Süddeutsche Zeitung

Metallbranche:Die härteste Tarifrunde seit Langem

Die Industrie steht vor extrem schwierigen Verhandlungen: Warum sich Medizintechniker in Forchheim mehr Lohn wünschen, während MAN-Mitarbeiter in München um ihren Job kämpfen.

Von Alexander Hagelüken und Benedikt Peters

Amesteris Amin hat ja schon eine Familie. Ihren Mann, zwei Kinder. Das war nicht leicht mit Corona, ihr Zuhause monatelang Arbeitsplatz und Kita in einem, "es hat uns aber auch zusammengeschweißt". Dann beginnt die 39-Jährige von ihrem Job als Diversity-Managerin zu schwärmen, von den Jahren im Konzern, und man ahnt, da kommt noch etwas Zweites: "Ich habe mich in die VW-Familie verliebt."

Das hört sich wie ein Satz der PR-Abteilung an. Amesteris Amin jedoch klingt sehr authentisch, als sie ihre 13 Jahre im VW-Konzern schildert, erst bei Seat und Audi, nun beim Lkw-Bauer MAN in München. Seine besondere Spannung bezieht der Satz daraus, dass der Vorstand ihrer Zweitfamilie gerade auf Trennung setzt: MAN will 9500 von 36 000 Arbeitsplätzen streichen, jede vierte Stelle.

"Ich habe Angst um den Job, wie viele andere auch", sagt Amin und blickt den Gesprächspartner direkt an. "Das kann jeden treffen. Auch mich. Bei so vielen Stellen kann es niemand wissen."

Die Diversity-Managerin erkennt an, dass MAN in einer großen Transformation steckt wie die gesamte Autobranche: hin zur Digitalisierung, weg vom Verbrennungsmotor. Hat sie auch Verständnis für den Stellenabbau? "Ich bin zwiegespalten. Wir müssen aus eigener Kraft Investitionen für die Zukunft tätigen. Andererseits stehen viele Schicksale dahinter. Ich würde mir wünschen, dass wir das Know-how in der Firma behalten." Wenn sie früher ihren Nachwuchs aus dem MAN-Kindergarten abholte, plauderte sie mit anderen Eltern. Jetzt reden sie über den Stellenabbau. "Die Sicherheit, die wir jahrelang hatten, ist verloren."

Auch Bayerns IG-Metall-Bezirksleiter Johann Horn erkennt an, dass die Branche in der Transformation steckt - und Corona die Lage verschärft. Doch Firmen wie MAN nähmen Corona "als Vorwand, um brutal Stellen abzubauen und in Billigländer zu verlagern". Das ist die Ausgangslage der härtesten Tarifrunde in Deutschlands Industrie seit vielen Jahren. Am Montag verkündet der IG-Metall-Vorstand seine Empfehlung. Normalerweise fordert er deutlich mehr Lohn. Doch wegen Transformation und Corona ist nichts mehr normal.

Die Branche symbolisiert den deutschen Boom der vergangenen zehn Jahre. Obwohl es manchmal heißt, in Hochlohnländern habe Industrie keine Zukunft, entstanden bei Metall und Elektro seit 2010 650 000 Stellen. Insgesamt waren es 2019 gut vier Millionen. Doch inzwischen sind 100 000 Arbeitsplätze verschwunden. "Wenn nichts passiert, könnten in den nächsten Jahren noch mal mehr als 200 000 Jobs verloren gehen", warnt IG-Metall-Chef Jörg Hofmann. Daher schlägt er eine Vier-Tage-Woche als Option vor. Also weniger Arbeitszeit für Amesteris Amin von MAN und andere statt Stellenabbau. "Für uns steht im Zentrum der Tarifrunde, Arbeitsplätze zu sichern."

Den letzten Satz würde Stefan Wolf vielleicht sogar unterschreiben. Der designierte Chef des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall zieht daraus nur ganz andere Konsequenzen als Hofmann. 250 Kilometer südlich der Frankfurter Gewerkschaftszentrale empfängt Wolf im Raum Sevelen. Hier an der Schwäbischen Alb produziert der Autozulieferer Elring-Klinger, den er leitet. Wolf nippt am Kaffee, dann legt er los: Er will in der Tarifrunde die Arbeitskosten in Deutschland senken, die real gut 15 Prozent höher lägen als vor zehn Jahren. Elring-Klinger produziert ja nicht nur hier, sondern weltweit an 45 Standorten. "Überall sind die Arbeitskosten geringer. Produktion zu verlagern, ist in der vernetzten Welt von heute nicht schwer. Da stellt sich grundsätzlich schon die Frage: Warum soll ein Manager einen vergleichsweise teuren deutschen Standort erhalten?"

Wolf trägt vor, was Gewerkschafter als Horrorliste sehen dürften. Er will Beschäftigten 2020 und 2021 eine Nullrunde verordnen. Er will Zuschläge für spätes Arbeiten kürzen, er denkt an unbezahlte Mehrarbeit. Geht es einer Firma schlecht, soll der Tarifvertrag künftig automatisch erlauben, Arbeitskosten zu reduzieren. Und ja, mit Transformation und Corona: "Vielen Firmen geht es schlecht."

Aber nicht allen, das macht die Tarifrunde noch härter. Ganz anders als bei Amesteris Amin und ihren MAN-Kollegen ist die Stimmung 200 Kilometer nördlich in Forchheim. In einer hellen Fabrikhalle scheppert Metall, mittendrin schraubt Metin Birdal an riesigen weißen Gehäusen. "Da baue ich jetzt die Kühlung ein, Strahler, Generatoren", sagt der 27-Jährige mit dem mächtigen Bart. Birdal ist Industriemechaniker bei Siemens Healthineers. Gerade werkelt er an Computertomographen. Seit März verdoppelten sich die Aufträge zeitweise. Mit CTs können Ärzte Lungenbilder machen - und so früh erkennen, ob eine Corona-Infektion schwer verläuft.

Die Firma schickt die Geräte von Forchheim in die ganze Welt. Birdal und Kollegen arbeiten im Zwei-Schicht-Modell, um alles zu schaffen. Die Frühen kommen morgens ab halb fünf. Birdal findet, dass sie ein wenig mehr Geld verdient hätten. "Wir machen hier eine wichtige Arbeit, man kann ja fast sagen, wir retten mit unseren Geräten ein bisschen die Welt." Gerade jetzt, während "die Leute woanders im Home-Office sitzen", wie ein Kollege sagt.

Hier Medizin und andere florierende Bereiche, da kriselnde Auto- und Maschinenbauer: Diese Kluft stellt die IG Metall vor Herausforderungen. Wie alle Gewerkschaften kämpft sie seit Jahren um Mitglieder. Sie will den Spagat schaffen zwischen jenen, die mehr verdienen möchten, und jenen, die um den Job fürchten. Jörg Hofmann denkt an Beschäftigte wie Metin Birdal, wenn er eine erkennbare Lohnerhöhung fordert "in Firmen, in denen es gut läuft". Er denkt an jene mit der Jobangst, wenn er kürzere Arbeitszeit fordert. Tatsächlich sagt Amesteris Amin, deren Liebe zur VW-Familie gerade geprüft wird: "Es sollte in der Tarifrunde vor allem um Jobsicherung gehen. Wenn eine Vier-Tage-Woche hilft, wäre sie gut."

Regionale Gewerkschafter addieren für die Lohnforderung wie üblich die von der EZB angepeilte, aber nicht erreichte Zielinflation zur Trendproduktivität. Macht drei Prozent, plus Nachschlag für 2020. Die IG Metall wird am Montag wie üblich mehr Geld fordern. Aber diesmal soll das Geld auf Unterschiedliches aufgeteilt werden. Beschäftigte wie Metin Birdal könnten mehr Lohn erhalten. Wer dagegen bei seiner Firma vier Tage arbeitet, könnte einen Teil des weggefallenden Gehalts erhalten. Dann hätte die IG Metall ihren Spagat geschafft.

Doch die Arbeitgeber fürchten, überfordert zu werden. "Wenn sich der Tarifvertrag an den etwa zehn Prozent der Firmen orientiert, bei denen es gut läuft, werden viele andere die Tarifbindung hinterfragen und möglicherweise aufkündigen", warnt Luitwin Mallmann, Geschäftsführer von Metall NRW. Viele Firmen hätten massive Umsatzeinbrüche. "Die verbrennen im Moment Eigenkapital, um die Mannschaft zusammenzuhalten. Das dürfen wir durch die Tarifrunde nicht befeuern."

Stefan Wolf kann sich höchstens Einmalzahlungen in gut laufenden Betrieben vorstellen. Viele aber hätten eine Umsatzrendite unter zwei Prozent. Sie müssten viel Geld in die Transformation stecken. "Das kommt auch den Mitarbeitern zugute. Eine Lohnerhöhung dagegen schadet ihnen." Ja, die Option einer Vier-Tage-Woche könne mancher Firma helfen. "Aber dadurch dürfen die Kosten nicht steigen. Einen generellen Lohnausgleich schließe ich aus."

Auf keine Begeisterung stößt bei ihm auch der Vorstoß der IG Metall, Beschäftigte über betriebliche Vereinbarungen fit zu machen. Amesteris Amin fände es super, Arbeitnehmer derart für die Jobs der Zukunft zu qualifizieren. Metin Birdal ist schon umgestiegen, allerdings musste er dafür die Firma verlassen: vom Autozulieferer Bosch zu Healthineers. "Ich wollte etwas Zukunftssicheres", sagt er. Stefan Wolf nennt den IG-Metall-Vorstoß einen alten Hut. "Qualifizierung findet in den Betrieben schon massiv statt. Manche Mitarbeiter nehmen das in Anspruch, manche nicht."

Ja, die Fronten sind hart wie selten. Und dann stellt Stefan Wolf im Raum Sevelen bei Elring-Klinger auch noch den ganzen Tarifplan infrage. Eigentlich sollen im Dezember Verhandlungen beginnen, aber selbst bei abgespeckten Teams säßen auf jeder Seite 20 Leute in einem geschlossenen Raum. "Das lässt sich den Bürgern nicht vermitteln. Die Sozialpartner haben in der jetzigen Corona-Lage eine Vorbildfunktion. Daher schlage ich vor, die Tarifrunde um einen längeren Zeitraum zu verschieben." Nur über eines will er sofort verhandeln: "Firmen mit wirtschaftlichen Problemen müssen vom Tarifvertrag abweichen können, sonst überleben viele nicht."

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