Süddeutsche Zeitung

Krankenversicherung:Massiver Fehler im System

Das deutsche Gesundheitswesen teilt Patienten in zwei Klassen, in private und gesetzlich Versicherte. In der Praxis bedeutet das Privilegien für die einen und Nachteile für die anderen. Das ist unwürdig und lächerlich - und es muss ein Ende haben.

Kommentar von Angelika Slavik, Berlin

Deutschland ist ein Land voller Widersprüche. Es gibt hier höchste Ingenieurskunst und ein grauenhaftes Handynetz, ein Selbstverständnis als Land der Dichter und Denker und Schulen, in denen der Putz von der Decke kommt. Und es gibt: das deutsche Gesundheitssystem. Vielleicht ist es der größte Widerspruch von allen. Denn der Status als eines der reichsten Länder der Erde passt so gar nicht zur Realität der Mehrheit der Patientinnen und Patienten.

Das deutsche Gesundheitssystem teilt sie in zwei Klassen, in privat und gesetzlich Versicherte. Diese Trennung ist historisch gewachsen, sie nimmt ihren Anfang im 19. Jahrhundert. Dass es sie immer noch gibt, begründen ihre Befürworter zum Beispiel mit "Wahlfreiheit" über die eigene Versicherung. Aber in Wahrheit ist daraus nichts anderes geworden als eine Selektion zwischen Arm und Reich, zwischen wichtig und unwichtig, zwischen "Kommen Sie gerne heute Nachmittag vorbei" und "Leider haben wir erst wieder im März 2023 freie Termine". Das ist unwürdig und lächerlich - und es muss ein Ende haben.

Lebenswege verlaufen unterschiedlich, manche sind von robuster Gesundheit begleitet, andere von Krankheit geprägt. Manche führen zu finanziellem Wohlstand, andere nicht. Beides gibt keinen Aufschluss über die Lebensleistung, die dahinter steht - und allein schon deshalb sind die Unterschiede in der Versorgungsqualität von Patienten nicht zu rechtfertigen. Aber wer heute in einer Facharztpraxis anruft oder online einen Termin buchen will, muss erkennen, dass die Frage "Wie sind Sie versichert?" weitaus wichtiger ist als "Wo tut's weh?". Die Praxen können für Privatpatienten oft dreimal so viel abrechnen wie für gesetzlich Versicherte, das hat Folgen für die Terminvergabe - und es ist nichts anderes als ein massiver Fehler im System.

Millionen Menschen werden benachteiligt, das muss sich ändern

Aber auch für jene, die ein höheres Einkommensniveau erreicht und sich für eine private Versicherung entschieden haben, warten mitunter bittere Überraschungen. Denn während sie in guten Zeiten von schnellen Terminen und besseren Leistungen profitieren, kann es ungemütlich werden, wenn sich Lebensumstände ändern. Phasen mit geringerem Einkommen sind schlicht nicht drin - und ein Wechsel zurück in die gesetzliche Kasse nicht völlig unmöglich, aber vom System eigentlich nicht vorgesehen.

Wenn man die Positionen der politischen Parteien zu dieser Frage betrachtet, könnte man glauben, die Haltung zum dualen System sei eine ideologische Frage - so rigoros wie die einen eine "Bürgerversicherung" für alle fordern und die anderen dagegen wettern. Dabei ist die Logik eigentlich simpel: Das deutsche Gesundheitssystem benachteiligt Millionen Menschen, es fördert Ungerechtigkeit. Deshalb muss es geändert werden.

Gegner eines einheitlichen Systems für alle argumentieren häufig mit finanziellen Aspekten. Die privaten Versicherungen speisten ja eine Menge Geld ins System, sagen sie, das würde fehlen, gäbe es die Trennung in zwei Versicherungsklassen nicht mehr. Eine Studie des arbeitgebernahen Instituts der Deutschen Wirtschaft kam erst kürzlich zu dem Ergebnis, dass eine Bürgerversicherung die Beiträge für alle zunächst senken würde, nach sechs Jahren aber wieder das Beitragsniveau von heute erreicht wäre. Tatsächlich ist das interessant, aber vor den Finanzierungsfragen müssen die nach der Qualität und dem Zugang zur medizinischen Versorgung stehen.

Natürlich wird ein einheitliches Versicherungssystem nicht alle Ungleichheiten beenden. Es wird Sonderleistungen geben und Angebote von Zusatzversicherungen. Niemand muss sich Sorgen machen, dass im deutschen Gesundheitssystem nicht mehr genug verdient wird. Aber die Vorselektion schon bei der Terminvergabe, diesen massiven Unterschied im Zugang zur medizinischer Versorgung zu verhindern - allein das wäre den Aufwand einer Systemumstellung wert.

Niemand soll denken, das Ende des dualen Versicherungssystems würde alle Menschen glücklich machen. Aber wenn in einem Land wie Deutschland alle auf die gleiche Weise genervt wären, wäre das schon ein relevanter Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenhalt. Und wenn jene, die es ohnehin schwer haben, weil das Geld knapp oder ihre Gesundheit beeinträchtigt ist, nicht auch noch in der Arztpraxis benachteiligt würden, wäre das einfach: richtig.

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