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Forschungsvergehen:Wissenschaftler in den Knast

Im Umgang mit dem Erschaffer der Crispr-Babys kann man China einiges vorwerfen. Doch es ist richtig, dass der Biophysiker zu einer Haftstrafe verurteilt wird. Auch Forscher müssen sich für ihre Taten verantworten.

Wissenschaftler sind auch nur Schurken - oder, anders ausgedrückt: Menschen mit einem mehr oder weniger ausgeprägten Hang zu Lüge, Betrug, Profitgier oder Größenwahn. Das wurde auch diese Woche noch einmal klar, als der chinesische Forscher He Jiankui wegen der genetischen Manipulation von Babys zu drei Jahren Haft und einer Geldstrafe verurteilt wurde. Man kann China im Umgang mit dem Fall einiges vorwerfen, etwa den geheimen Prozess. Das Urteil und die verhängte Strafe aber sind richtig. Insbesondere, weil sie von Seiten des Staats gefällt und bemessen wurden - und nicht von der Wissenschaft selbst.

Es sollte eigentlich immer und überall auf der Welt so sein, dass der Gesetzgeber eingreift und straft, wenn Wissenschaftler Grenzen überschreiten. Selbst in Deutschland gibt es für den konkreten Fall, also das unethische Spiel mit möglichem menschlichen Leben, zwar ein Gesetz. Leider ist das Embryonenschutzgesetz aber so veraltet, dass He hier wohl freigesprochen worden wäre.

Was passiert mit weniger aufregenden Verfehlungen?

Doch geht es in der Forschung nicht nur um Embryonen. Die Frage ist, wie man mit all den anderen, weniger aufregenden Verfehlungen verfährt, die regelhaft und überall passieren. Da werden Anträge auf Fördergeld mit recycelten Papieren aufgehübscht, Fotos in Studien gefälscht, ganze Journale erfunden, Doktorarbeiten abgeschrieben, Interessenkonflikte verschwiegen oder Forschungsergebnisse mitsamt der zugehörigen Daten frei erfunden.

So hat das Labor der Nobelpreisträgerin Frances Arnold vom Caltech in Pasadena erst am Freitag eine Studie aus Science zurückgezogen, weil Arnolds Doktorand die nötigen Daten nicht nachweisen konnte. Natürlich ist die Karriere des Doktoranden damit beschädigt, Arnold aber macht weiter. Die Wissenschaft regelt ihre Fälle eben intern und schützt ihre Lieblinge - wie auch im Fall Niels Birbaumer, der Daten selektiv auswertete, um zu behaupten, er könne mit Locked-in-Syndrom-Patienten kommunizieren. Zwei interne Kommissionen haben den Fall untersucht und alle Vorwürfe bestätigt.

Wissenschaft ist Teil der Gesellschaft

Mit welchen Folgen? Birbaumer bekommt von der DFG vorerst kein Geld mehr. Das ist alles. Auch in Heidelberg wurde der Skandal um einen angeblichen Bluttest auf Brustkrebs trotz seiner öffentlichen Relevanz innerhalb der Universität geregelt. Kurioserweise bleibt der Bericht der Kommission unter Verschluss, weil der Hauptverdächtige, der Chef der Frauenklinik Christof Sohn, vor Gericht eine Unterlassung erwirkte - also beim Staat.

Eine verkehrte Welt ist das, und es ist höchste Zeit, sie auf die Füße zu stellen. Wissenschaft ist Teil der Gesellschaft, sie muss sich auch vor der Gesellschaft verantworten. Das geht nur vor Gericht.

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Quelle:
SZ vom 04.01.2020
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