Süddeutsche Zeitung

Archäologie:Der kleine Mensch aus Atacama

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Eine in Südamerika entdeckte Mumie erfüllt auf groteske Weise alle Klischees, die über das Aussehen Außerirdischer existieren. Doch Genetiker haben nun herausgefunden, woher das seltsame, winzige Wesen tatsächlich stammt.

Von Christopher Schrader

Was für ein Leben Ata wohl hatte? War es kurz und schmerzhaft, weil er verkrüppelt unter ärmlichen Verhältnissen im Norden Chiles zur Welt kam und dort nach wenigen Jahren starb? War er gar eine Totgeburt? Oder stimmt es, was viele Ufo-Gläubige so gern vermuten: Flog Ata als Elitemitglied einer außerirdischen Zivilisation mit seinem Raumschiff durchs All auf einer Erkundungsmission zur Erde, wo er unter ungeklärten Umständen zu Tode kam?

In jedem Fall verwandelte sich der Leichnam in der knochentrockenen Hitze der südamerikanischen Atacama-Wüste zur Mumie, daher der Spitzname Ata. 2003 wurde sie in der Geisterstadt La Noria gefunden, eingewickelt in ein Tuch. Jetzt haben Forscher der Stanford University den Körper untersucht. Und so sehr sich die Besitzer der Mumie und die Filmemacher, die Ata zu einem Star einer Dokumentation über Ufos gemacht haben, einen wissenschaftlichen Beweis der extraterrestrischen Herkunft gewünscht haben mögen - es wurde dann doch eine menschliche Geschichte.

"Ata ist ein Mensch, daran habe ich gar keinen Zweifel", sagt Garry Nolan von der Stanford University, der DNA aus der Mumie untersucht hat. Ata war ein Junge, der früh zu Tode kam.

Winziger Körper, menschenähnliches Skelett

Mit Nolans Daten werden die ausschweifenden Theorien aber sicherlich nicht beendet: Zu merkwürdig ist der Anblick des vertrockneten Körpers. Er ist nur 15 Zentimeter groß, doch mit einem sehr menschenähnlichen Skelett ausgestattet, wie Röntgenbilder zeigen. Nur die Zahl der Rippen stimmt nicht, es sind zehn statt zwölf. Und der Kopf: Er ist überproportional groß und spitz statt rund. Die Stirn hebt sich weit über die Augen, die wie Gläser einer Sonnenbrille wirken.

Alles in allem ein Antlitz, dass Hollywood-Designer für einen Sciencefiction-Film wie "Men in Black" hätten entwerfen können, in dem Will Smith und Tommy Lee Jones von einer Spezialabteilung der Einwanderungsbehörde unerkannt auf der Erde lebende Aliens jagen.

Doch Ata hat keinen extraterrestrischem Migrationshintergrund, wie Nolan ohne Einschränkung erklärt, obgleich er seine Analyse noch nicht nach den Regeln der Wissenschaft in einer begutachteten Fachzeitschrift veröffentlicht hat.

Nolan hat Atas DNA aus einer Rippe entnommen: "Da gibt es nicht nur viel zelluläres Material, es ist auch besonders gut vor dem Einfluss der Umwelt geschützt", sagt er.

Die DNA-Schnipsel, die er dabei mit Enzymen aus der zermahlenen Probe lösen konnte, eine Technik, mit der unter anderem auch das Genom der Neandertaler entziffert wurde, waren zwischen 100 und 150 Basenpaare, also genetische Buchstaben lang. Als Nolan 500 Millionen solcher Molekülketten mit einem aktuellen menschlichen Genom vergleichen ließ, stimmten 91 Prozent der DNA-Stücke überein. Der Rest von neun Prozent ist indes nicht etwa nichtmenschlich, sondern wurde von der Auswertesoftware aussortiert, weil die Sequenzier-Maschinen oder die Software Fehler gemacht hatten, so der Stanford-Forscher.

Solcher Ausschuss entsteht immer, auch wenn zweifelsfrei menschliches Genmaterial sequenziert wird. "Auch wenn man die DNA sehr gut aufbereitet, muss man mit fünf bis zehn Prozent Ausschuss rechnen", sagt Nolan. Die 91 Prozent menschlichen Erbguts geben ihm zufolge keinerlei Hinweis darauf, dass Ata eine außerirdische Lebensform sein könnte. Trotzdem will Nolan die verworfenen neun Prozent der DNA-Schnipsel noch einmal genauer analysieren.

"Man müsste schon argumentieren, dass dort so etwas wie ein 24. Chromosom drinsteckt, wenn man die Mumie für einen Alien halten will. Menschen haben bekanntlich 23 Chromosomen. Aber wenn Ata ein 24. Chromosom hätte, dann würden auch die ersten 23 nicht so aussehen wie beim Menschen."

Einfallstor für Alien-Anhänger

Die Angabe der 91 Prozent Übereinstimmung ist nun allerdings erwartbar zum Einfallstor für Alien-Anhänger geworden und wird im Internet ausgiebig diskutiert. Manche Kommentatoren auf Webseiten zweifeln Nolans Schlussfolgerung an, wonach Ata ein Mensch gewesen sei, schließlich hätten Primaten wie die Schimpansen ein Genom, das nur zu einem Prozent von dem des Menschen abweiche.

Nolan versucht diesen Vergleich zu entkräften, wo er kann, zum Beispiel in der Diskussionsspalte unter einem Onlinebericht der Zeitschrift Science. Die neun Prozent seien mit hoher Wahrscheinlichkeit wegen technischer Probleme aussortiert worden, nicht weil sie erwiesenermaßen nicht zum menschlichen Referenz-Genom passten. "Alles was wir vergleichen konnten, ist vollkommen menschlich."

Es bleiben Rätsel

Zudem haben die Forscher um Nolan noch das Erbgut der Mitochondrien untersucht, das sind Bestandteile von Körperzellen außerhalb des Zellkerns. Weil Kinder diese allein von den Müttern bekommen, erlaubt es Herkunftsanalysen. Atas Mutter stammte demnach aus der Gegend, wo seine Mumie gefunden wurde. Wann sie und ihr Kind lebten, ist indes ungewiss. Nolan schätzt das Alter der Mumie jedoch in Jahrzehnten, nicht in Jahrhunderten.

Die DNA in der Rippe sei viel besser erhalten gewesen, als er angenommen hatte. Er hatte bereits Hilfe bei Experten vom Leipziger Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie angefragt, wo die Arbeitsgruppe von Svante Pääbo das Erbgut aus 70.000 Jahre alten Neandertaler-Knochen analysiert hat. Aber dann ging alles viel einfacher.

Trotzdem bleiben Rätsel: Nach den vorliegenden Daten ist Ata trotz seines kleinen Körpers womöglich nicht als Früh- oder Fehlgeburt zur Welt gekommen, bereits tot oder sterbend. Stattdessen zeigen Röntgenaufnahmen der Wachstumsfugen seiner Knochen, dass er sechs bis acht Jahre lang gelebt hat. "Er hat geatmet, gegessen, gestoffwechselt", sagt Nolan. Die Forscher prüfen nun, ob den Jungen womöglich eine oder mehrere seltene und schwere Krankheiten plagten: Zwergwuchs und ein dramatisch beschleunigtes Altern (Progerie) sowie eine charakteristische Verformung des Kopfes.

Doch eine Fehlgeburt?

Dann könnte Ata doch eine Fehlgeburt gewesen sein, wie es der Paläoanthroploge William Jungers von der Stony Brook University laut Science annimmt. Einen Hinweis soll eine weitere Untersuchung geben, die Nolan plant. Er will im Rest der Rippenprobe nach Hämoglobin suchen. Im Mutterleib hat ein Baby einen anderen Blutfarbstoff als nach der Geburt. Das Verhältnis zwischen fötaler und erwachsener Version könnte Rückschlüsse auf das Alter geben.

Zugleich will der Stanford-Forscher die Knochen auf einen erhöhten Gehalt von Arsen und Magnesium analysieren. Anthropologen haben ihm geschrieben, in Südamerika hätte man die beiden Elemente bei der Mumifizierung verwendet; sie könnten auch die Veränderungen an der Knochen erklären, die zurzeit auf Atas höheres Sterbealter deuten. Aber warum ein totgeborenes Kind mühevoll mumifiziert worden sein sollte, bleibt rätselhaft.

Den Hauptpersonen des Filmes "Sirius", für den Nolan die Mumie untersucht hat, kann das alles nicht recht sein. Er handelt von Ufo-Gläubigen wie dem Spanier Ramón Navia-Osorio aus Barcelona, der die Mumie gekauft hat, und Steven Greer aus den USA. Er hat dort die Disclosure-Bewegung gegründet, die von der Regierung fordert, ihr geheimes Wissen über Außerirdische zu veröffentlichen.

Die Forderung hat in Greers Version einen Dreh bekommen, der in die Zeit passt. Die Aliens müssten der These des Films zufolge über fortgeschrittene Technologie verfügen, um mit wenig Energie galaktische Distanzen zu überwinden. Auf Erden aber verhindere der Einfluss der Ölindustrie, dass die Regierungen der Welt Forschung in diese Richtung förderten oder auch nur zuließen.

Das Beweisstück Ata ist Steven Greer nun allerdings durch Nolans Arbeit abhandengekommen. Der Stanford-Forscher betont, dass er sich nicht gegen die Filmemacher durchsetzen musste. Steven Greer habe seine Schlussfolgerungen nach einem persönlichen Gespräch akzeptiert; der Film versuche auch nicht, die Laboruntersuchungen anders zu interpretieren als der Wissenschaftler.

"Ich habe von Anfang an betont, dass ich beweisen will, dass die Mumie menschlich ist", sagt Nolan. "Trotzdem gab es natürlich einen Teil von mir, der sich gewünscht hat, dass etwas Interessanteres herauskommt."

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Quelle:
SZ vom 10.05.2013/mcs
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