Süddeutsche Zeitung

Zoologie:Kopf ab

Forscherinnen haben Meeresschnecken entdeckt, die gelegentlich ihren Körper abwerfen und einen ganz neuen ausbilden.

Von Christian Weber

Es war ein bisschen gruselig, was die Doktorandin Sayaka Mitoh von der Nara Women's University in Japan eines Tages im Labor entdeckte. Immerhin ging es nur um ein paar nicht wirklich hübsche, grünlich-schleimige, millimeterwinzige Schlundsackschnecken, die sich normalweise in den Algenzonen der Meeresküsten tummeln und die kein Mensch beachtet. So brauchte es den scharfen Blick der Wissenschaftlerin, die eines Tages bemerkte, dass ihre Forschungsobjekte irgendwie kopflos geworden waren, beziehungsweise umgekehrt: ihren Körper verloren hatten.

Das berichtet Mitoh gemeinsam mit ihrer Promotionsbetreuerin Yoichi Yusa in der aktuellen Ausgabe des Fachmagazins Current Biology: Die Meeresschnecken pflegen eine bislang in der Biologie in dieser extremen Form nicht gekannte Praxis sogenannter Autotomie. So nennt man die Fähigkeit mancher Tiere, etwa von Eidechsen, einen Schwanz oder ein anderes Körperteil meist auf der Flucht abzuwerfen und ihn nachwachsen zu lassen. Doch im Aquarium des japanischen Labors rollten nun ein paar Köpfe herum.

"Wir waren überrascht zu sehen, dass die Köpfe sich unmittelbar nach der Autotomie bewegten", sagt Sayaka Mitoh. "Wir dachten, dass er ohne Herz und andere wichtige Organe schnell sterben würde, doch dann staunten wir erneut, als wir sahen, dass sich der ganze Körper regenerierte."

Unklar ist vor allem der Sinn der ganzen Prozedur

Zwar zuckte auch der abgeworfene Körper und reagierte auf Berührung, je nach Individuum einige Tage oder sogar Monate lang, bevor er starb. Das eigentliche Wunder jedoch geschah mit dem Kopf: Binnen Tagen schloss sich die Wunde am Hinterkopf. Schon nach wenigen Stunden fraß der Kopf selbständig Algen. Binnen einer Woche entwickelte sich ein neues Herz. Nach drei Wochen strahlte die Schlundsackschnecke wieder in kompletter Pracht. Ein Individuum zeigte diesen Zyklus sogar zweimal im Beobachtungszeitraum. Allerdings haben offenbar nur die jüngeren Schnecken diese ungewöhnliche Fähigkeit zur Regeneration. Ältere Tiere werden zwar auch gelegentlich kopflos, sterben dann aber binnen zehn Tagen.

Rätsel bleiben. So verstehen die beiden Wissenschaftlerinnen noch nicht, welche Signale den Trennungsprozess in Gang setzen und wie die Meeresschnecken den Wiederaufbau ihres Körpers hinkriegen. Womöglich befinden sich an der Schnittstelle am Hals Stammzellen, die den Regenerationsprozess steuern. Unklar ist vor allem auch der Sinn der ganzen Prozedur. Eine Möglichkeit könnte sein, dass die Tiere mit ihrem Körper innere Parasiten loswerden, die sie bei der Reproduktion stören.

Immerhin weiß man, mit welcher ungewöhnlichen Fähigkeit sich der körperlose Kopf ernähren kann: Er versorgt sich mit sogenannten Chloroplasten aus Algen, die nach dem Verzehren weiterhin Photosynthese betreiben und so den Organismus mit Energie versorgen.

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