Süddeutsche Zeitung

Nach Schutz durch Bafin:Deutsche Finanzaufsicht schützt Wirecard vor Spekulanten

Nachdem Hedgefonds das Unternehmen seit Wochen attackieren, schreitet nun die Finanzaufsicht ein. Was ist da los?

Von Harald Freiberger und Nils Wischmeyer

Das gab es in Deutschland noch nie: Die Finanzaufsicht Bafin verbietet Wetten auf einen fallenden Aktienkurs bei einem Dax-Konzern. Es geht um den Zahlungsdienstleister Wirecard aus Aschheim bei München. Das Unternehmen wird seit fast drei Wochen von sogenannten Leerverkäufern attackiert. Mit dem spektakulären Schritt will die Bafin Schaden vom Aktienmarkt abwenden. Durch Leerverkäufe profitieren Investoren davon, wenn eine Aktie fällt. Der Wirecard-Kurs ist seit dem 30. Januar mehrmals massiv eingebrochen, weil die Financial Times wiederholt über angeblichen Betrug und angebliche Geldwäsche eines Managers in Singapur berichtete. Weil die Bafin das Unternehmen jetzt schützt, stieg der Kurs der Wirecard-Aktie am Montag um 15 Prozent. Vorher hatten Leerverkäufer auf die Aktie gewettet. Sie machten durch den Kursabsturz Gewinne in Millionenhöhe.

Wie begründet die Finanzaufsicht den Schritt?

Die Bafin sagt, dass die "ungünstigen Entwicklungen" rund um die Aktie von Wirecard "eine ernstzunehmende Bedrohung für das Marktvertrauen" in Deutschland darstellen. Auch die europäische Marktaufsichtsbehörde Esma habe dem Verbot zugestimmt. "Die vorgeschlagene Maßnahme ist angemessen und verhältnismäßig, um der Bedrohung der deutschen Finanzmärkte zu begegnen", teilte die Esma mit.

Warum darf die Finanzaufsicht Leerverkäufe verbieten?

Das ist noch verhältnismäßig neu. Nach der Finanzkrise haben sich die EU-Staaten auf neue Gesetze geeignet, um eine erneute Krise zu verhindern. Dabei haben sie 2012 auch neue Regularien zu Leerverkäufen erlassen. Wenn eine Aktie deutlich gegenüber der Schlussnotierung am Vortrag gefallen ist, muss die zuständige Finanzaufsicht, in diesem Fall die Bafin, das prüfen. Sie kann dann ein Handelsverbot für den Tag aussprechen. Das hat sie bei Wirecard in den vergangenen Wochen bereits öfters getan. Kommt die Behörde darüber hinaus zu dem Ergebnis, dass beispielsweise ständige Kursabstürze dazu führen, dass eine ernstzunehmende Bedrohung der Finanzstabilität oder des Marktvertrauens vorliegt, kann sie Leerverkäufe auch über längere Zeit verbieten. Das sieht die Finanzaufsicht im Fall Wirecard gegeben. Es ist das erste Mal, dass dies in Deutschland nach dem neuen Gesetz passiert. In Spanien und Italien kam es schon gelegentlich vor.

Wie genau funktioniert ein Leerverkauf?

Leerverkäufe gehören zu den riskantesten Wetten an den Finanzmärkten. Ein Beispiel: Ein Hedgefonds geht davon aus, dass eine Aktie zu hoch bewertet ist. Sie steht bei 100 Euro. Er besorgt sich eine Million Aktien zur Leihe. Das organisiert ein Zwischenhändler, meist eine große Investmentbank. Sie wendet sich an andere professionelle Investoren, die die Aktie besitzen. Von diesen leiht der Zwischenhändler sich gegen eine Gebühr die Aktien und reicht sie an den Auftraggeber weiter. Der verkauft die geliehenen Aktien an der Börse zum Kurs von 100 Euro. Die Wette geht für den Hedgefonds gut aus, wenn die Aktie in den folgenden Tagen beispielsweise auf 80 Euro fällt. Dann kauft er die Aktien an der Börse wieder und gibt sie zurück. Sein Gewinn beträgt in diesem Fall 20 Millionen Euro, abzüglich der Leihgebühr. Der Schuss kann aber auch nach hinten losgehen, wenn die Aktie steigt. Im Extremfall ist ein Mehrfaches des Einsatzes weg, wenn sich der Wert zum Beispiel verdreifacht. Deshalb gelten Leerverkäufe als hochriskant. Für Privatanleger sind sie verboten.

Wie erfährt die Bafin von den Leerverkäufen?

Leiht sich eine Investor mehr als 0,2 Prozent des an der Börse gehandelten Aktienkapitals eines Unternehmens, muss er die Finanzaufsicht informieren. Übersteigt die Höhe 0,5 Prozent des Aktienkapitals, ist auch eine Veröffentlichung im Bundesanzeiger Pflicht. Das ist das öffentlich zugängliche Register für Unternehmens- und Marktdaten.

Wer sind die Leerverkäufer bei Wirecard?

Derzeit stehen zwei Unternehmen in Bundesanzeiger: Slate Path Capital und Odey Asset Management. Beide sind Hedgefonds, Slate Path sitzt in USA, Odey in London. Sie wetten schon seit mehreren Jahren immer wieder auf die Wirecard-Aktie, wie die Historie des Registers zeigt. Zusammen haben die beiden Hedgefonds 2,27 Prozent der frei umlaufenden Wirecard-Aktien geliehen. Es könnte sein, dass die Quote insgesamt deutlich höher ist, weil Positionen von weniger als 0,5 Prozent noch dazukommen.

Sind alle Leerverkäufer böse?

Nein, das Instrument, auf das Fallen eines Aktienkurses zu setzen, gibt es schon sehr lange. Es ist auch wichtig für das Funktionieren des Aktienmarkts. Professionelle Investoren nutzen Leerverkäufe zum Beispiel, um Positionen abzusichern, mit denen sie auf das Steigen einer Aktie setzen. Sie haben auch eine hygienische Funktion: Mit Leerverkäufen können Investoren zeigen, dass sie ein Unternehmen skeptisch sehen, ohne dessen Aktien vorher gekauft haben zu müssen. Es gibt nicht nur unseriöse Leerverkäufer, Odey etwa gilt als sehr seriöser Hedgefonds, der lange recherchiert, bevor er eine Aktie leerverkauft. Doch wie in vielen Bereichen gibt auch bei Leerverkäufen Betrug und Missbrauch: Das ist etwa dann der Fall, wenn ein Investor Unwahrheiten über ein Unternehmen veröffentlicht und vorher die Aktie leerverkauft hat. Dann handelt es sich um Marktmanipulation. Wenn jemand vorher erfährt, dass ein negativer Bericht kommt und auf die Aktie wettet, geht es um Insiderhandel. Die Bafin ermittelt im Fall von Wirecard auch in diese Richtung.

Warum kommt das Verbot gerade jetzt?

Die Entscheidung sei nicht plötzlich gefällt worden, heißt es bei der Bafin. Vielmehr beobachte man das Geschehen seit dem ersten Bericht der Financial Times Ende Januar. Zuletzt allerdings seien die Leerverkaufspositionen stark gewachsen. Wie stark, das wollte die Finanzaufsicht nicht kommentieren. Das Verbot von Leerverkäufen gilt zunächst bis zum 18. April, es kann aber vorzeitig aufgehoben oder verlängert werden.

Springt die Bafin damit Wirecard im Streit mit der Zeitung bei?

Die Finanzaufsicht widerspricht der Interpretation, dass man sich mit dem Verbot vor Wirecard stelle. Die Maßnahme beziehe überhaupt keine Position dazu, ob Wirecard oder die Financial Times recht hätten. Man habe auch keine neuen Erkenntnisse dazu, ob die Berichte der FT stimmen oder nicht. Das Verbot sei vielmehr eine Maßnahme, um den Markt zu schützen und das Vertrauen in den deutschen Aktienmarkt nicht weiter zu gefährden. Darüber hinaus läuft auch die Marktuntersuchung der Bafin weiter. Sie prüft, ob jemand bewusst falsche Gerüchte am Markt gestreut hat und so den Aktienkurs des Unternehmens manipuliert haben könnte. Wann die Untersuchung abgeschlossen ist, konnte die Finanzaufsicht noch nicht absehen.

Was macht Wirecard überhaupt?

Der Dax-Konzern ist ein Zahlungsdienstleister, wickelt also Zahlungen ab, insbesondere für Online-Händler. Kauft ein Kunde im Internet eine Hose, schaltet Wirecard sich zwischen den Händler und den Kunden und garantiert beiden, dass der Einkauf funktioniert. Dem Händler verspricht Wirecard das Geld und dem Kunden, dass die Ware ankommt. Wirecard trägt das Risiko, Händler zahlen ihnen daher einen Teil des Umsatzes. Das Unternehmen ist in den vergangenen Jahren stark gewachsen, vor allem in Asien. 2017 wickelte es weltweit Zahlungen im Wert von 95 Milliarden Euro ab und setzte damit 1,5 Milliarden Euro um.

Warum ist die Aktie von Wirecard so anfällig?

Wirecard arbeitet in einer schwer zu durchschauenden Branche. Das Unternehmen aus Aschheim bearbeitet Millionen von Zahlungen, teils auch in aufstrebenden Entwicklungsländern im asiatischen Raum. Es ist einfach, das Geschäftsmodell in bestimmten Teilen infrage zu stellen oder der Firma etwas zu unterstellen, da es extrem schwierig zu überprüfen ist, ob der Vorgang tatsächlich stattgefunden hat. Das haben Leerverkäufer schon mehrmals ausgenutzt und teils wilde Spekulationen in die Welt gesetzt. Die Aktionäre reagierten oft und ließen die Aktie teils um 40 Prozent schwanken.

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