Süddeutsche Zeitung

Volksfeste und CSU:Der Mythos Bierzelt ist vorbei

Auf den Volksfesten findet sich ein Querschnitt der Gesellschaft? Das behauptet die CSU gerne, allerdings war das schon vor Corona ein Selbstbetrug. Ein neues politisches Spiel hat begonnen.

Kommentar von Roman Deininger

Im Corona-Jahr 2020 ist das Bierzelt ein immer noch legendärer, aber kein relevanter Ort der bayerischen Politik. Fleißkärtchen gehen an CSU und Freie Wähler, die sich tapfer bemühten, die Tradition des Redewettstreits beim Volksfest Gillamoos zumindest online zu pflegen. Die Wahrheit ist freilich: Der Mythos Bierzelt war schon gehörig gerupft, lange bevor der Infektionsschutz sein Übriges tat.

Vor allem die CSU hatte sich über Jahrzehnte in der Überzeugung eingerichtet, dass im Bierzelt die politische Wahrheit liege, weil dort ein Querschnitt der Gesellschaft versammelt sei. Im unglückseligen Landtagswahlkampf 2018 war das Bierzelt für den Spitzenkandidaten Markus Söder ein Zufluchtsort, an dem er sich Beifall und das Gefühl holte, auf einem guten Weg zu sein. Schon damals war das Selbstbetrug. Bayern ist bunter geworden, nicht mehr jeder geht ins Bierzelt - und wenn, dann nicht zwingend in eines der CSU.

"Näher am Menschen" ist der Slogan der Partei. Aber wo ist der Mensch von heute anzutreffen? Gewiss nicht im Bierzelt oder am Stammtisch allein. Die CSU hat sich immer ihrer Grasverwurzelung gerühmt; diesen Trumpf will sie nun in die digitale Ära retten. Am Montag schauten ihrem Rede-Livestream 50 bis 100 Leute zu. Ein neues politisches Spiel hat begonnen, und die CSU muss erst zeigen, wie gut sie darin ist.

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Quelle:
SZ vom 08.09.2020/infu
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