Süddeutsche Zeitung

Unter Bayern :Söders neues Rollenmodell

Der Ministerpräsident ist wandelbar, das hat er im Lauf seiner politischen Karriere bewiesen. Gerade arbeitet er wieder am neuen Image. Warum eine Raute gut dazu passen würde.

Glosse von Franz Kotteder

Zurzeit geht wirklich vieles durcheinander. Menschen tun Dinge, die man nie von ihnen erwartet hätte oder finden Gemeinsamkeiten, die undenkbar schienen. Markus Söder spricht aus freien Stücken von "klar politisch motivierter Gewaltkriminalität von rechts" am fünften Jahrestag des Attentats am Olympia-Einkaufszentrum in München. So etwas blieb bislang Linksterroristen oder Islamisten vorbehalten, alles andere waren ja verwirrte Einzeltäter. Womöglich rückt die Staatsregierung demnächst gar von der Einzeltäterthese beim Bombenanschlag auf das Oktoberfest ab. Da gibt es auch einen Jahrestag, in zwei Monaten. Es ist aber erst der 41.

Oder der Ortstermin im Überschwemmungsgebiet: Den nimmt der Beinahekanzlerkandidat Söder (CSU) gemeinsam mit dem Kanzlerkandidaten Scholz (SPD) wahr, mitten im Wahlkampf, und die beiden schenken sich fast schon verliebte Blicke. Jedenfalls schaut es ganz, ganz anders aus, wenn Söder seinen Vize und Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger, den Impfverweigerer, anblickt.

"Mei Liaba!", sagt der Bayer dazu, und das ist alles andere als eine Liebeserklärung. Aiwanger ist für Söder das, was Andi Scheuer für die Merkel ist: eine etwas seltsame Beigabe unter Nullnummernverdacht, die man zwar nicht verdient hat, aber billigend in Kauf nehmen muss, wenn man weiterregieren will. Immerhin eignen sich sowohl Scheuer als auch Aiwanger sehr gut als Watschenmänner.

Olaf Scholz soll ja in der Berliner SPD-Zentrale den Spitznamen "der Merkel" haben, das könnte erklären, warum Söder so gut mit ihm kann. Denn eigentlich sieht sich der bayerische Ministerpräsident als natürlicher Nachfolger der Kanzlerin, daher auch seine neue Vorliebe für wissenschaftsbasierte und vernunftbegründete Aussagen. Das war nicht immer so.

Söder war ja mal CSU-Generalsekretär, als man dafür noch keine Intellektuellendarsteller wie Markus Blume nahm, sondern richtige Haudraufs. Heute aber sagt sich Söder: "Der Armin ist für mich das, was der Edmund für die Angela war - nur eine Marginalie auf dem Weg ins Kanzleramt."

Momentan bastelt er, wie einst Merkel, am Image als Klimaversteher, und seien wir ehrlich: Eine "Söderraute" würde zu einem Bayern doch sehr viel besser passen als zur Kanzlerin.

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SZ vom 24.07.2021/infu
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