Süddeutsche Zeitung

Umstrittenes Pestizid Glyphosat:Pflanzengift auf dem Teller

Kein anderes Pestizid wird in der Landwirtschaft so häufig eingesetzt wie Glyphosat. Dabei ist das Mittel alles andere als harmlos. Bei Tests wurde der Wirkstoff nun in Linsen, Brötchen und Mehl nachgewiesen. Glyphosat steht im Verdacht, das Erbgut von Menschen und Tieren zu schädigen - doch die Behörden sehen keinen Anlass zu handeln.

Silvia Liebrich

Die Felder sind abgeerntet, die Bauern in Deutschland haben in diesem Jahr einen guten Ertrag eingefahren. Fest steht aber: Ohne den hohen Einsatz von Pestiziden wäre das Ergebnis wohl nicht so gut ausgefallen. Besonders umstritten ist dabei der Einsatz von Glyphosat, das am häufigsten verwendete Pflanzengift, mit dem die Bauern lästiges Unkraut vernichten.

Lange Zeit galt das Mittel als unbedenklich. Doch inzwischen häufen sich die Indizien, dass es längst nicht so harmlos ist, wie Hersteller behaupten. Der Wirkstoff steht etwa im Verdacht, das Erbgut von Menschen und Tieren zu schädigen. Für Verbraucherschützer ist es daher alarmierend, dass Spuren des Gifts immer häufiger in Lebensmitteln zu finden sind.

Das zeigt auch eine neue Untersuchung des Verbrauchermagazins Ökotest, die an diesem Freitag veröffentlich wird. Geprüft wurden Linsen von dreizehn konventionellen Herstellern. In acht Proben entdeckten die Tester Glyphosat, wenn auch meist nur in geringen Mengen, die unterhalb des zulässigen Grenzwertes lagen. Doch der wurde vor wenigen Monaten auf Druck aus der Agrarindustrie deutlich angehoben. Bioprodukte waren dagegen unbelastet.

Erst im Juli hatte Ökotest festgestellt, dass Spuren des Pflanzengifts auch in Getreideprodukten enthalten sind. Von 20 Proben waren knapp drei Viertel geringfügig belastet, der Grenzwert wurde auch dabei nicht überschritten, darunter Weizenmehl, Körnerbrötchen und Getreideflockenprodukte. Dass sich das Pestizid inzwischen in der Nahrungskette festgesetzt hat, stellten vor kurzem auch Wissenschaftler der Universität Leipzig fest. Sie fanden Spuren des Wirkstoffs im Urin von Berliner Stadtbewohnern, die nichts mit Landwirtschaft zu tun haben.

Tatsächlich nimmt der Verbrauch von Glyphosat in der deutschen Landwirtschaft deutlich zu. Laut Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) hat sich der Einsatz seit Mitte der Neunzigerjahre fast vervierfacht, von 1400 Tonnen auf zuletzt über 5000 Tonnen. Und er könnte weiter steigen durch die bevorstehende Anbauzulassung von genveränderten Maissorten in der EU, möglicherweise noch in diesem Jahr.

Davor warnt eine neue Studie aus den USA. Denn viele genmanipulierten Sorten sind so gezüchtet, dass Glyphosat ihnen nichts anhaben kann. Der Stoff gilt deshalb als wichtiges Ergänzungsprodukt für Landwirte beim Anbau. Für Agrokonzerne wie Monsanto, die Saatgut und Pestizide verkaufen, ist das ein lukratives Geschäft.

Der Einsatz könnte noch steigen

Der US-Agrarökonom Charles Benbrook befürchtet, dass sich der Glyphosat-Einsatz in Europa durch die Zulassung gentechnisch veränderter Pflanzen bis 2025 insgesamt verdoppeln könnte. Er ist Autor der Studie im Auftrag der Umweltorganisation Greenpeace. Grundlage für seine Berechnungen sind Erfahrungen von Farmern aus den USA. Dort sind gentechnisch veränderte Mais-, Soja- und Zuckerrübensorten seit Jahren weit verbreitet. Laut Benbrook nahm mit der Anbaufläche auch der Einsatz von Glyphosat stark zu. Und der hohe Verbrauch hat eine bedenkliche Nebenwirkung: Das Spritzmittel zeigt bei der Unkrautbekämpfung kaum noch Wirkung - mit dem Ergebnis, dass die Erzeuger noch mehr von dem Pflanzengift einsetzen.

Auch ohne Gentechnik ist Glyphosat schon heute das am häufigsten eingesetzte Pflanzengift auf deutschen Feldern. Auf 40 Prozent der Ackerflächen kommt es mindestens einmal im Jahr zum Einsatz. Das geht aus einer Untersuchung der Universität Göttingen hervor. Besonders hoch ist der Einsatz bei Winterraps, hier werden 87 Prozent der Fläche behandelt. Bei Wintergerste liegt der Anteil bei 66 Prozent, gefolgt von Sommergetreide mit 42 Prozent. Gespritzt wird vor der Aussaat oder nach der Ernte. Genutzt wird das Mittel außerdem kurz vor der Ernte, um Getreide schneller reifen zu lassen.

Obwohl die Kritik am massiven Einsatz des Pflanzengifts bei Verbraucher- und Umweltschützern wächst, sehen die zuständigen Behörden keinen Anlass einzugreifen.

Umstritten ist dabei unter anderem die Festlegung von Grenzwerten. Eigentlich hätte in diesem Jahr eine neue Risikoüberprüfung von Glyphosat auf EU-Ebene angestanden, doch die wurde auf 2015 vertagt. Europaweit zuständig ist dafür die deutsche Bundesanstalt für Risikoforschung (BfR). "Glyphosat ist einer der am besten untersuchten Pflanzenschutzmittelwirkstoffe. Wenn die Grenzwerte eingehalten werden, dann sind schädliche Wirkungen beim Menschen überhaupt nicht zu erwarten", heißt es dort.

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SZ vom 26.10.2012/mcs
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