Süddeutsche Zeitung

Siemens:Siemens ist von einem Kompromiss weit entfernt

  • In ganz Deutschland protestieren am Freitag Siemensianer und Verbündete gegen die geplanten Stellenstreichungen und Werkschließungen.
  • Siemens-Personalchefin Janina Kugel hingegen sitzt hin Berlin und sagt Dinge wie: "Wenn Sie eine Entscheidung getroffen haben, müssen Sie dabei bleiben".
  • In den nächsten Tagen und Wochen stehen bei Siemens Gespräche mit Betriebsräten und der IG Metall an - und die dürften alles andere als einfach werden.

Einfach Joggingschuhe raus und los, auch wenn es regnet und windet: Janina Kugel, 47, sagt, dass sie ein paar Stunden in der Woche laufen muss. Dass die Personalchefin von Siemens ausgerechnet an diesem Freitag auf einem Podium des SZ-Wirtschaftsgipfels in Berlin sitzt und darüber redet, wie man mit schwierigen Situationen umgeht, passt natürlich wunderbar in diese Zeit.

Draußen im Siemens-Land geht es gerade drunter und drüber, die Mitarbeiter sind stinksauer: Fast 7000 Jobs will der Konzern weltweit in der Kraftwerks- und Antriebssparte streichen, die Hälfte davon in Deutschland, und weil dazu auch noch mindestens zwei Standorte in Ostdeutschland geschlossen werden sollen, ist Siemens gerade schwer unter politischem Beschuss. Man könnte sagen: Es hat sich innerhalb weniger Tage ein schweres Unwetter zusammengezogen, es sieht nicht so aus, als ob es bald wieder abzieht.

Vom Joggen zum Konzernumbau ist es dann nur ein kleiner Schritt "Wenn Sie eine Entscheidung getroffen haben, müssen Sie dabei bleiben", sagt Kugel. Sie meint das allgemein, aber jeder weiß, was gemeint ist: Die Belegschaft mag jetzt überall in Aufruhr sein, seit Siemens am Donnerstag die Pläne öffentlich gemacht hat. Mehr als tausend Menschen demonstrierten am Freitag vor der Siemens-Hauptverwaltung, es gab Arbeitsniederlegungen im Berliner Dynamowerk und Proteste an weiteren betroffenen Standorten wie Leipzig, Görlitz und Mülheim. In Erfurt sollen 500 Mitarbeiter des Siemens-Werks vorzeitig eine Belegschaftsversammlung verlassen haben. Aber sie ziehen das bei Siemens jetzt durch.

Vor ihrem Auftritt im Berliner Adlon sitzt Janina Kugel an einem Hotel-Tisch, über sich ein Bild mit roten Blumen, und erklärt die Siemens-Welt, die seit einigen Stunden eine andere ist. Berichtet von Werken, die nur zu 30 bis 70 Prozent ausgelastet sind, von der schweren Krise am Markt für Kraftwerke und große Gasturbinen. "Mit leeren Werken können Sie nicht wettbewerbsfähig sein", sagt sie. Ihre Hoffnung: Dass möglichst viele Mitarbeiter freiwillige Angebote annehmen. "Wenn wir damit nicht weiterkommen, müssen wir weiterdenken." Dann, das weiß jeder bei Siemens, könnten die berüchtigten betriebsbedingten Kündigungen kommen.

Es muss also geredet werden. Nur wie? Die erste Reaktion der IG Metall sah so aus: Die Pläne des Managements kämen "nicht einmal als ernsthafte Diskussionsgrundlage in Betracht"; am Freitag legte der Görlitzer Oberbürgermeister Siegfried Deinege nach - er sei über die "Eiseskälte in der sozialen Marktwirtschaft verwundert". Allerdings habe man sich "geirrt" - "hier steht eine ganze Stadt gegen diese Entscheidung. Die Entscheidung ist eiskalt, brutal und demzufolge zu bekämpfen."

"Der soziale Frieden ist nicht in Gefahr." Wirklich nicht?

Janina Kugel muss sich auf einen harten Kampf einstellen, aber ihre Rhetorik ist wenig kämpferisch an diesem Berliner Nachmittag. Der Vorwurf der Politik, die Schließung der Werke in Görlitz und Leipzig spiele der AfD in die Hände? "Es gibt auch Wahlerfolge der AfD in anderen, strukturstarken Regionen", sagt sie. Sprachlosigkeit, Eskalation, Klassenkampf? Gefällt ihr nicht. "Die Pläne müssen diskutiert werden, man muss hier zu einer Einigung kommen. Denn wir haben eine gemeinsame Verantwortung." Und dann sagt sie noch: "Der soziale Frieden ist nicht in Gefahr." Wirklich nicht?

Nur ein Auszug aus der langen Giftliste: 920 Stellen in Görlitz und Leipzig, 640 in Mühlheim, 300 in Berlin, 680 Jobs in Offenbach auf der Kippe - trotz Milliardengewinnen greift der Konzern zum letzten Mittel.

Mit Siemens gehen gut bezahlte Jobs

Die Zukunft hat am Tag eins nach Verkündigung der Grausamkeiten begonnen. Ab jetzt hängt es nicht nur an den Gesprächen mit den Arbeitnehmervertretern - auch mit Politikern muss sich der große Konzern nun auseinandersetzen, vor allem in den Regionen, in denen die Kürzungen am meisten weh tun.

Zum Beispiel in Görlitz. Landrat Bernd Lange spricht von einem "weiteren Tiefschlag" für eine Region, in der es neben Siemens nur noch zwei Industriebereiche gebe: die Braunkohle und das Bahntechnikwerk von Bombardier. Alles stehe jetzt "zur Debatte". Zum Ausstieg aus der Braunkohle käme die Unsicherheit der Bombardier-Standorte; jetzt auch noch der Schließungsbeschluss aus der Münchner Siemens-Zentrale. Landrat Lange rechnet vor: Für jeden Arbeitsplatz bei Siemens dürften zwei weitere bei Zulieferern wegfallen. Betroffen bei Siemens seien 900 Beschäftigte und an die 60 Leiharbeiter. "Das bedeutet: Zusätzlich dürften 1500 bis 2000 weitere Stellen allein im Umfeld von Görlitz betroffen sein."

Mit Siemens gingen gut bezahlte Jobs, dies könnte die ohnehin schwache Region noch weiter in die Krise treiben. "Görlitz hat sachsenweit ohnehin die höchste Arbeitslosenquote", sagt Lange. "Im Landkreis liegt die Quote bei 8,5 Prozent, in der Stadt Görlitz liegt sie bei mehr als 13 Prozent. Nach den Entlassungen wird es noch weit schlimmer aussehen." Oder, wie es der Präsident des sächsischen Mittelstandsverbands (BVMW), Jochen Leonhardt, sagt: Es bestehe nun die Gefahr, "dass die Siemens-Fachkräfte abwandern und dass die Region noch mehr ausblutet".

Wut, Enttäuschung und eine Videoschalte: Nachdem am Donnerstag zuerst der Wirtschaftsausschuss und die Arbeitnehmervertreter in München informiert wurden, ging es am Freitag über Bildschirme an die Standorte. In Görlitz musste das Treffen unterbrochen werden, weil die Mitarbeiter spontan protestierten. Hunderte von ihnen gingen vor das Werkstor, trommelten, pfiffen, protestierten.

Es regnet, wie gesagt, gerade in Strömen auf diesen Konzern. Die Siemens-Spitze bleibt bei ihrem Kurs, die anderen sind wütend. Wie hier ein Kompromiss zustande kommen soll? Die demonstrierenden Mitarbeiter zitieren am Freitag jedenfalls den Siemens-Gründer Werner von Siemens: "Für augenblicklichen Gewinn verkaufe ich die Zukunft nicht."

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Quelle:
SZ vom 18.11.2017/vit
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