Süddeutsche Zeitung

Forschung und Gesellschaft:Wissen an die Macht

Faktenleugner und Tatsachenverdreher sprechen mit immer lauterer Stimme. Dürfen Wissenschaftler da noch vornehm schweigen - weil Fakten angeblich für sich sprechen? Ein Plädoyer für mehr politischen Mut.

Von Kathrin Zinkant

Bisweilen erscheint die Erinnerung unwirklich. So ist es auch mit dem 22. April dieses Jahres, jenem Tag, an dem auf der Prachtstraße Unter den Linden in Berlin 11 000 Menschen für die Wissenschaft Richtung Brandenburger Tor zogen. Ein Aufbruch ohne Beispiel, global koordiniert, mit insgesamt Hunderttausenden Teilnehmern auf mehr als 600 Märschen weltweit, vielen davon in Deutschland. Eine Demonstration, auf der Forscher, Bürger und Politiker gemeinsam skandierten: "Zu den Fakten gibt es keine Alternative".

Der Euphorie ist jedoch wie so oft die Ernüchterung gefolgt, und ein halbes Jahr später stellt sich die Frage: "Wie geht es weiter nach dem March for Science?" In Hannover wollen Wissenschaftler, Journalisten und Bildungsexperten in den kommenden Tagen nach einer Antwort suchen, und die ist tatsächlich dringend angezeigt. Bislang folgte dem Protest gegen die Marginalisierung von Wissenschaft nämlich nicht so viel.

Hält man sich den jüngst beendeten Wahlkampf in Deutschland vor Augen, fehlten wissenschaftliche Themen sogar fast vollständig - als gäbe es keine von Forschung und Erkenntnis grundierten Probleme, die auf eine politische Lösung dringen. Künstliche Intelligenz, Klimawandel, neue Gentechnik, aber auch Migration und demografischer Wandel sind dafür Beispiele. Die Wissenschaftsgemeinde in Deutschland nimmt diese Auslassungen zähneknirschend hin, öffentlich aufbegehrt hat selbst in der heißen Phase niemand. Es ist, als breche ein Tabu, wer den Hörsaal oder das Labor verlässt, um offen zu sagen, wie die Dinge liegen.

Jeder vierte Deutsche hegt Zweifel an der Evolutionstheorie oder lehnt sie sogar ab

Dürfen sich Wissenschaftler in die Diskussion politisch heikler Themen wie Evolution, Impfen oder Klimawandel einmischen? Sollen sie sich dabei an die Öffentlichkeit wenden? Müssen sie es sogar? In Hannover soll Naomi Oreskes von der Harvard University erläutern, warum die Antwort nur dreimal "Ja" heißen kann und niemand davor zurückschrecken sollte, sich zu politischen Fragen zu äußern. Sie hat das schon im Februar gesagt, als sie auf dem Jahrestreffen der American Association for the Advancement of Science in Boston eine umjubelte Rede wider das Schweigen hielt.

Oreskes gilt in den USA als eine Ikone des Kampfes gegen die Leugner und gegen alternative Fakten - jedenfalls in akademischen Kreisen, und dort zumindest unter jenen Wissenschaftlern und Forschern, die sich zunehmend machtlos fühlen. Machtlos nicht nur gegenüber Klimawandelskeptikern oder -leugnern, die gegen alle wissenschaftliche Evidenz behaupten, der Treibhauseffekt sei entweder ein Naturphänomen oder gar eine Lüge. Sondern auch machtlos gegen Impfgegner, Gentechnikfeinde und jene selbsternannten Experten, die in den USA die Schöpfungsgeschichte als zumindest gleichberechtigte Theorie neben Darwins Evolutionslehre stellen wollen.

Die Leugnung gesicherten Wissens hat in den Vereinigten Staaten extreme Formen angenommen, aber die Skepsis gegenüber dem wissenschaftlich Erwiesenen bricht sich längst auch in Deutschland Bahn. Das Wissenschaftsbarometer des gemeinnützigen Vereins Wissenschaft im Dialog hat in seiner jährlichen repräsentativen Umfrage 2017 festgestellt, dass jeder vierte Deutsche Zweifel an der Evolutionstheorie hat oder sie sogar ablehnt.

Jeder Dritte glaubt oder ist sogar überzeugt davon, dass Impfungen Kindern Schaden zufügen. Demnach wird eine der größten Errungenschaften der Medizin, die nachweislich und wissenschaftlich belegt Millionen Menschenleben jährlich auf der Welt rettet, im Heimatland von Paul Ehrlich und Robert Koch von einem substanziellen Teil der Deutschen verleugnet. Wo aber bleibt der Aufschrei der Mediziner, der Protest der Immunologen?

Ohne Kampf geht es nicht

Oreskes zufolge haben Wissenschaftler heute Angst, als Aktivisten oder Interessenvertreter wahrgenommen zu werden, wenn sie sich jenseits wissenschaftlicher Aufsätze oder Meetings politisch äußern. In ihren Studien will die studierte Geowissenschaftlerin erkannt haben, dass Wissenschaftler eine "imaginäre rote Linie" zwischen Wissenschaft und Politik ziehen. Diese Linie zu übertreten erachten viele Forscher als gefährlich für ihre Glaubwürdigkeit. "Lasst die Fakten für sich sprechen", so lautet Oreskes zufolge der Wahlspruch dieser Wissenschaftler. Sie selbst entgegnet: "Fakten sprechen nicht für sich." Es brauche das Wissen der echten Experten, um sie sprechen zu lassen.

Dass man sich mit den Fakten selbst in Echoräumen verbarrikadiert, ähnlich jenen, in denen Impfgegner, Homöopathen und Kreationisten einander das Wort reden, wird immerhin einer wachsenden Zahl von Wissenschaftlern klar - auch in Deutschland. Alle Akademien und Forschungsorganisationen haben mit ihrer Beteiligung am March for Science in deutschen Städten, aber auch durch ein wachsendes Engagement gegenüber der interessierten Öffentlichkeit demonstriert, dass sie die Notwendigkeit des öffentlichen und politischen Dialogs erkennen.

So hat die Nationale Akademie der Wissenschaften im Verbund mit verschiedenen anderen Organisationen Stellungnahmen zur neuen Gentechnik und zur Biomedizin verfasst und darin zumindest Position bezogen. Wissenschaftsorganisationen und Wirtschaftsverbände haben sogar eine Stellungnahme verfasst, die den Parteien in den derzeitigen Koalitionsverhandlungen sehr deutlich machen soll, wie bedeutend die Wissenschaft für die Zukunft der Bundesrepublik ist.

Allerdings zeigen die Vorstöße auch, wie unbehaglich sich die Zunft der Entdecker dabei fühlt, konkrete Handlungsanweisungen zu erteilen und sich damit zu exponieren. Zu bevorstehenden Entscheidungen im Politbetrieb äußern sich Wissenschaftler meist nur, wenn sie als Experten geladen werden. Und dann auch nur hinter verschlossener Türen, ohne dass die Öffentlichkeit davon sehr viel mitbekäme, denn das soll sie ja gar nicht. Die versuchte Änderung des Gentechnikgesetzes war so ein Beispiel für einen politischen Prozess, der von Experten zwar beraten, aber öffentlich kaum diskutiert wurde. Auch zum teuflischen Thema Glyphosat äußerten sich viele Wissenschaftler nur vorsichtig und auf Nachfrage durch die Medien.

Doch es gibt auch andere Beispiele. Erst vergangene Woche hat eine Expertengruppe der Leopoldina öffentlich ein Fortpflanzungsmedizingesetz gefordert, das an die Stelle des völlig veralteten, von wissenschaftlicher Erkenntnis überholten Embryonenschutzgesetzes treten soll. Zuvor hatte ein Kreis von Wissenschaftlern ebenfalls öffentlich einen konkreten Vorschlag dafür unterbreitet, wie die Heilpraktikerausbildung in Deutschland künftig gestaltet werden sollte, um den Erkenntnissen der Medizin gerecht zu werden. Die Reaktionen waren heftig, aber darauf hatten sich die Vertreter des sogenannten Münsteraner Kreises eingestellt. Was sie wollten, war die offene Debatte.

Ohne Kampf geht es eben nicht, sonst überlässt man das Feld den Gegnern der Wissenschaft - und die wissen eines sicher, nämlich wie man es macht. Oreskes hat belegt, dass Zweifler und Leugner die gleichen Strategien benutzen wie einst die Tabakindustrie: Sie präsentieren einfach ihre eigenen Experten, die sich mit bezahlten Gutachten gegen den wissenschaftlichen Konsens stellen, als eine Art Gegenwissenschaft, die aber methodisch nichts mit dem Original zu tun hat.

In der Öffentlichkeit entfalten diese Strategien schon deshalb Wirkung, weil sie Verwirrung stiften. Besonders effektiv aber sind sie, wenn sie unwidersprochen bleiben. Von Vereinen bestellte Gutachten stehen dann plötzlich neben wissenschaftlichen Studien und Analysen, als seien sie gleichwertig. An einer solchen Irreführung kann auch die Öffentlichkeit kein Interesse haben.

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SZ vom 23.10.2017/beu
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