bedeckt München 14°
vgwortpixel

Gentechnik:Schöpfer der Crispr-Babys zu drei Jahren Haft verurteilt

Genetisch veränderte Babys in China

He Jiankui sei illegal medizinisch tätig gewesen, befand ein Gericht.

(Foto: dpa)
  • Der chinesische Forscher He Jiankui muss wegen seiner genetischen Menschenversuche ins Gefängnis.
  • In einem geheimen Gerichtsverfahren wurde der Wissenschaftler für zahlreiche Vergehen verurteilt.
  • Aus den Experimenten des Chinesen ist wahrscheinlich mittlerweile ein drittes Baby hervorgegangen.

Der geistige Vater der ersten drei sogenannten Crispr-Babys, He Jiankui, ist von einem Bezirksgericht in der chinesischen Provinz Guandong zu drei Jahren Gefängnis und einer Geldstrafe von knapp 400 000 Euro verurteilt worden. Wie die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua am Montag mitteilte, wurden zudem über zwei Mitarbeiter des Wissenschaftlers längere Haftstrafen verhängt. Der South China Morning Post zufolge wurde das Verfahren gegen den Forscher und seine Mitarbeiter geheim durchgeführt, um "bestimmte beteiligte Personen" zu schützen.

Im Urteil heißt es nun, He und seine Mitarbeiter hätten illegale Versuche zur Geburt von genetisch manipulierten Kindern vorgenommen, Dokumente gefälscht und insgesamt "die Grenze medizinischer Ethik überschritten". Die Verurteilten hätten lediglich nach Ruhm und Profit gestrebt und dafür mutwillig gegen wissenschaftliche Regeln verstoßen.

He war vor gut einem Jahr mit einem Schlag berühmt geworden, als er im Vorfeld einer internationalen Konferenz in Hongkong die Geburt der ersten zwei genetisch veränderten Babys in seinem Youtube-Channel bekannt gab. Gemeinsam mit einem kleinen Team von Kollegen hatte He im Rahmen einer künstlichen Befruchtung Embryonen mithilfe der sogenannten Genschere Crispr-Cas manipuliert. Das Werkzeug erlaubt zumindest theoretisch eine relativ präzise Veränderung des Erbguts. Erfolgt eine solche Manipulation in Keimzellen oder sehr frühen Embryonen, wird sie auch an die folgenden Generationen weitergegeben. Experten sprechen von einem Eingriff in die Keimbahn.

Medizin Der Mensch steht an der Schwelle eines neuen Zeitalters
Genetische Experimente

Der Mensch steht an der Schwelle eines neuen Zeitalters

Zwei Kinder sind angeblich in China geboren worden: Sie sollen die ersten genetisch veränderten Babys sein - ein Eingriff in die Evolution. Darf der Mensch so etwas tun?   Von Kathrin Zinkant

Nach eigener Aussage nutzte He Crispr-Cas, um die Embryonen gegen eine Infektion mit dem Aids-Erreger HIV immun zu machen. Ob ihm die dafür nötige Manipulation gelungen ist, wird von den meisten Fachleuten allerdings stark bezweifelt. Bislang ist zudem noch immer nicht völlig sicher, ob die Crispr-Babys wirklich existieren. Zwar hatte die chinesische Staatsagentur Xinhua bereits im Januar dieses Jahres die Geburt der Zwillinge Nana und Lulu bestätigt; inzwischen soll auch ein drittes Baby aus der Versuchsgruppe geboren worden sein. Doch eine unabhängige Untersuchung der Kinder durch internationale Experten ist immer noch nicht erfolgt.

He verschwand sehr bald nach seiner Ankündigung von der Bildfläche. Zunächst wurde vermutet, es sei unter Hausarrest gestellt worden, bald gab es erste Vermutungen, dass ihm ein Prozess und eine Haftstrafe drohen könnten.

Mit seiner Ankündigung setzte eine heftige internationale Debatte darüber ein, wie mit Menschenversuchen zum Eingriff in die Keimbahn künftig umzugehen sei. Zwar sprachen sich Forschungsorganisationen weltweit für eine Ächtung von Keimbahneingriffen beim Menschen aus, allerdings zeigte sich schon bald, dass es auch Wissenschaftler gibt, die dies anders sehen. So kündigte der russische Genetiker Denis Rebrikow im vergangenen Juli an, Menschen, die wegen eines erblichen Defekts taub geboren sind, mit Hilfe der Genschere zu normal hörenden Kindern verhelfen zu wollen.

Die Aufarbeitung des Falls He belegt zudem, dass auch Forscher außerhalb Chinas über die Versuche des Biophysikers informiert waren, aber darüber schwiegen. Insofern ist mehr als fraglich, ob etwa das von der Weltgesundheitsorganisation eingesetzte Expertengremium zur Regulierung von Keimbahneingriffen die Entwicklung noch aufhalten kann.

Für He allerdings ist es nun endgültig vorbei mit dem Eingriff ins menschliche Erbgut. Nach dem Ende seiner Haft darf er sich an keinerlei reproduktionsmedizinischen Experimenten mehr beteiligen.

© SZ.de/beu
Medizin Eingriffe in die Keimbahn sind kein Tabu mehr

Genome Editing

Eingriffe in die Keimbahn sind kein Tabu mehr

Der Ethikrat schließt nicht mehr kategorisch aus, dass Mediziner eines Tages Gene von ungeborenen Kindern verändern. Richtig so, denn damit macht er den Weg frei für die Zukunft.   Kommentar von Hanno Charisius

Zur SZ-Startseite