Süddeutsche Zeitung

Serie: Familienunternehmen:Klarer Standortvorteil

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Wirtschaftsregion Hohenlohe: Nirgendwo sonst in Deutschland sind - gemessen an der Einwohnerzahl - so viele Firmen Weltspitze.

Elisabeth Dostert

Steffen Schoch gerät leicht ins Schwärmen über die "liebliche Hohenloher Landschaft": die Täler, die Geschichte, das Fürstenhaus, auf jedem Hügel ein Schloss oder eine Burg, die Menschen, die Gastronomie. "In der Region Hohenlohe lässt es sich gut leben", sagt der 42-Jährige. Er schwärmt schon von Berufs wegen.

Seit zehn Jahren ist er Geschäftsführer der Wirtschaftsregion Heilbronn-Franken, einer Gesellschaft für Standortmarketing und Wirtschaftsförderung für die Stadt Heilbronn und die Kreise Heilbronn, Hohenlohe, Main-Tauber und Schwäbisch-Hall. Hohenlohe erstreckt sich über mehrere Kreise.

Schoch stammt aus Heilbronn, seine Großmutter war aus Hohenlohe. Fast zehn Jahre hat er in Berlin gearbeitet. "Meine Freunde aus der Großstadt staunen nicht schlecht, wenn man von einem Tal in das nächste biegt und dann steht da plötzlich so ein Industrieunternehmen." Firmen wie der Ventilatorenhersteller EBM Papst in Mulfingen oder ein paar Kilometer weiter der Konkurrent Ziehl-Abegg in Künzelsau oder die grauen Firmengebäude des Befestigungsspezialisten Würth mit den Zinnen im Firmenlogo.

1500 Weltmarktführer in Deutschland

"Der Würth taucht plötzlich auf wie aus dem Nichts", sagt Schoch. Er kann die Firmennamen aufzählen so schnell wie andere das Alphabet. "Mit uns ist das wie mit den sieben Zwergen. Niemand hat mitbekommen, dass es uns gibt, und plötzlich waren wir mit unseren Innovationen auf dem Weltmarkt und sind dort nicht mehr wegzudenken."

In keinem anderen Landkreis sitzen gemessen an der Einwohnerzahl mehr deutsche Weltmarktführer als im Kreis Hohenlohe, hat Bernd Venohr, Berater und Professor an der Hochschule für Wirtschaft und Recht in Berlin, ausgerechnet. Insgesamt hat er in Deutschland bislang gut 1500 Weltmarktführer ausgemacht, die mehrheitlich im Besitz einer Familie sind.

Der Bonner Unternehmensberater und Professor Hermann Simon bescheinigt diesen Hidden Champions, wie er sie nennt, einen gesunden Menschenverstand, ein gutes Gespür für Markt und Kunden, eine Leidenschaft für ihre Aufgabe und eine starke Innovationskraft.

Mischung aus Stärke, Glück und Zufälligkeiten

Was Menschen zu Höchstleistungen treibt, haben viele Wissenschaftler zu ergründen versucht. Der Soziologe Max Weber oder der Jesuit Oswald von Nell-Breuning etwa sahen die christliche Arbeitsethik, wo Werte wie Verantwortung, Disziplin, Solidarität, Menschlichkeit zählen, als eine der Triebfedern wirtschaftlichen Handels. Es ist wohl eine rechnerisch nicht zu ermittelnde und variierende Mischung aus mentaler und intellektueller Stärke, Glück, Zufälligkeiten, politischen, historischen und geografischen Faktoren, die Weltmarktführer macht und ausmacht.

Über die Hohenloher hat Standortvermarkter Schoch seine eigene Erfolgstheorie entwickelt. "Es sind sehr stolze Menschen. Man braucht unheimlich lange, um Freundschaften zu schließen. Das geht nicht mal eben bei einem Bier am Stammtisch. Aber wenn man sie dann mal aufgeknackt hat, dann sind das Freundschaften fürs Leben." Und das gelte, sagt Schoch, auch für die Unternehmer: "Zuerst sind sie ein wenig misstrauisch, aber wenn erst einmal so ein Netzwerk steht, geht man durch Dick und Dünn miteinander." 54 Weltmarktführer hat er in seinem Revier gezählt. Firmen wie Bürkert und Gemü aus Ingelfingen, beide haben sich auf Mess-, Steuer- und Regelungstechnik spezialisiert.

Lesen Sie auf der nächsten Seite von der historischen Entwicklung in der Region - und wie daraus daraus das Fundament für zahlreiche Unternehmensgründungen entstand.

Armut macht erfinderisch

Nicht alle Unternehmen sind groß genug, um es in die Top 100 zu schaffen, allein schon weil ihre Märkte zu klein sind. Häufig sitzt die Konkurrenz in nächster Nähe, so wie im sogenannten Packaging Valley mit eigenem Verein und Internetauftritt. Um die Städte Schwäbisch-Hall und Crailsheim haben sich rund drei Dutzend Hersteller von Verpackungsmaschinen angesiedelt, vor allem für die Lebensmittel-, Pharma- und Kosmetik-Industrie. "Wettbewerb befruchtet eben", sagt Steffen Schoch.

"Häufig handelt es sich auch um Ausgründungen, so wie bei EBM Papst", erläutert Peter Kirchner, 41, Professor an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg. Diese Firma hat Gerhard Sturm, ein Ex-Mitarbeiter von Ziehl-Abegg, mit Hilfe seines ehemaligen Chefs gegründet. Keine andere Region hat Wirtschaftsgeograph Kirchner gründlicher erforscht als Heilbronn-Franken. "Armut macht erfinderisch", sagt er.

Die Suche nach einem Nebenerwerb war einer der Gründe für die Entstehung der Uhrenindustrie im Schwarzwald. Hohenlohe profitierte auch vom Technologietransfer. Den Grundstock etwa für die Schraubenindustrie legte der Handlungsreisende Hermann Ruhnau aus dem Sauerland, der mit einem Partner Ende des 19. Jahrhunderts im Kochertal die Eisenwarenfabrik Arnold gründete. Einer der Lehrlinge, Gotthilf Reisser, stieg dann in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts mit seinen beiden Brüdern in den Schraubenhandel ein. Adolf Würth war bis 1942 ihr Prokurist, 1945 machte er sich selbständig. Der Aufstieg der Würths ist legendär.

Regelrechter Industrialisierungsschub

Noch im 19. Jahrhundert beschränkte sich in der Region Kirchner zufolge die Industrialisierung weitgehend auf das Neckartal. Das war politisch so gewollt. Auch als Sturm Anfang der 60er Jahre seine Firma gründete, machten ihm Landespolitiker zur Auflage, dass bei EBM nicht mehr als 85 Mitarbeiter beschäftigt sein dürften. Der Landwirtschaft sollten nicht im Übermaß Arbeitskräfte entzogen werden. "Da hatte der Strukturwandel in der Region aber längst begonnen", sagt Kirchner. "Nach dem Zweiten Weltkrieg folgte ein regelrechter Industrialisierungsschub."

Viele Familienunternehmer flohen aus Thüringen, Sachsen, Schlesien und dem Sudetenland in den Westen. "Sie ließen sich gerne in ländlichen Gebieten nieder, weil die westdeutschen Städte zerbombt waren und sich die Menschen nach Krieg und Flucht auf dem Lande wohl sicherer fühlten", erklärt Kirchner - so wie die Berliner Günther und Heinz Ziehl von Ziehl-Abegg. Die Thüringer Karl König und Erich Meyer, Hersteller von Notenpulten und Messtechnik, zogen nach Wertheim, weil sie im Radio vom leerstehenden Gebäude eines Fliegerhorstes gehört hatten.

Vom Exodus der Unternehmer und vier Jahrzehnten sozialistischer Planwirtschaft haben sich die neuen Bundesländer bis heute nicht ganz erholt. Unter die Top 100 schaffte es kein einziger ostdeutscher Weltmarktführer, wenngleich sich auch wie im sogenannten Solarvalley in Mitteldeutschland mit Solarworld oder Ersol einige Marktführer finden.

Der Bau der Autobahnen A6 und A81 in den 70er Jahren sorgte in der Region Heilbronn-Franken für einen weiteren Entwicklungsschub, sagt Kirchner. "In Hohenlohe lag die Arbeitslosenrate lange um die drei Prozent, also Vollbeschäftigung", erklärt Schoch. "In der Krise werden die Karten neu gemischt." Auch Weltmarktführerschaft schützt nun nicht vor Insolvenz, wie Autozulieferer Karmann aus Osnabrück und Knorr aus Künzelsau zeigen, die Nummer eins bei Anlagen für die graphische Industrie.

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Quelle:
SZ vom 14.05.2009/kaf/mel
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