Süddeutsche Zeitung

Literatur:Liebeserklärungen an Bamberg

Hier wohnen Künstler und das Sams, hier trinken Menschen Rauchbier und sprechen einen geheimnisvollen Dialekt: Ein neues Buch vereint 18 Liebeserklärungen an die oberfränkische Stadt.

Paul Maar wohnte in Crailsheim, in Baden-Württemberg also, als er jene Geschichte erfand vom schüchternen Angestellten Taschenbier, zu dem am Samstag ein merkwürdiges Wesen namens Sams vordringt. Als er dieses Sams - rote Haare, Rüsselnase, blaue Punkte im Gesicht - vor dem geistigen Auge sah, war ihm klar: Die Stadt, in der dieser Taschenbier lebt, kann nur Bamberg sein. Warum? In Oberfranken hatte Maar oft seine Schulferien verbracht, bei den Großeltern, Bamberg verband sich in seiner Vorstellung mit Sommerwetter, Eistüte, Baden im Fluss.

Der Rest ist deutsche Literatur- und Filmgeschichte: Maar zog alsbald selbst nach Bamberg, die Story vom Sams wuchs und wuchs. Seinen Verlag brachte der Autor anfangs zur Verzweiflung, weil er die ersten 20 Sams-Verfilmungs-Anfragen unerhört ließ. Maar fürchtete das, was Jugendbuchautoren wie wenig anderes fürchten: die Einengung der Kinderfantasie durchs konkrete Filmbild.

Irgendwann überzeugte ihn der Produzent Ulrich Limmer aber doch vom Gegenteil, Maar führte ihn durch Bambergs Altstadt, erzählte, wie er beim Sams-Schreiben immer jene Gassen vorm geistigen Auge hatte. Und bekam seinen Wünsch erfüllt: Der Film wurde dort gedreht, wo er nicht nur heimlich hingehört - in Bamberg. Was die "Blechtrommel" und Danzig für die Nachkriegsliteratur ist, das wurde aus dem Sams und Bamberg für die Jugendbuchliteratur: Welterfolge aus der städtischen Provinz.

Maar erzählt diese Geschichte vom Weg des Sams nach Bamberg in Jürgen Schabels soeben erschienenen Bildband "Blick auf Bamberg", bei dem es sich de facto um eine Ansammlung von 18 Liebeserklärungen an eine besondere Stadt handelt. Den Anfang macht Bernd Goldmann, Gründungsdirektor des Internationalen Künstlerhauses Villa Concordia, dem die Stadt als Frankfurter doch arg übersichtlich vorkam zunächst; der dann aber im labyrinthartigen Einbahnstraßengewirr der Altstadt dreimal die gleiche Strecke fuhr und sich lediglich durch aktives Ignorieren ihm durchaus geläufiger Verkehrsregeln zu befreien wusste; und der auch später nicht nur heimelige Momente zu durchleben hatte im malerischen Bamberg.

Beim Ausbau der Villa Concordia etwa führten ihm heimische Handwerker sein sprachliches Defizit bei einer Brotzeit mit ausgeprägter Inbrunst vor. Goldmann verstand kein Wort, und wer das Gedicht "Bambärch" von Gerhard C. Krischker liest, ebenfalls in dem Band abgedruckt, der ahnt, dass das gar nicht übertrieben sein muss. Mit den Versen "a schlugg schlengälabiä / a schwengä wairaach / a doon foddi sümbfoniggä" hebt es an, und zählt dabei, dies nur für den Gründungsdirektor, sinnliche Grundbestandteile des Bamberger Lebensgefühls auf: süffiges Rauchbier, den Geruch katholischer Kirchen, den Genuss klassischer Musik.

Die unter rein genießerischen Gesichtspunkten nicht unproblematische Verwendung von Rauchbier - vulgo: Schlenkerla - betreffend, hält Goldmanns Nachfolgerin in der Villa Concordia einen entscheidenden Rat bereit. Nora Gomringer, Bachmann-Preisträgerin und überzeugte Wahl-Bambergerin, hält es mit der Regel: "Dreimal sollst Du's bestellen und beim vierten Mal wird's Dir schmecken." Die Dichterin gibt sich zu erkennen als eine, die seit Jahren Stipendiaten - Komponisten, Schriftsteller, bildende Künstler - auf Einladung des Freistaats durch das poetische Bamberg leitet und dabei in die Grundbegriffe des Biergenusses einweiht.

Portugiesen, Isländer, Schweizer, Russen, Italiener, Spanier und - offenbar mit besonderer Lust - Norweger kosten von einem Getränk, das verdächtig nach einem Stück Schinken schmeckt, und lernen dabei etwas über die oft verkannte Exotik der Franken. "Strahlend die Gesichter derer", berichtet Gomringer, "die sich mit Wonne ein Seidla bestellen und es genießen wie eben nur Kenner den giftigen Kugelfisch der Japaner, die Tausendjährigen Eier der Chinesen, den Buttertee der Tibeter."

Und wie das so ist mit den örtlichen Schmankerl: Ihrer Bamberg-Führerin scheinen die Stipendiaten an Bierwissen am Ende weit überlegen zu sein. Anders dürfte ein Geständnis Gomringers ("Über diese meine Lippen - außer nach einem Kuss, getauscht mit dem einen oder anderen Genießer - noch kein Tropfen Gerstensaft jemals in meine Kehle kam") nicht zu verstehen sein.

So überzeugt dieser Band nicht nur durch die Poesie der Bilder von Jürgen Schabel. Erhellende Einblicke verschaffen auch die zahlreichen Dichter dieser Stadt. Die Schriftstellerin Tanja Kinkel etwa steuert Grundsätzliches zum innerbayerischen Verhältnis und die Vorzüge der ewig Unterschätzten bei: "Apropos Wörscht: In Bamberg aufzuwachsen, heißt auch, später im Münchner Exil etwas mitleidig auf die Versuche der Oberbayern zu blicken, Bratwürste zu grillen, oder das, was sie als ,Bratwürste' bezeichnen." Mitleid mit den Oberbayern - auch das gibt es in Bamberg.

Jürgen Schabel, Blick auf Bamberg. Heinrichs-Verlag Bamberg 2017. 24,90 Euro.

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SZ vom 25.11.2017/amm
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