Süddeutsche Zeitung

Wirtshäuser:Online Hygiene bewerten - Pranger oder nötige Transparenz?

Die Organisation Foodwatch stößt mit ihren Plänen bei Restaurant-Lobbyisten auf Kritik. Gewarnt wird vor Denunzianten, die "leichtfertig Existenzen vernichten".

Kolumne von Johann Osel

Der Haferlgucker - einer, der neugierig in Töpfe schaut - hat eigentlich einen guten Ruf. Das liegt vielleicht an der gleichnamigen Sendung bei "München TV", in der ein Gastwirt bei Kollegen einkehrt und beträchtliche Mengen Braten verspeist, manchmal Sushi. Einst aber hatte der Begriff auch eine negative Note, er meinte einen pedantischen Haushaltsvorstand.

Die Landshuter Zeitung beschrieb vor etwa 150 Jahren einen "alten Haferlgucker" auf dem Markt: "ein Herr, wahrscheinlich Pensionist", der erst kurz vor Standschluss "den Bauern um einige Pfennige billiger die Hendl oder Ganserl abfeilscht, was ihn für die ganze Woche in eine rosige Stimmung versetzt". Aktuell werden Haferlgucker von manchen wieder kritisch beäugt, und zwar, wie sollte es heute anders sein, in digitaler Version.

"Topf secret" macht Behörden-Berichte öffentlich

Wie steht es um die Hygiene im Lieblingslokal? Die Organisation Foodwatch fordert mehr Transparenz. Auf dem Portal "Topf secret" kann man Gaststätten eingeben und via Blankoantrag kommod behördliche Kontrollberichte anfordern. Verstöße blieben sonst geheim, formale Anträge seien kompliziert, heißt es. Die Nachfrage in Bayern sei hoch - fast 2000 Anträge in der ersten Woche.

Jetzt aber greift ein Akteur mit Ruf wie Donnerhall ein: der VEBWK, Verein zum Erhalt der bayerischen Wirtshauskultur. Die Lobbyisten hatten von 2007 an die Rauchverbotsgegner in den Kampf geführt und viele zehntausend, meist qualmende Mitglieder hinter sich. Es wurde leiser um den Klub, der nach eigener Angabe nun 8000 Beitragszahler hat. Dass der Vorsitzende Franz Bergmüller inzwischen AfD-Politiker ist, sorgte für Querelen. Veranstaltungen des Vereins sind aber oft gut besucht.

Als "Pranger" geißelt der VEBWK das Portal: Konkurrenten, Scherzbolde oder Denunzianten könnten es missbrauchen und "leichtfertig Existenzen vernichten". Nutzer könnten kaum differenzieren, ob das Amt ein Gammelkühlhaus oder nur eine abgeplatzte Küchenfliese moniert, ob also echte Mängel vorlägen. Die Überwachung der Ämter funktioniere, auch ohne "selbsternannte Essenretter". Foodwatch kontert: Drei Viertel aller Betriebe erführen keinerlei Beanstandung. Falls jedoch ein "Schmuddelbetrieb" dabei sei, müsse man das wissen dürfen. Weil der Staat nicht aufkläre, so heißt es sinngemäß, brauche man digitale Haferlgucker.

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SZ vom 28.01.2019/vewo
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