Süddeutsche Zeitung

Christen und die Prügelstrafe:Glaube, Liebe, Züchtigung

Zwei Erziehungsratgeber evangelikaler Christen empfehlen das Züchtigen von Kindern und rechtfertigen die Prügelstrafe mit der Bibel. Fragen an Jürgen Werth von der Deutschen Evangelischen Allianz.

Markus C. Schulte von Drach

In manchen evangelikalen Freikirchen kursieren Ratgeber mit Anweisungen, wie man Kinder mit der Rute züchtigt. Und eine Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts in Hannover deutet darauf hin, dass gerade sehr religiöse evangelikale Eltern ihre Kinder eher misshandeln als andere Christen. Fragen an Jürgen Werth, 59, den Vorsitzenden der Deutschen Evangelischen Allianz, der größten Organisation evangelikaler Christen in Deutschland.

sueddeutsche.de: Herr Werth, schlagen evangelikale Eltern ihre Kinder häufiger als Anhänger anderer Glaubensrichtungen oder Atheisten?

Jürgen Werth: Ich glaube schon, dass es Leute gibt, auf die die Ergebnisse der Studie von Herrn Pfeiffer zutreffen. Es gibt Kritik an seiner Methode - aber ich will das Problem nicht herunterspielen. Ich finde allerdings diese Verallgemeinerung problematisch. Die Evangelikalen sind eine Bewegung von Christen, die teilweise aus Freikirchlern besteht - die meisten aber kommen aus den evangelischen Landeskirchen. Es sind Christen, die bewusst evangelisch leben wollen.

sueddeutsche.de: In der SZ wurde explizit von evangelikalen Freikirchen gesprochen. Professor Pfeiffer hat für seine Studie nach der Einordnung der Jugendlichen selbst als evangelikal oder als evangelisch unterschieden.

Werth: Professor Pfeffer sagt selbst, dass er an dieser Stelle zu undifferenziert gefragt hat. So gehören für ihn auch Sekten zu den "Evangelikalen". In einer neuen Studie will er präziser fragen. Wir sind in einem guten Gespräch. Die "Evangelikalen" insgesamt sind ja eine Bewegung ohne feste Mitgliedsstrukturen. Ich will gerne zugestehen, dass es an den Rändern dieser Bewegung Gruppen mit etwas merkwürdigen Gepflogenheiten geben mag. Aber die spielen in der Evangelischen Allianz insgesamt überhaupt keine Rolle.

sueddeutsche.de: Können Sie Gruppen, in denen möglicherweise gezüchtigt wird, stärker eingrenzen?

Werth: Das fällt mir schwer. Es gibt zum Beispiel große Gemeinden von Russlanddeutschen. Die führen ein völliges Eigenleben. Ohne die in Sippenhaft nehmen zu wollen - da gibt es noch ganz andere Erziehungsmethoden. Die beiden zitierten Bücher ("Wie man einen Knaben gewöhnt" und "Eltern - Hirten der Herzen"; Anm. d. Red.) stammen aus einem Verlag, der nicht mit der Evangelischen Allianz zusammenarbeitet.

Überhaupt ist das Spektrum der evangelischen Freikirchen sehr groß. Es reicht von pazifistischen Mennonitengemeinden über die Heilsarmee bis zu den Baptisten. Ich persönlich kenne keine Gemeindegruppierung, die das körperliche Züchtigen von Kindern lehrt.

sueddeutsche.de: Und was halten Sie davon, dass Kinder unter Berufung auf biblische Zitate gezüchtigt werden?

Werth: Wer einfach wild aus dem Alten Testament irgendwelche Bibelverse herausgreift und danach seine Ethik ausrichtet, der hat ein Problem. Man muss schon auf die Gesamtbotschaft der Bibel hören. Ich gebe zu, dass es am Rand unserer Bewegung auch Leute gibt, die in manchen Lebens- und Glaubensfragen Positionen vertreten, die ich persönlich überhaupt nicht teilen kann. Wir versuchen immer wieder intern, diese Dinge zu klären.

sueddeutsche.de: Sie würden zum Rand Ihrer Bewegung rufen: "Hört auf damit!"?

Werth: Ganz eindeutig. Gewalt ist kein Mittel der Auseinandersetzung. Vor allem nicht zwischen Eltern und Kindern.

sueddeutsche.de: In den fraglichen Ratgebern geht es nicht um Auseinandersetzungen zwischen Eltern und Kindern. Das Ziel der Züchtigung sei es, dem Nachwuchs das religiöse Weltbild der Eltern zu vermitteln. Die Züchtigung entspricht der Strafe Gottes für Sünde.

Werth: Ich kann Kindern den Glauben nicht per Prügelstrafe einbläuen. Was ziehe ich denn dadurch für unselbständige Individuen heran? Die Botschaft der Bibel ist zusammengefasst doch eindeutig: Liebe Gott und liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst.

sueddeutsche.de: Auch in den Ratgebern ist ständig von Liebe die Rede. Die Rute wird dort aufgrund der Bibelworte als "Instrument der Liebe" empfohlen.

Werth: Oha. Ich kann doch nicht Gesetzmäßigkeiten, die vor 3000 Jahren gegolten haben, in einer völlig anderen Art von Gesellschaft, auf das Hier und Heute übertragen. Da stehen ja noch ganz andere Sachen im Alten Testament, und die übertragen diese Leute auch nicht.

sueddeutsche.de: Evangelikale steinigen zum Beispiel keine Ehebrecher vor den Stadttoren.

Wert: Zum Glück nicht. Ich hoffe nicht, dass noch mal jemand auf diese Idee kommt. Ich glaube umgekehrt, dass es kaum eine andere Bevölkerungsgruppe gibt, in der Kinder so wertgeschätzt werden und wo so viel für sie getan wird wie bei den Evangelikalen. Denken Sie an die Arche in Berlin und anderen Städten, wo man sich um vernachlässigte, missbrauchte, geschlagene Kinder kümmert.

sueddeutsche.de: Man kann Kinder auch anders unter Druck setzen als mit körperlicher Gewalt. Zum Beispiel mit Drohungen, sie kämen in die Hölle, wenn sie bestimmten Einflüssen aus der Umwelt nachgeben würde.

Werth: Wenn so etwas vorkommt, dann distanziere ich mich davon genauso deutlich wie von der körperlichen Züchtigung. Da wird Kindern ja das Bild vermittelt, Gott sei der große Oberpolizist. Aber Gott ist unser liebender Vater im Himmel. Der wartet nicht darauf, uns einen Strafzettel zu verpassen oder noch schlimmere Strafen zu verhängen.

sueddeutsche.de: Das Bild von der Hölle geht allerdings vor allem auf Jesus zurück. Er hat in den Evangelien wiederholt denen mit der Hölle gedroht, die ihm nicht folgen wollen.

Werth: Die Hölle kommt bei Jesus selten vor. Man muss das richtig verstehen. Die Hölle ist die Trennung von Gott. Der Gott der Bibel ist der liebende Gott, der alles versucht, um seine Menschen zurückzulocken. Auch mit Drohungen, klar - aber nicht um sie zu knechten, sondern um sie frei zu machen von anderen Mächten, die sie versklaven. Gott will alle Menschen in seinem Himmel haben.

sueddeutsche.de: Jesus hat die Hölle wiederholt erwähnt und er hat sie mit recht drastischen Worten beschrieben. Ein Feuerofen, wo Heulen und Zähneklappern sein wird ... Manche Eltern, die wollen, dass ihre Kinder in den Himmel kommen, drohen ihnen wie Jesus mit der Hölle.

Wert: Wer aufgrund solcher Drohungen am Glauben festhält, hat eine etwas verquere Art von Glauben. Glauben heißt doch: Ich weiß, ich bin geliebt und gehalten. Wir als Evangelikale predigen, dass Christus für unsere Schuld gestorben ist. "Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten!" heißt es schon im Alten Testament. Man kommt in den Himmel, wenn man sich das gefallen lässt.

sueddeutsche.de: Sie sagen, nicht alles, was im Alten Testament steht, taugt für unsere Gesellschaft. Aber Abraham zum Beispiel hat mit seinem absoluten Willen, sich Gott zu unterwerfen, für Gläubige heute noch Vorbildcharakter. Warum soll man einerseits Abraham als Vorbild ernst nehmen - andererseits aber die Empfehlungen, den Nachwuchs mit der Rute zu züchtigen, nicht? Abraham war immerhin bereit, das eigene Kind zu töten.

Werth: Abraham hatte den Eindruck, Gott nimmt das, was er mir geschenkt hat, wieder weg. Und das ist sein gutes Recht, denn er ist Gott. Kann man das auf das Prügeln übertragen? Wenn irgendwas von mir verlangt wird, was den Anweisungen des Neuen Testaments widerspricht, dann kann das nicht von Gott sein. Luther hat eine herrliche Auslegungsmethode für die Bibel empfohlen. Es komme darauf an, "was Christum treibet". Die Bibel muss immer im Sinne Jesu ausgelegt werden.

sueddeutsche.de: Wie bibeltreu sind Sie eigentlich?

Werth: Das ist eine gute Frage. Für mich ist das Christentum keine Buchreligion. Es ist eine Beziehungsreligion. Es geht um die Beziehung zum dreieinigen Gott. Die Bibel ist das Buch, in dem sich dieser Gott vorstellt. Sie ist kein Bürgerliches Gesetzbuch oder so etwas. Aber sie hilft uns, uns zu hinterfragen, was man tut, denkt und glaubt. Und evangelische Christen suchen das Gespräch mit anderen. Wer sagt: "So ist das, und wir reden nicht mehr darüber", der setzt sich außerhalb der Gemeinschaft der Christen.

sueddeutsche.de: In Europa wächst offenbar die Zahl derjenigen, die die Evolution leugnen und an den Schöpfungsmythos glauben. Das gilt besonders für evangelikale Christen. Da werden wissenschaftliche Erkenntnisse schlicht geleugnet. Steht nicht zu befürchten, dass dann auch wissenschaftliche Erkenntnisse ignoriert werden, die für eine moderne Pädagogik und gegen Züchtigung sprechen?

Werth: Die Überzeugung der Kreationisten ist in unseren Kreisen durchaus verbreitet. Wir alle glauben an Gott den Schöpfer. Nur beim "Wie" der Schöpfung scheiden sich die Geister. Das soll jeder so sehen, wie er mag - solange er nicht darauf besteht, dass man das nur so sehen kann. Aber ich glaube nicht, dass diese Menschen auch sagen: "In der Bibel steht, man soll seinen Sohn züchtigen, also mache ich das." Die deutliche Mehrheit in unserer Bewegung pflegt eine moderne Pädagogik. Trotzdem müssen wir auf diesem Gebiet sicherlich verstärkt arbeiten. Die nächste Ausgabe unserer Zeitschrift EINS, die die Deutsche Evangelische Allianz herausgibt, wird sich mit dieser Thematik beschäftigen.

sueddeutsche.de: Stehen Sie mit Ihrer Überzeugung für die Mehrheit der Evangelikalen in Deutschland?

Werth: Davon gehe ich aus. Aber das ist in einer Bewegung schwer zu belegen. Wir sind auch eine Gesprächsbewegung. Bringen Christen miteinander ins Gespräch. Und das ist immer wieder neu nötig. Paulus sagt: Unser Erkennen ist Stückwerk. Jeder erkennt ein Stückchen. Zu behaupten, jenes Stück, das ich erkannt habe, sei das Ganze, ist anmaßend.

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