Süddeutsche Zeitung

Eltern-Kind-Kommunikation:Guck mal, eine Ba-na-ne!

  • "Eltern, die kindgerichtete Sprache anwenden, fördern den Spracherwerb ihrer Kinder", schreiben Forscher in einer akutellen Studie.
  • Doch worauf die hilfreiche Wirkung der Babysprache im Detail beruht, weiß niemand sicher.
  • Womöglich reichen ihre Ursprünge sogar weiter zurück als die der menschlichen Sprache.

Vieles im Leben funktioniert bestens, ohne dass die Wissenschaft jedes Detail verstanden hätte. Ein Beispiel dafür ist die sehr spezielle Art, mit der Mütter, Väter, aber auch andere Erwachsene und ältere Geschwister mit Babys und Kleinkindern sprechen: in auffallend hoher Stimmlage, langsam und überdeutlich artikuliert und in kurzen, einfachen Sätzen - Babysprache eben. Wer sich einem Säugling gegenüber sieht, verfällt fast automatisch in diese Sprechweise. Gut so. Denn während Eltern sich zuweilen leicht verblödet vorkommen, wenn sie den Großteil des Tages in Babysprache kommunizieren, sagt die Wissenschaft eindeutig: Die sogenannte kindgerichtete Sprache tut den Kleinsten gut.

"Eltern, die kindgerichtete Sprache anwenden, fördern den Spracherwerb ihrer Kinder", schreibt ein Team um Roberta Michnick Golinkoff von der University of Delaware in den Current Directions in Psychological Science. So weit, so klar. Doch worauf die hilfreiche Wirkung der Babysprache im Detail beruht, weiß niemand sicher. Verkürzt gesagt: Jeder verwendet Babysprache - doch keiner weiß, warum und wie sie im Detail funktioniert. Golinkoff und ihre Co-Autoren drücken es so aus: "Die Frage ist nicht, ob kindgerichtete Sprache eine Rolle für die Sprachentwicklung spielt, sondern wie und wann."

Klar ist immerhin, dass sie bei den Adressaten gut ankommt. "Einige Studien zeigen, dass Babys die kindgerichtete Sprache bevorzugen", sagt Bettina Braun, Leiterin des Babysprachlabors der Uni Konstanz. Untersucht werden solche Präferenzen, indem man den Kindern aus Lautsprechern Sätze vorspielt, jeweils in Baby- und in Erwachsenensprache. Das Abspielen endet, sobald sich das Kind vom jeweiligen Lautsprecher abwendet - ein Zeichen für nachlassende Aufmerksamkeit. Dazu kommt es im Fall der Erwachsenensprache leichter.

Die besondere Sprechweise gegenüber Säuglingen ist biologisch tief verwurzelt

Zu den auffälligsten Merkmalen der Babysprache zählen die hohe Stimmlage, die überdeutliche Artikulation vor allem der Vokale und längere Pausen. So produzierten Mütter in einer Studie durchschnittlich pro Sekunde 5,8 Silben, wenn sie sich mit anderen Erwachsenen unterhielten. Sprachen sie zu ihren Neugeborenen, kamen sie hingegen nur auf 4,2 Silben pro Sekunde. Begleitet werden die Worte typischerweise von einer ausgeprägten Mimik: Reden Mutter oder Vater mit ihrem Baby, lächeln sie mehr und breiter, als wenn sie sich miteinander unterhalten.

Die Unterschiede zwischen kind- und erwachsenengerichteter Sprache finden sich quer durch verschiedene Kulturen - auch wenn sie verschieden stark ausgeprägt sind. In Deutschland sei die kindgerichtete Sprache vergleichsweise unauffällig, sagt Braun. Die interkulturelle Ähnlichkeit weist darauf hin, dass die besondere Sprechweise gegenüber Säuglingen biologisch wohl tief verwurzelt ist.

Babys verstehen und erlernen Worte leichter, wenn ...

Womöglich reichen ihre Ursprünge sogar weiter zurück als die der menschlichen Sprache. In einer aktuellen Studie im Fachmagazin Royal Society Open Science argumentiert ein Team um Marina Kalashnikova von der Western Sydney University, die speziellen Lautäußerungen gegenüber Säuglingen hätten sich bereits in vorsprachlicher Zeit in dem Bestreben entwickelt, weniger einschüchternd auf einen Säugling zu wirken. Im Zuge der Evolution der menschlichen Sprache sei dann ein weiterer Effekt dazugekommen: Babys verstehen und erlernen Worte leichter, wenn sie sie in kindgerichteter Sprache hören.

Diese Lernerleichterung halten viele andere Wissenschaftler hingegen nicht bloß für einen Nebeneffekt, sondern für den ursprünglichen Sinn der Babysprache. Laut einer vor drei Jahren veröffentlichten Untersuchung hatten Kinder, die im Alter von einem Jahr viel Babysprache gehört hatten, mit zwei Jahren einen größeren Wortschatz als Gleichaltrige, mit denen zuvor häufiger in normaler Tonlage und Betonung gesprochen wurde. Babysprache helfe dem Kind, seine Aufmerksamkeit auf das Gesagte und den Sprecher zu lenken, schreibt das Team um Jae Yung Song von der Brown University in Providence, Rhode Island, im Journal of the Acoustical Society of America.

Für die Autoren beruht dieser Effekt ausschließlich auf der langsameren Sprechgeschwindigkeit und der überdeutlichen Aussprache der Vokale. Die hohe Stimmlage spielt ihrer Studie zufolge hingegen keine Rolle. Die Forscher hatten untersucht, wie aufmerksam 19 Monate alte Babys auf die Frage "Wo ist das Buch?" lauschten. Den Satz hörten die Kinder sowohl in der üblichen kindgerichteten Sprache als auch technisch manipuliert, sodass zum Beispiel allein die Stimmlage als Merkmal der Babysprache erhalten blieb. In diesem Fall stellten sie keine Unterschiede zwischen kind- und erwachsengerichteter Sprache fest - ein Hinweis darauf, dass die hohe Stimmlage wenig entscheidend sein könnte.

Dem widerspricht jedoch eine Gruppe um Anne Fernald von der Stanford University. Ihr zufolge liegt es vor allem an der Tonhöhe, dass Kinder Äußerungen in Babysprache mehr Aufmerksamkeit schenken. Bettina Braun und ihre Mitarbeiter wiederum haben in ihrem Labor ermittelt, dass unter anderem ein hoher Stimmton auf betonten Silben (etwa auf dem "na" in "Banane") Babys zu erkennen hilft, wann ein Wort endet und ein neues beginnt. Damit sich die vielen und zum Teil widersprüchlichen Einzelergebnisse künftig besser vergleichen lassen, läuft derzeit ein gemeinsames Projekt mehrerer Babysprachlabore in den USA, Großbritannien und Deutschland.

Für Eltern aber hat Bettina Braun schon jetzt eine beruhigende Botschaft parat: Vermutlich helfe es einem Kind beim Sprechenlernen, wenn es möglichst abwechslungsreichen Input erhalte - wie es im Alltag automatisch geschieht. Mama und Papa reden anders mit ihm als Oma und Opa, und Geschwister, Erzieher oder Nachbarn haben noch einmal ihre eigene Art der Kommunikation. Vor allem betont die Konstanzer Wissenschaftlerin: "Eltern müssen sich sprachlich nicht 'verbiegen', damit das Kind sprechen lernt."

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Quelle:
SZ vom 04.08.2017/fehu
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