Süddeutsche Zeitung

Bayern:Der Schwindel des Journalisten, dem Ludwig II. scheinbar sein Herz öffnete

Dem US-Amerikaner Lew Vanderpoole gelang 1882 angeblich ein sensationelles Interview mit dem Märchenkönig. Doch die Geschichte ist wohl erlogen.

Von Hans Kratzer

Im November 1886 war in der amerikanischen Zeitschrift Lippincott's Monthly Magazine ein bemerkenswerter Artikel über König Ludwig II. zu lesen, der noch heute oft zitiert wird. Das in Philadelphia verlegte Magazin genoss einen vorzüglichen Ruf, zu seinen Autoren zählte beispielsweise der Schriftsteller Oscar Wilde. Genau das passende Blatt also, um dort einen weltweit beachteten Scoop zu platzieren.

Dem Autor Lew Vanderpoole war es demnach im Jahr 1882 als einzigem Journalisten überhaupt gelungen, eine Audienz beim sagenumwobenen bayerischen König zu erhalten und ihn bei dieser Gelegenheit zu interviewen. Vanderpooles Text steht seither als ein Solitär in der fast unüberschaubaren Literatur über Ludwig II., immer wieder wurde er zitiert, erwähnt und interpretiert.

Die historische Forschung hat, soweit sich das überblicken lässt, die Seriosität des Journalisten und die Echtheit der Begegnung mit Ludwig II. nie angezweifelt. Nun aber hat der Privatgelehrte Luc Roger überraschend die These aufgestellt, bei Vanderpooles Text könnte es sich um Fake News, also um eine Fälschung handeln. Roger hat starke Belege gesammelt, die nahelegen, dass der Amerikaner die Öffentlichkeit hinters Licht geführt hat. Er kommt nach langjährigen Recherchen zu dem Schluss: "Vanderpooles Bericht über seine Audienz mit König Ludwig II. ist höchstwahrscheinlich ein Betrug."

Es ist merkwürdig, dass noch kein Historiker ernsthaft die Authentizität des Treffens zwischen König Ludwig II. und Vanderpoole überprüft hat. Wenn man sich mit Roger über dieses Thema unterhält, springen einen die Ungereimtheiten förmlich an. Umso verblüffender ist es, dass nach wie vor viele Autoren den sonderbaren Text heranziehen, um mit seiner Hilfe das Mysterium Ludwig II. zu enträtseln.

Der in Amerika erschienene Artikel ist nun 131 Jahre alt, in Deutschland ist er seit mindestens 90 Jahren bekannt. In seiner Schrift "Dem Toten die Ehre - Entsiegelte Dokumente" hat der Autor Ludwig Below anno 1926 Auszüge aus dem Werk von Vanderpoole zitiert. In jüngster Zeit erwähnten, um nur einige zu nennen, die Buchautoren Thomas Ammon, Maria Seitz und Oliver Hilmes Vanderpooles Artikel. Der Ludwig II.-Experte Alfons Schweiggert, der sein 2008 erschienenes Buch über Edgar Allan Poe und Ludwig II. mit Vanderpooles Audienz einleitet, erwähnt darin den königlichen Lakai Alfons Weber, der Zeuge des Treffens gewesen sein soll. "Allerdings gibt es dafür keinen Quellenbeleg", sagt Luc Roger.

Der in Belgien geborene Roger, 66, ist eigentlich Romanist. Lange Jahre arbeitete er als Lehrer und Schulleiter in Brüssel. Als er 1994 eine Auszeit nahm und ein Jahr in München lebte, "packte mich das Interesse an der Stadt und ihrer Geschichte", wie er begeistert erzählt. Auf vielen Reisen und Ausflügen lernte er Bayern kennen und lieben. Heute lebt er in Mittenwald. Da er sich auch mit der Genderthematik beschäftigte, stieß er schon früh auf den unglücklichen Ludwig II., der in der Schwulenszene als eine Symbolfigur gilt.

"Als ich Vanderpooles Artikel gelesen hatte, war mein erster Eindruck, dass diese Geschichte viel zu gut ist, um wahr zu sein", schildert Roger seine Motivation, sich gründlich mit dieser Sache zu befassen. "Für mich stellten sich viele Fragen." Wer war dieser Vanderpoole? Wann fand die Audienz statt? Gab es Zeugen? Wie ist es möglich, dass sich König Ludwig II. so offen einer ihm unbekannten Person anvertraute, und das bei der ersten Audienz?

Roger begann also die Literatur über König Ludwig II. zu durchforsten, dazu die im Internet veröffentlichten zeitgenössischen Presseberichte. Dabei fiel ihm auf, dass das Zeitungsportal der Bayerischen Staatsbibliothek für das 19. Jahrhundert keine Ergebnisse zum Namen Vanderpoole liefert. "Das hat mich überrascht, denn der Besuch eines amerikanischen Journalisten bei König Ludwig II. hätte doch sicher auch in Bayern journalistisches Interesse geweckt."

Roger fragte sich, warum diese Audienz quasi unbemerkt über die Bühne ging, während Journaille, Hofschranzen und sonstige Spione ja sonst jeden Kontakt des Königs mit Argusaugen verfolgten. Dass Ludwig II. einen Journalisten empfangen haben soll, mutet an sich schon seltsam an. Diesem Berufsstand war der König mit Abneigung zugetan, und zwar spätestens seit der 1865 angezettelten Pressekampagne gegen den Komponisten Richard Wagner, den der König sehr geliebt hat. Nach heutigem Wissensstand hat Ludwig II. keinem Journalisten je ein Interview gewährt, mit vermeintlicher Ausnahme von Lew Vanderpoole.

Doch dessen Bericht macht den aufmerksamen Leser an vielen Stellen stutzig. Luc Roger hat all die Ungereimtheiten akribisch aufgelistet. So behauptete Vanderpoole, nach dem Tod von drei französischen Vorfahren Erbschaftsprobleme zu haben, die ein Treffen mit dem bayerischen Herrscher verlangten. Warum er dafür ausgerechnet die Hilfe Ludwigs II. benötigte, ließ er offen. Er nannte lediglich ein Empfehlungsschreiben des französischen Politikers Léon Gambetta, der sich nach dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870 als radikaler Revanchist gegenüber Deutschland hervortat.

Warum gerade ein Schreiben dieses Mannes die Tür von Ludwig II. geöffnet haben soll, wundert Roger sehr. Der König sei sehr gastfreundlich gewesen, schreibt Vanderpoole, und er habe Lösungen vorgeschlagen. Dann aber wird es noch mysteriöser. Am Ende der Audienz, so behauptet Vanderpoole, habe der König plötzlich andere Dokumente zwischen den Erbschafts-Unterlagen entdeckt. Dabei habe es sich um Artikel gehandelt, die der Amerikaner in der Zeitung Le Figaro veröffentlichen wollte. Darin ging es um den Schriftsteller Edgar Allan Poe, den wiederum Ludwig II. sehr verehrt haben soll.

Der König sei so begeistert gewesen, schreibt Vanderpoole, dass er ihm anvertraute, er würde seine Krone für eine einzige Stunde Gespräch mit Poe aufgeben. Ludwig II. habe ihm sein Herz geöffnet, fährt der Journalist fort, und er habe erwähnt, dass manche Menschen ihn für verrückt hielten und er selber darüber am Verzweifeln war. Mit Tränen in den Augen habe sich der König verabschiedet und den Raum verlassen.

Gerade diese Szene kommt Roger reichlich konstruiert vor. Seine Zweifel an der Aufrichtigkeit Vanderpooles wurden aber erst recht genährt durch die Recherche in alten amerikanischen Blättern, die weit mehr über den merkwürdigen Autor preisgeben als die hiesigen Zeitungen. 1887 wurde dort zum Beispiel über Betrügereien Vanderpooles berichtet.

Nur ein Jahr nach der Veröffentlichung des angeblichen Treffens mit König Ludwig II. wurde Vanderpoole vom Cosmopolitan Magazine in New York wegen literarischen Betrugs verklagt und daraufhin verhaftet. Er soll ein vermeintliches Manuskript der französischen Schriftstellerin George Sand an das Magazin verkauft haben. Vanderpoole hatte dem Verleger erzählt, er sei während des russisch-türkischen Krieges Korrespondent des Figaro gewesen. Auf Nachfrage war er dort aber nicht bekannt.

Roger hat die beiden Texte über Ludwig II. und George Sand verglichen. "Wir sehen, dass Vanderpoole in beiden Fällen ähnlich vorging: Er beansprucht ein Erbe und präsentiert sich als Journalist des Figaro." Im Fall von Sand erwies er sich zweifelsfrei als ein literarischer Fälscher. US-Zeitungsberichte belegen, dass er vorher bereits die Urheberschaft des Romans eines anderen Autors gestohlen hatte.

Die Publikation dieser einzigartigen Begegnung kam einer Sensation gleich

Ausgehend von diesen Betrügereien stellt Luc Roger die Audienz Vanderpooles bei Ludwig II. sehr in Frage: "Er war ein literarischer Fälscher, dessen Schwindel bei zwei Romanen nachgewiesen wurde." Und noch etwas macht stutzig: Das Treffen mit Ludwig II. fand laut Vanderpoole im Februar 1882 statt. Den Artikel in Lippicott's Magazine veröffentlichte er aber erst im November 1886, also kurz nach dem Tod des Königs.

Warum wartete er mehr als vier Jahre, um dieses ungewöhnliche Dokument zu veröffentlichen, fragt sich Roger. Wenn er einen Betrug plante, dann versteht man die Wartezeit. Nach dem Tod des Königs, der weltweit Aufsehen erregte, kam die Publikation dieser einzigartigen Begegnung mit dem König einer Sensation gleich, noch dazu, da der König im Text seine Leidenschaft für den Schriftsteller Poe öffentlich machte und sogar seinen eigenen Wahnsinn ansprach.

"Dieser Artikel war sicherlich sein Gewicht in Gold wert", sagt Luc Roger. Er gesteht ihm aber zu, durchaus literarische Qualität zu besitzen: "Der Text ist so gut aufgebaut und spiegelt die Persönlichkeit des Königs so gut wider, dass bis jetzt niemand die Echtheit der Audienz in Frage gestellt hat."

Der Internet-Blog von Luc Roger, der auch die Ergebnisse seiner Recherchen über Ludwig II. beinhaltet, hat die Adresse munichandco.blogspot.de

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SZ vom 21.10.2017/mkro
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