Süddeutsche Zeitung

Brauerei im Bayerischen Wald:Ein außergewöhnliches Erbstück

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Die Schlossbrauerei Drachelsried blickt auf eine rund 500-jährige Traditionsgeschichte zurück. Nach dem Tod ihrer Besitzerin soll sie nun das Katholische Hilfswerk Missio in die Zukunft führen. Doch wie kann das gelingen, ganz ohne Erfahrung?

Von Hans Kratzer, Drachselsried

In der modernen Arbeitswelt ragt einer wie der Brauer Lorenz Aschenbrenner als ein Unikum heraus. Menschen wie er, die ihrem Betrieb auf ewig die Treue halten, sind rar geworden. "54 Jahr bin i schon dabei", sagt er tief unten im Gärkeller der Schlossbrauerei Drachselsried, wo er gerade eine Probe aus der Bierleitung abzapft, Geschmackskontrolle.

"Des is pfenningguad", stellt er fest, und das gilt für seinen Job genauso wie für das Getränk, das seit jeher den schönen Namen Respekt-Bier trägt. Aschenbrenner ist jetzt 68 Jahre alt, eigentlich Rentner, und doch werkelt er immer noch täglich in der Brauerei mit. Eine Existenz ohne die Firma kann er sich gar nicht vorstellen. "Des is mein Leben", beteuert er, während er sich den Schaum vom Mund wischt. "I bin jeden Tag da, auch am Wochenende", sagt er nicht ohne Stolz, wobei die Vogelfeder auf seinem Jagerhut leicht wackelt, als wolle sie seine Worte bestätigen.

Zuletzt war Aschenbrenner als Braumeister tätig. "Sonst gäbe es die Brauerei schon nimmer", sagt der neue Geschäftsführer Reinhard Obermeier. Tatsächlich stand die seit gut 500 Jahren bestehende Traditionsbrauerei an einem Scheidepunkt. Am 1. Januar 2022 starb die Inhaberin Maria Anna Bruckmayer, sie stand kurz vor ihrem 90. Geburtstag. Bis zuletzt führte sie das Kommando. Ihr größter Wunsch lautete, die Ära der Brauerei möge auch nach ihrem Tod weiterlaufen. Direkte Erben hatte die Chefin nicht. Deshalb kam sie auf eine ungewöhnliche Idee.

Sie vererbte ihren Besitz an das Katholische Missionswerk Missio München, dem sie sich tief verbunden fühlte. Nun ist es keine Seltenheit, dass Brauereien unter kirchlicher Obhut stehen. Die Brauerei Hacklberg, eine der größten in Niederbayern, gehört beispielsweise dem Bistum Passau. Für Missio aber ist es eine ungewohnte Erfahrung, plötzlich eine Brauerei zu besitzen. Das ist wahrlich keine alltägliche Herausforderung.

Missio-Präsident Monsignore Wolfgang Huber kündigte sofort an, die Brauerei in die Zukunft zu führen: "Wir wissen aus Gesprächen mit Frau Bruckmayer, dass es ihr sehr wichtig war, das Lebenswerk der Familie über ihren Tod hinaus zu sichern. Ihr letzter Wille ist uns Auftrag und Verpflichtung." Im Testament steht geschrieben, dass der Betrieb für mindestens fünf Jahre aufrechterhalten werden muss.

Markus Müller, Finanzchef von Missio und Stellvertreter des Präsidenten, fährt zurzeit jede Woche einmal dienstlich in den Bayerischen Wald. Bei einem Rundgang durch die Brauerei wirkt er einerseits beseelt, hier ein gutes Werk fortsetzen zu dürfen, andererseits sind auf seiner Stirn auch Sorgenfalten zu erkennen. "Wir tragen jetzt eine große Verantwortung", sagt Müller, "hier geht es nicht nur um den Fortbestand einer Brauerei, sondern auch um die Bewahrung von Heimat, Tradition und nicht zuletzt um Arbeitsplätze." Ans Verkaufen denke man überhaupt nicht, bekräftigt Müller, auch wenn es durchaus Interessenten gäbe.

Nicht nur Lorenz Aschenbrenner brennt für seine Brauerei. Alle zwölf Angestellten sagen unisono, der Betrieb sei ihr Leben, sie könnten sich nichts anderes vorstellen. Seit 1995 ist der 42-jährige Dieter Drechsler dabei, auch er ein gelernter Brauer und Mälzer. Er desinfiziert an der Füllanlage gerade mit 130 Grad heißem Dampf das Innere eines Fasses. Schon als Bub hatte er gemerkt: "Der Beruf gefällt mir. Und er gfreit mi heute noch!" Dass es weitergeht, daran hatte er nie einen Zweifel. "Unsere Chefin hat immer gsagt, dass wir dableiben kinnan. Ich hab vollstes Vertrauen in die neuen Besitzer."

Schon 1558 wird in einer Beschreibung der Hofmark Drachselsried eine Brauerei erwähnt. In den gut 500 Jahren ihres Bestehens hat sie viele Notzeiten erlebt, Weltkriege, Inflation. In der Hochinflationszeit von 1923 gab die Schlossbrauerei sogar ein Notgeld heraus, was sonst nur Banken tun durften.

Auch Bürgermeister Johannes Vogl schaut an diesem Tag in der Brauerei vorbei. Er freut sich, dass die Brauerei weitergeführt wird, dass die Arbeitsplätze im Ort bleiben. Neben der Schlossbrauerei gibt es in dem 2400-Einwohner-Ort auch noch die Brauerei Falter, "zwei Brauereien, das ist unser Alleinstellungsmerkmal", sagt Vogl. Überdies existieren noch fünf Lokale, "unsere Leut gehen halt noch ins Wirtshaus." Der Höhepunkt im Ort aber ist die viertägige Kirchweih im September, da leuchten schon jetzt die Augen der Brauer und Bierfahrer, deren Häupter durchgehend mit Jagerhüten bedeckt sind.

Doch bei aller Freude am Feiern, die Familie Bruckmayer blieb von Schicksalsschlägen nicht verschont. Davon weiß Büroleiterin Gudrun Ebnet ein Lied zu singen, die schon 35 Jahre im Dienste der Brauerei steht. Frau Bruckmayer, so erzählt sie, habe sich um das Wirtshaus und um die Pensionen gekümmert. Nachdem aber ihre beiden Söhne und ihr Mann gestorben waren, sorgte sie von 2009 an auch noch für den Fortbestand der Brauerei. Die Chefin habe immer gesagt: "Wenn ma zammhoitn, dann schaff ma des." Sie habe immens viel gearbeitet, sagt Ebnet.

Um 5 Uhr sei sie aufgestanden, und an jedem Vormittag habe sie die Telegymnastik des Bayerischen Fernsehens mitgemacht. "Heut war's anstrengend", habe sie manchmal geklagt. Kein Wunder, das Fitness-Mädchen hatte dem Publikum empfohlen: "Schonen Sie sich nicht, ihr Herz wird es ihnen danken." "Ja, Chefin!", seufzte Ebnet, "aber doch ned mit 87!"

Als Katholisches Missionswerk fördert Missio München nach eigener Aussage das Wirken der Ortskirchen in Afrika, Asien und Ozeanien. Dank seiner Spenderinnen und Spender unterstützt das Hilfswerk aktuell knapp 800 Projekte in 56 Ländern. Missio kümmert sich um Bildungsprojekte, um kirchliche Infrastrukturen, um die Gleichberechtigung von Männern und Frauen sowie um den interreligiösen Dialog. Und jetzt kommt auch noch eine Brauerei dazu.

Als ersten Schritt zur Zukunftssicherung berief die Brauerei den erfahrenen Braumeister Reinhard Obermeier, der zuletzt für die Brauerei Hacklberg tätig war, als Geschäftsführer. Dass er der Richtige ist, erkannte Bürgermeister Vogl auf Anhieb: "Er redt wia mia!" "Wir werden viel erneuern und investieren müssen", stellte Obermeier fest. "Das Potenzial ist da", sagt Finanzchef Müller, "und das Bier ist gut." 7000 Hektoliter beträgt der Ausstoß, eine Marge, die auf alle Fälle gesteigert werden soll. "Zum Glück haben wir keinen Druck von Aktionären", sagt Müller. "Alles darf in Ruhe wachsen." Ähnlich wie die Stiftung der Münchner Augustiner-Brauerei will auch Missio in Drachselsried still im Hintergrund walten.

Und wie geht es mit Lorenz Aschenbrenner weiter? "Mei", sagt er, "i hab hier so viel erlebt. Jeder Tag, wenn i in d'Arbat geh, is schee." Es gab auch Schattenseiten, natürlich. Vor Jahrzehnten geschah auf dem Brauereigelände ein Mord, später wurde ein Mann von einem Anhänger erdrückt. Und dennoch: "Mir schmeckt 's Bier, des is a Medizin", sagt Aschenbrenner. "Wenns mi brauchan, mach i weiter, ganz klar!" "Den geben wir ned her, der gehört zum Inventar", sagt Geschäftsführer Obermeier.

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