Süddeutsche Zeitung

Hochschulen:Mehr Frauen auf die Lehrstühle

Nach einer aktuellen Studie hinkt Bayern bei der Zahl der Professorinnen den anderen Bundesländern hinterher. Wie eine Social-Media-Kampagne das ändern soll.

Von Anna Günther

In einer Bildungsrangliste schneidet Bayern schlechter ab als Berlin, Brandenburg, Hamburg und Bremen, schlechter als Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen? Das ist ungewöhnlich für den in Bildungsdingen erfolgsverwöhnten Freistaat und doch seit Jahren Fakt, wenn es um die Professorinnen an Universitäten und Hochschulen geht. 2019 waren nur 21,7 Prozent der bayerischen Professuren in weiblicher Hand. Und das, obwohl Frauen die Hälfte aller Studierenden ausmachen und ihr Anteil unter den Promovierenden zuletzt bei 43 Prozent lag. In Berlin, Spitzenreiter des aktuellen "Hochschulrankings nach Gleichstellungsaspekten" des Leibniz-Instituts für Sozialwissenschaften, sind es mehr als 30 Prozent Professorinnen.

Die Gleichstellungsbeauftragten der Unis und Hochschulen beklagen Bayerns Hinterherhinken seit Jahren. Um mehr Frauen auf den Beruf Professorin aufmerksam zu machen, initiiert die Landeskonferenz der Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten der Hochschulen (Lakof) nun eine Social-Media-Kampagne. An diesem Donnerstag beginnt "Werde Professorin" mit einer digitalen "Kickoff"-Veranstaltung.

Die Kampagne sei nötig, weil die Situation an Hochschulen für angewandte Wissenschaften (HaW) noch schwieriger sei als an Universitäten, findet Elke Wolf, stellvertretende Lakof-Sprecherin und Frauenbeauftragte der Hochschule München. Groß wirkt der Unterschied dabei nicht: Die bayerischen Unis kommen auf 22,3 Prozent Professorinnen, die HaW auf 21 Prozent. Aber anders als Unis haben HaW kein Promotionsrecht, sie können daher keinen eigenen Nachwuchs ranziehen, sagt Wolf, und zu wenige Frauen in der Industrie wüssten von der HaW-Professur als Karriereoption. Berufspraxis ist Voraussetzung für den Lehrauftrag an den HaW. Wolf ergriff daher mit Brigitte Kölzer von der Hochschule Rosenheim die Initiative, die Politik tut beiden zu wenig.

Das Problem ist nicht neu. Zwar sagt Wissenschaftsminister Bernd Sibler (CSU) oft, wie wichtig ihm Frauenförderung sei. Er will den Anteil der Professorinnen auf 30 Prozent steigern und verpflichtete Unis und Hochschulen, in den Zielvereinbarungen mit dem Freistaat konkrete Werte zur Frauenförderung festzulegen. Wer diese nicht erreicht, muss sich rechtfertigen oder gar Fördergeld zurückgeben. Wie Hochschulen diese Ziele angehen, bleibt ihnen aber selbst überlassen. Manche haben umfangreiche Programme zur Förderung des weiblichen Nachwuchses, familienfreundliche Konzepte, Präsidenten nennen das Thema "Chefsache". Andere nicht.

Dass die 30-Prozent-Marke mit den bis 2022 geltenden Zielvereinbarungen erreicht wird, bezweifeln Frauenbeauftragten wie Elke Wolf allerdings. Sie spricht von 0,8 Prozentpunkten pro Jahr und Hochschule. Das sei realistisch und machbar, auch "wenn es nach nicht besonders viel klingt und nicht besonders viel ist". Das Problem: Berufungen seien die einzige Stellschraube, um den Anteil der Professorinnen zu erhöhen, aber so oft werden Professuren nicht neu besetzt.

Im Februar 2020 versprach das Ministerium, das neue Hochschulgesetz werde den Professorinnen-Schub bringen. In den Eckpunkten zum geplanten "Hochschulinnovationsgesetz" steht vage: "Die Förderung von Gleichberechtigung und Vielfalt" habe als "eigenständige Aufgabe besondere Bedeutung. Die Verhinderung von Diskriminierung und die tatsächliche Gleichstellung der Frauen und von Menschen mit Behinderung stehen im Mittelpunkt der sozialen Aufgaben der Hochschule."

Dabei wäre der große Schub jetzt möglich, sagt Wolf, aber ausgerechnet bei der Hightech-Agenda (HTA), die Bayerns Unis und HaW allein 100 Professuren für Künstliche Intelligenz bringt, sei "Geschlechtergerechtigkeit" nicht eingepflegt worden. Die meisten Stellen entstehen in Naturwissenschaften und Informatik. Männerdomänen. Wenn Geschlechtergerechtigkeit dabei nicht stets an allen Hochschulen mitgedacht werde und die meisten Stellen mit Männern besetzt würden, könne die HTA sogar fatal sein, sagt Wolf. "Das könnte uns für zehn, 15 Jahre zurückwerfen."

Ideen für den Professorinnen-Schub gibt es: Studentensprecher und Vertreter des wissenschaftlichen Mittelbaus schlagen in ihrem Konzept zur Hochschulreform ein Kaskadenmodell vor, um Gleichberechtigung und Diversität voranzutreiben. Das Kaskadenmodell fordert auch der frühere Wissenschaftsminister Wolfgang Heubisch (FDP), es wird von der Deutschen Forschungsgesellschaft und dem Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften empfohlen. Gemessen am Anteil der Männer und Frauen unter den Promovierenden einer Hochschule wird eine Quote für die Professuren errechnet. Pauschale Quoten für alle 32 staatlichen Unis und Hochschulen sind dagegen kaum realistisch umsetzbar.

In Nordrhein-Westfalen wurden Quoten nach dem Kaskadenmodell vor 14 Jahren mit dem Hochschulfreiheitsgesetz eingeführt. Der Anteil der Professorinnen habe sich deutlich erhöht, heißt es aus dem Düsseldorfer Wissenschaftsministerium: Von zehn Prozent in 2000 auf 25,7 Prozent in 2017. Ob das eine Folge der "Gleichstellungsquoten" ist, wurde nicht evaluiert.

NRW liegt im Ranking wie Bayern im Mittelfeld, aber drei Plätze vor dem Freistaat. Zufrieden ist Bayerns Wissenschaftsminister damit nicht. "Die Erhöhung des Anteils von Frauen in der Wissenschaft und die Weiterentwicklung ihrer Karrierechancen geht mir noch zu langsam vorwärts. Wir müssen in diesem Bereich deutlich besser werden", sagt Sibler. Aber eine konkrete Geschlechterquote für Bayerns Hochschulen war bisher kein Thema. Sibler setzt auf die Zielvereinbarungen, ein Stipendienprogramm für Promotionen und Habilitationen sowie eine neue Studie des Staatsinstituts für Hochschulforschung und Hochschulplanung. Nun heißt es aus dem Ministerium, dass "Prozentsätze durchaus Aspekte" seien, die diskutiert würden. Die Idee des Kaskadenmodells sei ein "interessanter Ansatz" und eines von vielen Modellen, die gerade zur Hochschulreform diskutiert werden. Die Frauenförderung solle im Gesetz auch konkreter formuliert sein als derzeit in den Eckpunkten. Im Frühjahr könnte ein Entwurf vorliegen.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.5166158
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 07.01.2021/vewo
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.