Süddeutsche Zeitung

Unkontaktierte Völker:Aus einer anderen Welt

Noch immer leben etwa hundert Völker ohne Verbindung zur Zivilisation. Ihre Existenz wird gelegentlich durch Fotos bestätigt. Der Kontakt zu diesen Menschen kann für beide Seiten höchst gefährlich sein.

Peter Burghardt

Manchmal dringen verstörende und faszinierende Bilder aus dem Dschungel. Sie zeigen halbnackte Menschen, die wahrscheinlich nicht gesehen werden wollen, aber wohl mindestens einmal gesehen werden müssen, damit auch Politiker verstehen, dass es sie wirklich gibt.

Experten kennen ihre Existenz, es verbergen sich auf der inzwischen recht ausführlich studierten Welt immer noch ungefähr hundert Völker ohne Verbindung zur Zivilisation. Jenseits von Coca-Cola, Jeans und anderen Symbolen der Globalisierung. Mit Sprachen, die außer ihnen fast niemand spricht.

Sie tauchen zwischen den Bäumen auf wie sehr seltene Tiere, und zuweilen ist da plötzlich eine Kamera, die ihre Gesichter auf Computer, Fernsehschirme und Zeitungsseiten bannt. In diesem Fall sah ein spanischer Forscher durch sein Teleobjektiv und drückte ab.

Diego Cortijo, 27, reiste mit einer Expedition durch den Nationalpark Manú im Südosten Perus. "Es war reiner Zufall", sagt er. Eine Nacht verbrachten die Wissenschaftler bei einem Ureinwohner aus dem Stamm der Matsigenka, Nicolás Flores, genannt Shaco. Er hatte schon länger mit Weißen hier und Nomaden der Mashco-Piro dort zu tun. Am Morgen hörte Shaco Geräusche und führte seine Gäste an den Fluss Madre de Dios. Am anderen Ufer standen und saßen Männer, Frauen und Kinder auf Holzstämmen. Sie trugen nur so etwas wie Lendenschurze, und aus ihren Blicken sprach eine Mischung aus Ablehnung und Neugierde.

Durchbohrt von Pfeilen

Cortijo fotografierte aus dem halbwegs sicheren Abstand von 120 Metern. Der Einheimische Shaco interpretierte den Auftritt der Waldmenschen mit ihrem Wunsch nach Macheten, er kannte manche Gewohnheiten und verstand Wortfetzen. Doch wenige Tage danach war Shaco tot, durchbohrt von Pfeilen.

Es sieht so aus, als seien sich die Mashcos uneinig über den Kontakt zur Außenwelt", vermutet in der Zeitung El País der Reporter Scott Wallace, Autor des Buches "The Unconquered" (Die Uneroberten). Demnach kommen die Mashco-Piro aus jener Gegend, in der 1894 der peruanische Kautschukhändler und Abenteurer Carlos Fermín Fitzcarraldo einige ihrer Vorfahren massakrieren ließ, die sich seinem Geschäft widersetzten. Die Figur inspirierte Werner Herzog für seinen grandiosen Film. Die Überlebenden zogen sich danach noch tiefer in den Regenwald zurück und sind Fremden gegenüber aus gutem Grund misstrauisch.

Die Organisation Survival International verbreitete mit Cortijos Genehmigung jetzt die Fotos. Es seien, so die Bewegung für indigene Völker, "die detailliertesten Aufnahmen, die es bisher von unkontaktierten Indianern gibt". Die Lebenszeichen sollen dazu ermahnen, die Mashco-Piro in Ruhe zu lassen. Illegale Holzfäller sowie Techniker mit Hubschraubern und Motorbooten auf der Suche nach Öl und Gas drängen sie weiter ab, obwohl das Gebiet Manú unter staatlicher Aufsicht steht und zum Naturerbe der Unesco zählt. Auch fallen in der Umgebung Goldsucher und Drogendealer ein. Die Phantasie regt die grüne Wildnis unterhalb der Anden außerdem deshalb an, weil in dem kaum erschlossenen Gebiet Paititi vermutet wird, der mythenumrankte Zufluchtsort der Inka.

Der mutmaßliche Mord der Mashco an jenem Nicolás Flores alias Shaco gilt als Warnung. "Er glaubte, dass er den Mashco-Piro helfen würde", schreibt sein Freund, der Anthropologe Glenn Shepard. Doch "bei diesem tragischen Zwischenfall" hätten "die Mashco-Piro erneut ihren felsenfesten Wunsch ausgedrückt, allein gelassen zu werden." Zuletzt wurden sie offenbar öfter gesichtet, das hat vermutlich vor allem mit der Invasion der Kahlschläger und Touristen zu tun. Urlauber hinterließen am Fluss sogar Kleidung, wie ein Video bewies. Survival International war entsetzt. Perus Regierung fordern die Menschenrechtler auf, die bedrohten Mashco-Piro besser abzuschirmen.

Gefährlich für beide Seiten

"Es könnte jeden Moment zum Kontakt kommen", fürchtet die peruanische Aktivistin Beatriz Huertas. Das müsse verhindert werden. Kontakt kann gefährlich sein. Für beide Seiten, dauerhaft aber besonders für Exoten wie die Mashco-Piro. Zwar meint Carlos Soria von der Katholischen Universität in Lima: "Sie können sich verteidigen." Pfeil und Bogen sind ihre Waffen. Nicht verteidigen können sie sich indes gegen Krankheiten wie Grippe oder Darminfekte, weil sie dagegen keine Abwehrkräfte entwickelt haben.

Bereits in den vergangenen Jahren hatten Zeugnisse aus dem Dickicht Debatten angeregt. David Grann erzählt in dem Bericht "Die versunkene Stadt Z", wie US-Entdecker Percy Fawcett einst auf der Suche nach dem sagenumwobenen Ort im Amazonasgebiet verschwand, möglicherweise bei abgelegenen Stämmen. Und Fotos aus einem Flugzeug zeigten vor einiger Zeit, wie brasilianische Waldbewohner am Envira-Fluss mit roter Kriegsbemalung ihre gespannten Bögen auf die Cessna von Brasiliens Indianerbehörde Funai richten.

Vor allem im Grenzgebiet von Peru und Brasilien kommt es zunehmend zu Zwischenfällen, seit eine Straße Atlantik und Pazifik verbinden soll, mitten durch den Busch. Kritiker solcher Projekte und der Ölsuche hatte Perus Ex-Präsident Alan García einst verspottet - Umweltschützer hätten die Figur des nicht entdeckten Indianers erfunden. Doch in der Funai-Maschine saß der weißbärtige Spezialist José Carlos Meirelles, der diese Indianer seit zwei Jahrzehnten beobachtet.

Man müsse dem Staat und der Menschheit beweisen, dass diese Völker existieren, sagt er. Ein Bild sei da mehr wert als tausend Studien. Sonst kämen Holzfäller und Minenarbeiter, "und die schießen keine Bilder, sondern mit Waffen".

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SZ vom 06.02.2012/mcs
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