Süddeutsche Zeitung

Partnerschaft mit Boeing:Ein Porsche mit Flügeln und ohne Räder

  • Porsche und Boeing wollen ein elektrisch betriebenes Lufttaxi für den Stadtverkehr entwickeln.
  • Das Vehikel soll senkrecht starten und landen können. Fahren kann es aber nicht.

Wenn Detlev von Platen über den fliegenden Porsche spricht, dann beginnen seine Augen hinter der schwarz gerahmten Brille zu leuchten. "Ja, die Idee ist zugegebenermaßen radikal neu und waghalsig", sagt das Vertriebs-Vorstandsmitglied des Sportwagenherstellers Porsche. Aber Porsche stehe nun einmal dafür, "an Träumen zu arbeiten". Wenn alles klappt, soll dieser Traum bereits 2020 in Erfüllung gehen. "Der Erstflug soll im Laufe des kommenden Jahres stattfinden", kündigt der Manager an. Allerdings wird auf dem Prototypen eines Lufttaxis auch das Logo eines anderen namhaften Unternehmens aus den USA prangen: Boeing.

Der Autobauer aus Stuttgart und der Flugzeughersteller aus Seattle wollen zusammen ein elektrisch betriebenes Lufttaxi für den Stadtverkehr entwickeln. Es soll senkrecht starten und landen können, aber nicht fahren. Ob und wann der erste Porsche mit Flügeln, aber ohne Räder zu kaufen sein wird? Und wie viel er kosten wird? Das kann allerdings selbst Detlev von Platen nicht beantworten: "Der Weg dahin ist noch ungewiss."

Elektrisch betriebene und senkrecht startende Lufttaxis gelten als Markt der Zukunft

Schon seit mehreren Monaten arbeiten 20 Mitarbeiter der zwei Unternehmen sowie der Boeing-Tochter Aurora Flight Sciences an dem Projekt. Am Donnerstag hat das Team erstmals die zwei Design-Studien veröffentlicht, wie das Fluggerät aussehen könnte. Mit seinen spitzen zwei Flossen an den Enden der Tragflächen kommt der Flieger wie das Batmobil aus den Batman-Comics daher. Nur die geschwungene Bugspitze und Dachpartie erinnern an ein Porsche-Auto.

Elektrisch betriebene und senkrecht startende Lufttaxis gelten als Markt der Zukunft, weil die Großstädte weltweit wachsen und ihre Straßen zunehmend verstopfen. Auch Porsche rechnet mit einer "spürbaren Beschleunigung" des Marktes ab 2025. Daran wollen die Stuttgarter partizipieren und haben sich deshalb mit Boeing zusammengetan, deren Tochter Aurora schon länger mit derartigen Fliegern experimentiert. Porsche und Boeing sind bei Weitem nicht die einzigen Firmen, die sich mit dem Thema beschäftigen. Weltweit gibt es etwa 250 Unternehmen, die derartige Geräte entwickeln. Sie alle befinden sich aber noch im Testmodus, bislang ist noch kein einziger zahlender Passagier mit einer derartigen Drohne von A nach B transportiert worden.

Volocopter liegt vorn

Im Rennen um das erste serienreife Produkt ist wohl das deutsche Unternehmen Volocopter führend. Das Start-up aus Bruchsal bei Karlsruhe, an dem auch Autohersteller Daimler und dessen Hauptaktionär Li Shufu beteiligt sind, hat seinen zweisitzigen Mischling aus Helikopter und Drohne erst im September vor Tausenden Zuschauern in Stuttgart fliegen lassen. Zwar nur vier Minuten lang und ohne Passagiere, aber damit ist die Firma immer noch viel weiter als die Konkurrenz. Noch im Oktober will Volocopter in Singapur den Prototypen eines städtischen Start- und Landeplatzes vorstellen. Damit befindet sich der Stadtstaat im Wettstreit mit Dubai. Beide Städte wollen die Ersten sein, die ein öffentliches Lufttaxi-System in Betrieb nehmen. Beide kooperieren mit Volocopter. Auch der Frankfurter Flughafen experimentiert mit Volocopter an einem ganzen Konzept um die Lufttaxis.

Porsche und Partner Boeing fliegen da Volocopter hinterher, wie übrigens alle anderen Wettbewerber. In Oberpfaffenhofen bei München werkelt das Start-up Lilium an Lufttaxis, und in Manching bei Ingolstadt hat Airbus jüngst einen Testflug absolviert. Auch in den USA und China wird die Technologie vorangetrieben, unterstützt von finanzkräftigen Investoren wie dem Google-Gründer Larry Page, die sich für die Zukunft große Umsätze erhoffen. So hat das US-Unternehmen Uber einen Flugtaxi-Dienst in Los Angeles, Dallas und Melbourne angekündigt. Ob das auch klappt, ist allerdings offen. Vor allem die Frage nach der Sicherheit und der Zulassung ist noch ungeklärt.

Dennoch prognostiziert eine Studie der Citigroup, dass im Jahr 2030 jährlich etwa 20 000 derartige elektrische Fluggeräte verkauft werden. Von 2025 an könnten innerstädtische Transportsysteme mit Passagier-Drohnen in Betrieb gehen. Aber es gibt auch skeptischere Stimmen. Zum Beispiel Manfred Hajek vom Lehrstuhl für Hubschraubertechnologie an der Technischen Universität München (TUM). "Diese Studien haben keinen großen Wert, denn bei ihren Annahmen ist viel Spekulation dabei", sagt der Professor. Es seien "noch viele Fragen offen und viele Hürden zu überwinden". Hajek bezeichnet die Ankündigungen der Unternehmen als "Wahnsinns-Hype". Dieser werde "noch eine Weile andauern", aber daraus werde "nie ein massenverkehrstaugliches Transportmittel werden". Er könne sich allenfalls "Nischen" vorstellen, in denen der Einsatz der Lufttaxis sinnvoll sei. Zum Beispiel beim Transport von Patienten oder Organen in Megastädten von einem Krankenhaus in ein anderes.

Die Kooperation zwischen Porsche und Boeing bezeichnet Manfred Hajek sogar als "reine Show": "Ich sehe keinen betriebswirtschaftlichen Sinn und würde da keinen Cent investieren." Er prophezeit eine starke Konsolidierung, "weil der Markt keine 250 verschiedenen Hersteller brauchen wird". Porsche und Boeing haben mit ihrer Zusammenarbeit bereits eine ganz bestimmte Nische im Blick: Das Premium-Segment, also etwa die Privat-Drohne für Gutbetuchte oder die "Mobilitätsdienstleistung" für Geschäftsleute mit gehobenen Ansprüchen.

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SZ vom 11.10.2019/hgn
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