mit eigenen Interessen gebe, sei das Konzept der GWÖ kaum global umsetzbar: "Man kann immer dazu anregen, für die Gemeinschaft zu denken und zu arbeiten, aber es wird oft Egoisten geben, die das ausnutzen."

Politische Ansätze existieren jedoch bereits. Seit 2017 sind börsennotierte Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitern durch eine EU-Richtlinie verpflichtet, einen Nachhaltigkeitsbericht zu erstellen. Um die Bereitschaft zu vergrößern, könnten Anreize im bestehenden System eine mögliche Lösung sein - steuerliche Vorteile beispielsweise. Bislang aber basiert die GWÖ allein auf dem Umdenken einzelner. Kritiker und Gegner werfen dem Konzept vor, zu bürokratisch, ineffektiv sowie einschränkend zu sein und deswegen nicht weltweit durchsetzbar.

Ein nächster möglicher Schritt aber ist das Konzept der Gemeinwohl-Ökonomie schon. "Es sind natürlich vor allem die Verfechter einer freien Marktwirtschaft kritisch", sagt Wilfried Knorr von der Herzogsägmühle. "Aber wenn die so gut funktionieren würde, ginge die Schere zwischen Arm und Reich nicht immer weiter auseinander, oder?"

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SZ vom 04.10.2017/amm
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