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Gesundheitssystem:Was eine Bürgerversicherung bringt - und was nicht

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Wie hoch ist der Blutdruck? Das kann einem noch die Hausärztin sagen. An andere Termine kommen Kassenpatienten mitunter schwieriger.

(Foto: Philipp Nemenz/Imago)

Gesetzlich, privat - oder lieber alle Versicherten in einem System? SPD, Grüne und Linke werben für eine Bürgerversicherung. Ökonomen haben nun ausgerechnet, ob sich das finanziell lohnt.

Von Angelika Slavik, Berlin

Zwischen einem Menschen und einem Termin in einer deutschen Facharztpraxis steht in Deutschland eine große Hürde, sie heißt: Wie sind Sie versichert? Privat oder gesetzlich, das spaltet das Land in privilegierte und weniger privilegierte Patienten, in "Kommen Sie gerne heute Nachmittag vorbei" und "Leider haben wir erst wieder was im März 2023". Ob das wirklich nicht besser geht, ist eine der zentralen Fragen des deutschen Gesundheitssystems - und manche, dazu gehören auch die SPD, die Linken und die Grünen, wollen diesen Missstand mit einer sogenannten Bürgerversicherung beheben: mit einer Krankenversicherung für alle. Aber wäre das wirklich gerechter?

Das arbeitgeberfinanzierte Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) hat nachgerechnet, was eine Bürgerversicherung tatsächlich für die Versicherten in Deutschland bedeuten würde. Die Studie, die der SZ vorliegt, kommt zu dem Schluss: Die Lasten würden in einem solchen Modell anders verteilt als bisher, die Gruppe der heute gesetzlich Versicherten könnte sich auf geringere Beiträge einstellen - allerdings nur für etwa sechs Jahre. Dann würde der Kassenbeitrag wieder auf das Niveau von heute steigen.

Um die Kosten einer gemeinsamen Versicherung berechnen zu können, haben die Wissenschaftler zunächst verglichen, wie hoch das Erkrankungsrisiko beider Gruppen ist. Dabei zeigt sich, dass im Alter zwischen 20 und 70 Jahren die privat Versicherten deutlich geringere Kosten verursachen als gesetzlich Versicherte. Im höheren Alter gleicht sich das an. Für die Studie hat man das als Indiz für die tatsächlich bessere Gesundheit der privat Versicherten interpretiert. Woran liegt das? Es gebe mehrere Erklärungsansätze, sagt Jochen Pimpertz, der am IW Köln unter anderem zu Krankenversicherung und Verteilungsfragen forscht und einer der Studienautoren ist. Eine Möglichkeit sei, dass vor allem Menschen mit guter Konstitution ein hohes Einkommen erwirtschaften. Wer mit seiner Gesundheit kämpft, könnte es deutlich schwerer haben, überhaupt über die Verdienstgrenze zu kommen, die für einen Beitritt in die private Krankenversicherung notwendig ist. Die andere Möglichkeit wäre, dass die Privaten ihre Versicherten durch bessere Leistungen länger gesund hielten. "Diese Frage ist wissenschaftlich ungeklärt", sagt Pimpertz.

Um einen ganzen Punkt könnten die Beiträge sinken - aber nicht für immer

Tatsächlich würden bei einem Wechsel aller PKV-Versicherten in die gesetzliche Kasse nun überdurchschnittlich viele ältere Menschen dazukommen, die entsprechend höhere Kosten verursachen. Sie brächten allerdings auch überdurchschnittlich hohe Einkommen und folglich hohe Beiträge mit. Das führt dazu, dass mit dem aktuellem Beitragssatz Überschüsse erwirtschaftet würden - das sieht das System nicht vor, der Kassenbeitrag würde also gesenkt: um einen Prozentpunkt von derzeit 15,6 auf 14,6 Prozent.

Wer aktuell gesetzlich versichert ist, könnte sich von einer Bürgerversicherung also eine finanzielle Entlastung erhoffen. Allerdings wäre die nur temporär, sagt Pimpertz: "Wenn alle anderen Rahmenbedingungen unverändert bleiben, die Kosten also weiterhin überproportional wachsen, dann wäre nach sechs Jahren das alte Beitragsniveau wieder erreicht."

Kritisch sehen die Wissenschaftler auch die Frage, wie die Lasten zwischen Alt und Jung verteilt wären. Grundsätzlich bliebe der Anteil jener Menschen, die einen "Solidarbeitrag" leisten, die also mehr bezahlen als ihrem aktuellen Erkrankungsrisiko rechnerisch entspräche, bei Einführung einer Bürgerversicherung zunächst bei knapp 40 Prozent nahezu konstant. Aufgrund des demografischen Wandels - also der Alterung der Gesellschaft - werden die jungen Menschen im Erwerbsalter immer stärker belastet, um das GKV-System weiter zu finanzieren. "Dieses Problem besteht derzeit und es bestünde in einer Bürgerversicherung weiterhin", so Pimpertz.

Kann man das lösen? Der Wissenschaftler schlägt vor, die Solidarleistung ab einem bestimmten Punkt zu deckeln und den Rest über ein kapitalgedecktes Versicherungsmodell zu finanzieren. Für Versicherte hieße das, dass sie - ähnlich wie beim Zusatzbeitrag, der schon derzeit bei vielen Kassen fällig wird - zusätzliche Kosten hätten, auch wenn der Beitragssatz nicht steigt. Im IW-Modell wären das aber keine einkommensabhängigen Aufschläge, sondern Versicherungsprämien. Das, so Pimpertz, könnte zu mehr Wettbewerb auf der Angebotsseite führen: Versicherungen könnten Modelle anbieten, mit denen Menschen ihre Prämien reduzieren könnten, etwa wenn sie auf freie Arztwahl verzichteten und stattdessen stets zuerst zum Hausarzt gehen würden.

Wie sind Sie versichert? Die Frage scheint dem deutschen Gesundheitssystem jedenfalls erhalten zu bleiben - so oder so.

© SZ
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