Süddeutsche Zeitung

Corona-Tests in Garmisch-Partenkirchen:Überraschend negativ

Die Massentests in Garmisch-Partenkirchen ergeben gerade drei positive Ergebnisse. Damit kommen Zweifel auf, ob die als Superspreaderin bezeichnete US-Bürgerin wirklich so gefährlich war - oder eine Fehleinschätzung vorliegt.

Von Matthias Köpf, Garmisch-Partenkirchen

Laut den Ergebnissen der Massentests vom Wochenende haben sich in Garmisch-Partenkirchen bisher nur drei weitere Menschen mit dem Coronavirus angesteckt. Dies gab Landrat Anton Speer am Dienstagnachmittag bekannt. Bei 740 Abstrichen liegt der Anteil der positiven Proben damit weit niedriger als vielfach befürchtet und erwartet. Insgesamt gibt es derzeit 59 Infektionsfälle, die Region gilt weiter als Hotspot. Die Behörden hatten vor allem jüngere Menschen zur Teilnahme an den Tests aufgerufen, nachdem bekannt geworden war, dass sich eine 26-jährige US-Amerikanerin in der vergangenen Woche trotz Krankheitssymptomen und eines ausstehenden Testergebnisses nicht an ihre Quarantäneauflage gehalten und stattdessen eine Garmischer Cocktailbar besucht hatte. Tags darauf belegte ihr Testergebnis, dass sie tatsächlich an Corona erkrankt war.

Von den drei nun bestätigten Neuinfizierten haben laut Landrat Speer zwei Personen die amerikanische und eine die deutsche Staatsbürgerschaft. Bei allen drei gebe es einen Zusammenhang mit der 26-Jährigen: Eine Person arbeitet demnach in der besagten Cocktailbar, zwei waren gleichzeitig mit der jungen Frau Gäste eines Irish Pub in Partenkirchen - dies aber noch vor deren Corona-Test und damit auch vor der Quarantäneverfügung. Unter den Getesteten vom Wochenende waren zahlreiche weitere Kneipengänger, teilweise hatten sie sich zur gleichen Zeit in den gleichen Lokalen aufgehalten wie die 26-Jährige. Speer lobte die große Beteiligung an den Tests. Zugleich merkte er an, dass die Kontaktverfolgung dadurch erschwert werde, dass viele Menschen in die Gästelisten der Lokale falsche Namen und Telefonnummern eingetragen hätten.

Das Verhalten der jungen Amerikanerin war in den vergangenen Tagen auf scharfe Kritik unter anderem von Bayerns Innenminister Joachim Herrmann und Ministerpräsident Markus Söder gestoßen. Beide hatten hohe Bußgelder gefordert, falls sich die Vorwürfe bestätigen sollten. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen die Frau seit Montag wegen fahrlässiger Körperverletzung. Allerdings ist weiterhin offen, für wie viele Infektionen die Frau überhaupt konkret verantwortlich gemacht werden kann. Ein eigener Hotspot innerhalb von Garmisch-Partenkirchen war schon Ende vergangener Woche das Hotel Edelweiss, eine Erholungseinrichtung der US-Streitkräfte, in der die junge Frau als Zivilangestellte arbeitet. Es sei dort nicht exakt nachvollziehbar, "wer genau wann wen angesteckt hat", räumte Speer nun ein.

Die vom Landratsamt zunächst als "Superspreaderin" dargestellte 26-Jährige muss demnach nicht zwingend die erste Infizierte sein und alle anderen angesteckt haben. Sie mitgerechnet gab es allein beim Personal des vorübergehend geschlossenen Hotels bis zum Sonntag 25 Corona-Fälle. Fast alle hatten die US-Streitkräfte zunächst selbst diagnostiziert und gemeldet. Militärärzte, die eigens aus dem US-Lazarett im pfälzischen Landstuhl eingeflogen worden waren, hatten im Edelweiss 78 Beschäftigte getestet. Speer rechnet nun auch die drei neuen Infektionsfälle zu diesem "Cluster Edelweiss". Man arbeite mit den Amerikanern gut zusammen und sei zuletzt auch mit eigenen Leuten auf dem US-Gelände gewesen. Dabei habe man den Eindruck gewonnen, dass dort die üblichen Hygieneregeln eingehalten würden.

Die Marktgemeinde und mit ihr der ganze Landkreis liegen trotz der wenigen neuen Fälle weiterhin etwas über dem als kritisch definierten Wert von 50 Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner binnen sieben Tagen. Bis mindestens Ende dieser Woche gilt in allen Lokalen in Garmisch-Partenkirchen eine auf 22 Uhr vorgezogene Sperrstunde. In der Öffentlichkeit dürfen sich nicht mehr als fünf Menschen versammeln, private Zusammenkünfte sind auf 50 Menschen in Innenräumen und 100 unter freiem Himmel beschränkt. "Es war wichtig, dass wir sehr schnell tätig geworden sind", sagte Speer dazu am Dienstag. Zugleich gebe es derzeit keine Veranlassung für weitere Schritte. "Wir sind kein Krisengebiet, problemlos können die Touristen zu uns kommen", fügte Speer angesichts etlicher Abreisen und Stornierungen in den vergangenen Tagen hinzu. Zugleich rief er dazu auf, weiter vorsichtig zu sein und sich testen zu lassen. Allein am Montag haben das rund 300 weitere Menschen getan, die Ergebnisse dieser Tests stehen allerdings noch aus.

Mit welchen Folgen die 26-jährige Kneipengängerin rechnen muss, ist ebenfalls noch offen. Sollten sich die Vorwürfe erhärten, droht ihr allein wegen des Quarantäneverstoßes ein Bußgeld von bis zu 2000 Euro. Eine eventuelle Strafbarkeit wegen Körperverletzung hängt unter anderem davon ab, dass sich weitere Infektionen und Erkrankungen eindeutig auf sie zurückführen lassen. Ob sie zivilrechtlich für die Kosten etwa der Massentests haftbar gemacht werden kann, muss das Landratsamt nach eigenen Angaben noch prüfen.

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SZ vom 16.09.2020/mmo
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