Süddeutsche Zeitung

Schulen in der Pandemie:Kommen sie oder kommen sie nicht?

Am Montag sollen die meisten Klassenzimmer wieder besetzt sein, doch ob das klappt, steht längst nicht fest. Die Schulleiter sorgen sich um die Kinder - wegen des Virus, aber auch wegen der Psyche.

Von Anna Günther

Der verbrannte Schweinsbraten ist für Ulrich Anneser ein Zeichen. Dafür, wie dringend seine Zehntklässlerinnen nach Monaten ohne Unterricht in der Schule jeden Moment brauchen. Für die Abschlussprüfung und fürs Gemüt. Am Morgen sollten die Mädchen im Fach "Ernährung und Gesundheit" Schweinsbraten machen. Scharf anbraten, hieß es. Ergebnis: Feuer, Notalarm, Aufregung. Mittags kann der Chef der Erzbischöflichen Mädchenrealschule Franz von Assisi in Freilassing darüber lachen. Nix passiert. "Die Mädchen haben in diesem Jahr noch nicht wirklich gekocht", sagt Anneser. Bis zur Abschlussprüfung muss es sitzen.

Um die Zehntklässlerinnen macht er sich keine Sorgen, der Distanzunterricht lief gut, sie sind in der Schule und motiviert. Dringender sei, dass Fünft- und Sechstklässler nach drei Monaten daheim wiederkommen. "Die wissen gar nicht mehr, wie es ist 45 Minuten auf dem Platz zu sitzen."

Jeder Tag in der Schule zählt in diesem Corona-Schuljahr. Das gilt für ganz Bayern und besonders im Berchtesgadener Land. Schon vor den Allerheiligenferien mussten die Schulen dort zwei Wochen lang komplett schließen. Da galt in vielen Regionen Bayerns noch Corona-Alltag. Mitte Dezember folgte für alle Lockdown zwei. Zwölf Wochen Schulunterricht hatten die Schüler im Berchtesgadener Land bisher, geht alles gut, bleiben 16 bis zu den Sommerferien. Aber die Infektionszahlen und der Anteil der Corona-Mutanten in Bayern steigen, überall, und besonders im Osten.

Eigentlich sollten vom kommenden Montag an 90 Prozent der 1,7 Millionen Schüler wieder in die Schule gehen. Ob das klappt, ist fraglich. Am Donnerstag lagen laut Robert-Koch-Institut (RKI) gut 20 der 96 Landkreise und kreisfreien Städte über der 100er-Marke. Dort bleiben die Schüler daheim im Distanzunterricht, allein die Abschlussklassen dürfen in die Schule. Bitter ist das für Gegenden, die um die 100 pendeln. Also zwischen der Aussicht auf Wechselunterricht und Distanzlernen daheim. So wie das Berchtesgadener Land. Am Donnerstag lag die Inzidenz bei 89,7 - am Vortag weit über 90. Ob seine Schülerinnen am Montag kommen oder nicht, weiß Realschuldirektor Anneser erst am Samstag. Er sei das ja gewohnt, "aber für die Mädchen ist das große Anspannung und Stress".

Im nahen Laufen spricht Maurice Flatscher vom "Damoklesschwert Hunderterinzidenz". Für die Kinder werde die "Unsicherheit" immer schwieriger. Bei einem Fünftel der Schüler sehe er große Motivationsprobleme, allen fehle das soziale Miteinander, sagt der Direktor des Rottmayr-Gymnasiums. Wie Anneser vermisst er eine effiziente Teststrategie der Staatsregierung, das lange angekündigte Konzept reiche nicht. Mit häufigen Schnelltests wäre Schule bei hoher Inzidenz möglich, sagen sie. Auf der anderen Seite der Salzach laufe das besser: In Österreich würden Schüler mehrmals pro Woche getestet. Ohne negativen Corona-Test dürften gut 100 von Flatschers Schülern gar nicht die Landesgrenze in ihre Heimat überqueren.

Während Anneser und Flatscher noch bangen, hat das Landratsamt in Wunsiedel Fakten geschaffen: Die Schulen bleiben auch nächste Woche komplett zu. Sogar Abschlussklassen müssen daheim bleiben. Sie dürften bei einer Inzidenz über 100 in die Schule. Wunsiedel lag am Donnerstag laut RKI bei 257. Platz drei bundesweit. Eine Sprecherin des Landratsamtes verwies auf das hohe Infektionsgeschehen und das "verstärkte Auftreten von Virusmutationen".

Joachim Zembsch ist damit hoch zufrieden, die Abiturienten des Luisenburg-Gymnasiums in Wunsiedel wohl auch. Er habe sie zuvor gefragt, ob sie wieder kommen wollen, aber der Distanzunterricht laufe gut, sagt der Direktor. Die Antwort war klar: Nein. "Ich würde am liebsten bis Ostern zu lassen", sagt Zembsch. Sorgen macht er sich um die Jüngeren und um die Mittelstufe: "Die Schüler sind seit Mitte Dezember nicht in der Schule und es ist völlig offen, wann die zurückkommen."

Die Regionen an der Grenze zu Tschechien gleichen auf der RKI-Karte seit Wochen einem Band in Rot bis Dunkelrot. Trotzdem fordern Abgeordnete der CSU-Landtagsfraktion sowie einige Landräte, noch vor Ostern wenigstens die Grundschulen zu öffnen. Sie argumentieren mit Schnelltests, Pooltests und Impfungen. Flächendeckend ist davon allerdings noch nichts einsetzbar. Die Regeln sind klar: unter 50 Vollbetrieb in den Grundschulen und Wechsel für die älteren, über 50 Abstand oder Wechsel für alle, über 100 nur für die Abschlussklassen.

Aber offenbar kann die Staatsregierung dem Druck nicht mehr standhalten. Obwohl sogar Experten, die Ministerpräsident Markus Söder (CSU) beraten, eindringlich vor Lockerungen und dritter Welle warnen. Am Mittwoch verwies das Kultusministerium auf die Infektionsschutzverordnung. Donnerstag erklärte Minister Michael Piazolo (FW), dass mit "intensivem Testen" auch über der 100er-Grenze "mindestens die Grundschulen wieder öffnen können". Und zwar schon vor Ostern.

Das Problem beim Freitesten unabhängig von Inzidenzwerten ist aber, dass nicht einmal die lange angekündigten Selbsttests für Schulen überall ausgeliefert sind, wo sie versprochen waren. Auch Anneser und Flatscher warten. Dazu kommt, dass bei diesen 1,3 Millionen Selbsttests Regionen mit Inzidenz über 100 so wenig eingeplant waren wie Schüler unter 15 Jahren, die sich nun auch freiwillig testen lassen können. Laut Gesundheitsministerium sollen am Donnerstag 49 der 96 Regionen beliefert worden sein. Die Gebiete mit einer Inzidenz über 100 und weitere Lieferungen sollen nun "sukzessive" folgen.

Entsprechend energisch protestieren die bayerischen Lehrerverbände gegen die Öffnung der Schulen am Montag, nennen Massentests sowie Impfungen als Bedingung für offene Schulen. Derzeit werden offiziell nur Grund- und Förderschullehrer geimpft. Der Philologenverband (BPV) berichtet sogar von Gymnasiallehrern, die ihre Impfung einklagen wollen. Auch die Landtagsopposition äußert scharfe Kritik an der Staatsregierung: Die SPD spricht von "Test- und Impfchaos", die FDP von "hektischem Herumwurschteln" Piazolos und von "Ausreden".

Obwohl sich die Direktoren in Freilassing, Laufen und Wunsiedel über fehlende Teststrategien, Lieferungen und Impfungen ärgern, dominiert ein anderes Thema: die Wissenslücken der Schüler angesichts des längeren Lockdowns (Berchtesgadener Land) und die fehlende Öffnungsperspektive (Wunsiedel). Von einem Corona-Jahrgang wollen sie nichts hören, aber die Schulleiter vermissen klare Ansagen des Ministeriums, wie langfristig mit den Wissenslücken der Schüler umzugehen ist.

Freiwillige Förderkurse wie von Piazolo kürzlich verkündet, seien keine Lösung. Flatscher fordert abgespeckte Lehrpläne und landesweit einheitliche Tests, um zu sehen, wo die Kinder stehen. Essentiellen Stoff würde er mit intensiver Förderung und Lehrern als Tutoren nachholen. Auch Anneser bietet Förderkurse. Zembsch favorisiert neben Nachholpflicht das Flexijahr, also der Option ein Schuljahr in zwei Jahren zu machen. Für all das bräuchten sie mehr Personal. "Zurzeit wird sehr viel Geld ausgegeben", sagt Flatscher, "das wäre eine sinnvolle Investition."

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SZ vom 12.03.2021/kafe
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