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Technologiekonzern:Siemens kommt von seiner Tochter einfach nicht los

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Eigentlich laufen die Geschäfte gut beim Technologiekonzern. Trotzdem hat er nun einen Milliardenverlust ausgewiesen, erstmals seit zwölf Jahren. Wie kann das sein?

Von Caspar Busse

Es war kein guter Vormittag für Siemens-Chef Roland Busch und Finanzchef Ralf Thomas. Denn obwohl die Geschäfte des Münchner Technologiekonzerns trotz Pandemie, Ukraine-Krieg und weltwirtschaftlicher Abkühlung gut laufen, mussten die beiden am Donnerstagmorgen einen hohen Verlust verkünden. Unter dem Strich stand im dritten Quartal ein Minus von 1,53 Milliarden Euro, es ist der erste Quartalsverlust bei Siemens seit zwölf Jahren.

Der Grund für die tiefrote Bilanz: Eine milliardenschwere Abschreibung auf die Beteiligung an der ehemaligen Energietechnik-Tochter Siemens Energy. Schon Anfang Juli hatte Siemens diese bekannt gegeben. Die Münchner werden damit von ihrer Vergangenheit eingeholt. Unter der Regie von Busch-Vorgänger Joe Kaeser hatten die Münchner die Trennung vom sehr volatilen Energiegeschäft beschlossen. Die Sparte, die Kraftwerke, Turbinen, aber auch Windkraftanlagen herstellt, wurde abgespalten und an die Börse gebracht. Siemens selbst konzentriert sich seitdem auf andere, profitablere Bereiche. Eine Beteiligung von etwa 35 Prozent behielt der Konzern aber an dem neuen börsennotierten Energieunternehmen - vorerst zumindest. Die Hoffnung war, dass das Thema damit erst mal abgehakt sein würde. Doch weit gefehlt.

Siemens Energy steht nicht nur wegen der Wartung einer Turbine für die russische Gaspipeline Nord Stream 1 seit Wochen als quasi politisches Unternehmen in der Öffentlichkeit. Es hat auch massive, größtenteils hausgemachte Probleme bei der spanischen Windkrafttochter Siemens Gamesa. Die Folge: Verluste und ein einbrechender Aktienkurs. Siemens musste deshalb nun die Beteiligung an Siemens Energy um 2,7 Milliarden Euro abschreiben, weil der Wert so deutlich gefallen ist. Verkaufen will man die Aktien aber vorerst nicht, sondern auf bessere Zeiten warten. Das wäre sonst "unglücklich und unklug", sagte Finanzvorstand Thomas. Perspektivisch soll die Beteiligung zunächst auf 25 Prozent sinken.

Siemens musste deshalb nun auch die Gesamtprognose senken - noch so eine Sache, die lange nicht mehr vorgekommen ist. Der Konzern rechnet nun mit weniger Gewinn. Die Aktie, die zuletzt ohnehin gelitten hatte, rutschte am Donnerstag weiter ab.

Von der Energiekrise ist Siemens kaum betroffen

Diese Entwicklung ist bitter, denn eigentlich läuft es bei Siemens selbst gut, wie auch aus dem am Donnerstag vorgestellten Quartalsbericht hervorgeht. Auftragseingang und Umsatz lagen im dritten Quartal deutlich über den Erwartungen. Von April bis Juni kamen Aufträge im Wert von mehr als 22 Milliarden Euro herein, etwas mehr als ein Jahr zuvor. Der Quartalsumsatz erhöhte sich ohne Währungs- und andere Sondereffekte um vier Prozent auf 17,9 Milliarden Euro. Der Auftragsbestand habe mit fast 100 Milliarden Euro ein Rekordniveau erreicht. "Das zeigt: Wir haben das richtige Angebot und die richtige Strategie, um selbst in unsicheren Zeiten erfolgreich zu sein", sagte Busch. Der operative Gewinn aus dem Industriegeschäft ging deutlich um 27 Prozent auf 2,9 Milliarden Euro hoch.

Allerdings ist die Zug-Sparte Mobility in die roten Zahlen gerutscht, wenn man den Sondererlös aus dem Verkauf eines Geschäftsbereichs herausrechnet. Sie leidet besonders unter dem angekündigten Rückzug aus Russland infolge des Ukraine-Kriegs. Siemens hatte dafür bereits im Vorquartal fast 600 Millionen Euro zurückgestellt, nun kommen weitere 600 Millionen Euro an Belastungen hinzu, die sich im Nettogewinn niederschlagen. Siemens lieferte bislang Hochgeschwindigkeitszüge nach dem Vorbild des ICE nach Russland. Diese verbinden Moskau und Sankt Petersburg. Nun hat sich der Konzern wegen des brutalen Überfalls auf die Ukraine aber ganz aus Russland zurückgezogen und alle Geschäfte eingestellt.

Von der Energie- und Gaskrise ist Siemens vergleichsweise wenig betroffen. "Derzeit sehen wir nur geringe direkte Auswirkungen auf unsere Fabriken, weil unsere Produktion nicht energieintensiv ist", sagte Busch. "Und falls das Gas knapp wird, haben wir vorbeugende Maßnahmen getroffen, um unsere Produktion aufrechtzuerhalten." Den Strombedarf decke Siemens in Europa fast ausschließlich aus erneuerbaren Quellen. "Wir haben vorausschauend eingekauft und langfristig vorgesorgt", betonte Busch. Mehr Sorgen mache er sich aufgrund der gestiegenen Kosten im Einkauf und für das Personal.

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