Süddeutsche Zeitung

Andrea Nahles:"Die Inflation wird viele Menschen in Bedrängnis bringen"

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Die neue Chefin der Bundesagentur für Arbeit fürchtet soziale Verwerfungen. Für eine mögliche Wirtschaftskrise will Nahles die Kurzarbeit vereinfachen. Die BA will sie zur modernsten Online-Organisation Deutschlands machen.

Von Alexander Hagelüken

Andrea Nahles warnt vor sozialen Verwerfungen. "Es gibt derzeit eine hohe Inflation, mit der Empfänger von Grundsicherung, aber auch Menschen mit einem geringen Einkommen voraussichtlich nicht klarkommen werden", sagte die neue Chefin der Bundesagentur für Arbeit (BA) der Süddeutschen Zeitung. "Deshalb wird die Regierung handeln müssen." Auf die Bürger kämen noch deutlich höhere Gas- und Strompreise zu. "Das wird viele Menschen in Bedrängnis bringen. Etwa jene, die zum Mindestlohn arbeiten."

Nahles war 2018 als erste Frau an die Spitze der SPD gerückt, aber ein Jahr später nach Wahlschlappen und internen Attacken zurückgetreten. Am 1. August tritt sie an die Spitze der größten deutschen Behörde. Die Bundesagentur bereite sich auf Krisen wie einen russischen Gas-Stopp vor, sagt Nahles im Interview. "Wenn die Energiekrise auf Unternehmen und Arbeitnehmende zuläuft, dann sind wir da und tun alles, um mit Kurzarbeitergeld und allem, was wir an Möglichkeiten haben, zu helfen."

In der Corona-Krise habe man innerhalb weniger Tage Kurzarbeitergeld ausgezahlt und so zur Rettung von Betrieben beigetragen, während es bei Wirtschaftshilfen sehr viel länger gedauert habe. Sollte erneut stärker Kurzarbeitergeld gebraucht werden, will sie das Verfahren vereinfachen. "Ich wünsche es mir schlanker und unbürokratischer."

Nahles kündigt Arbeitslosen und Arbeitgebern bessere Leistungen an. "Die Bundesagentur muss nach meiner festen Überzeugung die modernste Digitalorganisation Deutschlands werden. Wir wollen in öffentlicher Verwaltung den besten Service für Kunden bieten." Dabei sei man bereits weit, nehme sich aber noch mehr vor. "Wir sollten noch stärker aus Sicht der Kunden denken." Das seien neben den Arbeitslosen auch die Unternehmen, die Fachkräfte suchen.

"Wir müssen alle Knöpfe drücken, damit Deutschland nicht endgültig die Arbeitskräfte ausgehen." Viele Frauen in Teilzeit könnten länger arbeiten, wenn die Kinderbetreuung und andere Bedingungen besser würden. "Wir könnten auch mehr dafür tun, dass Geflüchtete eine Arbeit finden."

Nahles schlägt mehr Berufsberatung für Menschen vor, die schon im Job sind. Die Arbeitsagenturen sollten die Menschen durch die Transformation begleiten. "Überall werden Arbeitsplätze wegfallen, aber auch neue entstehen. Es geht darum, die Menschen für Neues zu qualifizieren. Ob in Stahlwerken, Autofabriken oder im Handwerk."

Nahles will durch das neue Bürgergeld den Streit um Hartz IV beenden. "Ich hoffe, damit können wir das Klischee vom arbeitsscheuen Arbeitslosen und das irrtümliche Bild des triezenden Jobberaters überwinden", sagte sie. "Die Berater hatten in den 2000er-Jahren 500 Kunden, jetzt können sie mehr auf den Einzelnen eingehen." Die Mitarbeiter im Jobcenter freuten sich über die geplanten Veränderungen. "Denn so wie es jetzt läuft, ist es nicht ideal." Sie sei aber dagegen, die Sanktionen völlig abzuschaffen. "Soziale Leistungen, die die Gesellschaft finanziert, müssen breit akzeptiert sein. Dazu gehört, dass man sich an Regeln halten muss."

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