Süddeutsche Zeitung

Die Krise des ADAC:Whistleblower, bitte melden!

Der ADAC will sich erneuern - und fordert seine Mitglieder auf, Missstände auf einer externen Website zu melden. Allerdings: Die Offenheit des Vereins hat ihre Grenzen, wie das zweifelhafte Geschäft mit Provisionen zeigt.

Von Hans Leyendecker, Bastian Obermayer und Frederik Obermaier

In manchen Unternehmen gibt es die Kultur des Wegsehens, in andern herrscht die Kultur der unanständigen Gewinnmaximierung, und vielerorts gilt die Kultur der organisierten Verantwortungslosigkeit.

Selten kommen alle Kulturen in einem Haus zusammen. Beim ADAC scheint es genau so zu sein.

Das Publikum kommt in diesen Tagen mit dem Zählen der Skandale und Skandälchen kaum noch nach. Jeder Schlag ins Kontor zieht einen anderen nach sich: Das Frisieren von Zahlen, die Mauscheleien bei Tests, die Schiebereien bei Statistiken, die kleine Bereicherung durch den Verkauf von Batterien - wohin man schaut, es ging wirklich nicht nach den Regeln des anständigen Kaufmanns zu.

Es wurde abgegriffen, abgezockt, mitgenommen. Und das alles wurde auch noch als Samaritertum ausgegeben. Die anständigen gelben Engel verstellten den Blick auf ein moralisch kaputtes System. Ins Haus wurden jetzt Spezialisten für Krisenkommunikation geholt, und die sind immer noch bei der Bestandsaufnahme. Die Staatsanwaltschaft überlegt, ob sie ein Ermittlungsverfahren einleiten soll.

Reformen und ein Zehn-Punkte-Plan

Aber bald soll in dem Pannenverein alles ganz anders werden. Der Automobilklub legte am Freitag einen "Zehn-Punkte-Plan zur Erneuerung des ADAC" vor. Als "tiefgreifender Reformprozess" wird der Plan angekündigt. Ziel: die "Erneuerung des ADAC", Beseitigung "der Missstände" und die Verwandlung in eine "transparente und zeitgemäße Organisation".

Das heißt übersetzt: Der ADAC, der fast 19 Millionen Mitglieder hat und sich als Macht im Staate fühlte und (merkwürdigerweise ) auch so gesehen wurde, ist ziemlich am Ende. "Wir müssen alles Etablierte auf den Prüfstand stellen und Strukturen, Abläufe, Regeln und auch unsere bisherige Kultur kritisch hinterfragen" gibt ADAC-Präsident Peter Meyer das Ziel vor.

Die zehn Themenbereiche des Reformprogramms beginnen mit den Begriffen "Selbstverständnis und Leitlinien" und enden mit "Sofortmaßnahmen". Dazwischen sollen Produkte, Studien, Tests und Auszeichnungen, Strukturen und Rechtsformen, Führung und Mitarbeiter reformiert werden. Die Programmorganisation soll verändert und der Beirat erneuert werden. Alles von vorn. Die gelben Engel sollen keine Prämien mehr für den Verkauf von Batterien erhalten, und die Oberen sollen nicht mehr ihre Diensttouren im ADAC-Rettungshubschrauber absolvieren. Mit dem Auto oder dem Zug geht es auch. Das machen die meisten Bürger so.

Wie einst Siemens, Daimler und Thyssen-Krupp

ADAC-Mitglieder sollen bei der großen Veränderung auch mitmachen: Auf einer externen Website sollen sie - auch anonym - auf konkrete Missstände hinweisen können. Whistleblower, bitte melden, der ADAC braucht euch dringend!

Ein zentraler Punkt des Reformprogramms ist natürlich die Compliance, nach der immer dann gerufen wird, wenn alles den Bach runterzugehen droht. Die Kanzlei Freshfields soll die Compliance-Strukturen der ADAC-Zentrale und der 18 Regionalklubs überarbeiten. Es soll einen Chief Compliance Officer geben.

Mit einer neuen Compliance haben schon viele Unternehmen, die gestrandet waren, einen Neuanfang gesucht: Siemens etablierte nach dem großen Korruptionsfall eine neue Compliance-Struktur, Thyssen-Krupp, Ferrostaal, Daimler und viele andere Unternehmen setzten nach Krisen neue Compliance-Maßstäbe.

Der Begriff wird in der Wirtschaftswelt inflationär verwendet und meint eigentlich eine ganz einfache Sache. Ein Verein, ein Unternehmen braucht ein Geländer, das Halt gibt. Das Geschäftsgebaren soll nicht nur mit Gesetzen, sondern auch mit den gesellschaftlichen Wertvorstellungen und denen des Vereins übereinstimmen.

Eine Kultur des Richtigen

Compliance läuft darauf hinaus, dass Regelverstöße unter keinen Umständen akzeptiert werden. Demnach müssen Unternehmen Maßnahmen gegen Mitarbeiter ergreifen, die auffällig geworden sind. Jeder muss wissen, was das Richtige ist, und er muss in einer Firmenkultur arbeiten, die das Richtige erwartet und unterstützt.

Natürlich gab es schon vor der Krise beim ADAC Compliance-Richtlinien, aber die Struktur des Unternehmens, das stille Gegeneinander von Haupt- und Ehrenamt, das Miteinander von Samaritertum und hartem Geschäft, der Schizo der Gleichzeitigkeit von Verbraucherverein und Kommerzunternehmen - das alles hat die alte Compliance überfordert.

Auch der Präsident hat daran seinen Anteil. Ein komischer Präsident. Er macht Dienstflüge mit den Rettungshubschraubern und sagt dann, das werfe "ein schlechtes Licht auf den Verein". Am Sonntag konnte ihn die Republik bei Günther Jauch erleben, und da gab es einen Moment, in dem etliche ADAC-Mitarbeiter zusammengezuckt sein müssen: Da erklärte Meyer, der Verein selbst habe nichts von dem ADAC-Mitgliedervorteilsprogramm und sei daran "provisionsmäßig gar nicht" beteiligt.

Neue Offenheit, altes Problem

Wenn das die neue Offenheit ist, hat der Verein das alte Problem. Es wird getrickst. Denn es ist falsch, dass der ADAC nicht profitiert. Das Programm läuft so: Der ADAC vereinbart mit Firmen wie Best Western, Shell oder Kärcher, dass Mitglieder dort Vorteile bekommen. Mal sind es drei Prozent, mal zehn. Der Vorteil für die Firmen: mehr Kunden, mehr Umsatz. Auch wenn die Marge geringer ausfällt als bei anderen Kunden - es lohnt sich.

Es lohnt sich aber auch für den ADAC. Denn seine Partner geben häufig auch etwas zurück, und wenn man für ein Vermittlungsgeschäft etwas bekommt, nennt man das gemeinhin: Provision. Ein Sprecher des Hochdruckreinigerherstellers Kärcher erklärt es so: "Das ist ein Paket. Der Vorteil des ADAC liegt darin, dass wir im Gegenzug in der ADAC-Zeitschrift Motorwelt und im Internet ein bestimmtes Kontingent an Anzeigen buchen." Ein klassisches Kuppelgeschäft.

Kuppelgeschäfte, wohin man blickt

Ähnlich liegt der Fall beim Standheizungshersteller Webasto und dem Raststättenbetreiber Tank & Rast: Anzeigen gegen Teilnahme am Vorteilsprogramm. Die Hotelkette Best Western dagegen bezahlt für jedes ADAC-Mitglied, das über das Programm eine Übernachtung bucht, eine Provision, allerdings nicht an den ADAC direkt, sondern an "ARC-Europe" - den Dachverband der "acht führenden Automobil-Clubs in Europa". Darunter: der ADAC.

Tatsächlich profitiert der ADAC also sehr wohl vom Mitgliedervorteilsprogramm, und laut einem ehemaligen, hochrangigen Mitarbeiter ist das auch kein Zufall: "Deswegen haben wir das ja gemacht."

Nun könnte Meyer sich hinstellen und sagen, bei Jauch seien ihm Dinge durcheinandergeraten. Die Aufregung, all der Detailkram, wer soll das alles wissen. Aber es kommt nur eine dünne Stellungnahme: "Der ADAC kann und darf aus rechtlichen Gründen keinerlei Auskunft zu Vertragsinhalten mit Kooperationspartnern geben." Es können Dinge verrutschen in der Kommunikation. Schlimm ist es, wenn das dauernd passiert. Harte Compliance-Leute reagieren auf so was mit null Toleranz.

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Quelle:
SZ vom 08.02.2014/hart
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