Süddeutsche Zeitung

Hauptstadtflughafen BER:Mit der Katastrophe leben

Lesezeit: 4 min

Der Hauptstadtflughafen BER ist ein Pannen-Projekt. Doch es braucht jetzt weder aufgeregte Diskussionen noch große Lösungen. Und erst recht keinen Abbruch.

Kommentar von Jens Schneider

Es ist die nächste Einladung, ätzende Berlin-Witze zu machen. Auf der Baustelle des Hauptstadtflughafens müssen Wände wieder eingerissen werden, weil sie falsch gebaut wurden. Das hat, mehr so am Rande, der Flughafen-Geschäftsführer Karsten Mühlenfeld einem Landtags-Ausschuss in Potsdam offenbart.

Dufte, immerhin ein Anfang! So spotten nun jene, die längst schon meinen, dass die ewige Baustelle in Schönefeld ohnehin nicht zu retten sei und deshalb den Abriss und am besten einen Neuanfang woanders fordern. Bei manchen ist das ein Reflex, einfach Lust an der Provokation. Ein ziemlich billiger Spaß, wenn man nicht in der Verantwortung steht.

Andere meinen es vielleicht ernst, auch wenn sie wissen sollten, dass die Sache faktisch sehr teuer würde - weil für einen Neubau neue Genehmigungsverfahren anstehen würden, und diese alles um viele Jahre verzögern und den Bau um weitere Milliarden teurer machen würden. Aber es ist wohl zu verlockend: Mehr als drei Jahre nach dem letzten verschobenen Eröffnungstermin bringt Politikern der Vorschlag, obwohl das bei diesem ausgenudelten Thema verblüffend ist, immerhin eine kurze Schlagzeile.

Nein, es muss nicht alles niedergerissen werden

Dabei ist die Idee nicht neu. Aber angesichts vieler Hiobsbotschaften in den letzten Wochen hat sie gerade wieder Konjunktur. Das macht sie nicht besser. Sie hilft Berlin und dem unglückseligen Projekt so wenig wie zuvor die Nonchalance half, mit der Verantwortliche wie der langjährige Regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit, als Aufsichtsratschef behaupteten, alles im Griff zu haben. Nein, es muss nicht alles niedergerissen werden, und man hatte früher nicht alles im Griff. Der Gestus hier wie dort drückt aus, dass man seine Sache nicht ernst nimmt, nur ein Spiel treibt. Man hat ein wenig Spaß am Berlin-Bashing oder bemüht sich umgekehrt darum, in einer peinlichen Lage noch gut auszusehen.

Beides kann nicht der Weg sein, mit Fehlern und Pannen umzugehen. Weil schlicht die Schlagzeilen und der gute Eindruck nebensächlich sind, die Hauptsache aber ein Flughafen für die Hauptstadt ist, der dringend gebraucht wird. Wowereits Nachfolger Michael Müller bezeichnete die BER-Baustelle schon vor Monaten treffend als Katastrophe, die man in den Griff bekommen müsse.

Genau darum geht es: Man muss mit dem Irrsinn dieser Baustelle leben. Der Irrsinn, das waren die Fehlplanungen der frühen Jahre seit dem Baustart und die ständigen Nachbesserungen, weil der Flughafen größer werden sollte. Das waren die teilweise bizarren Personalentscheidungen der Vergangenheit, und das waren auch die ständigen Versuche, Fehler kleinzureden. Herausgekommen ist bis heute ein sehr ansehnlicher, äußerlich fast fertiger, aber eben nicht genehmigungsfähiger Flughafen: einstweilen hübsch, aber unbrauchbar.

Auch unter den Kritikern keine ernstzunehmenden Experten

Die Bauleute versichern aber, dass dieser Flughafen zu Ende gebaut werden kann. Und es gibt auch unter den Kritikern keine ernstzunehmenden Experten, die das Gegenteil begründen können. Die Verantwortlichen auf der Baustelle um den respektierten Technik-Chef Jörg Marks haben mit viel Sorgfalt Pläne entwickelt, damit der Bau am Ende auch genehmigt werden kann. Diese Sorgfalt wird auch von den Genehmigungsbehörden anerkannt, mit denen man eng kooperiert. Marks und sein Team kamen zuletzt sogar voran, wenn auch weniger als erhofft. Es gab im Frühjahr und bis in den Sommer hinein gute Nachrichten, die kleine Fortschritte bedeuteten. Wer die Baustelle besuchte, konnte beobachten, wie angepackt wurde, mit einem Plan.

Fast alle diese Arbeiten widmen sich allein den Altlasten. So nennt man auf der Baustelle die Fehler aus den Anfangsjahren, obwohl der Bau doch eigentlich ein Neubau ist. Längst spricht der Bauleiter von einer Sanierung im Bestand, die eben schwieriger ist als ein reiner Neubau. So eine Altlast sind etwa die zu schweren Ventilatoren in der Decke des Hauptterminals, die in der letzten Woche zu einem Baustopp führten, der faktisch die Baustelle offenbar nicht allzu sehr zurück warf, weil die wichtigen Bauarbeiten gerade woanders laufen.

Die Ventilatoren wurden 2012 eingebaut, als für die dann geplatzte Eröffnung alles ganz schnell gehen sollte. Auch bei den etwa 600 falsch gebauten Wänden handelt es sich um eine Altlast. Inzwischen stellte sich zudem heraus, dass dieses Problem den Beteiligten längst bekannt war, daran auch schon gearbeitet wird.

Es warten noch einige peinliche Entdeckungen

Es werde noch weitere schlechte Nachrichten gebe, warnt Flughafen-Geschäftsführer Karsten Mühlenfeld. Es ist gerade die Aufgabe seines Teams, sie zu entdecken und abzuarbeiten. Es muss das Ziel dieses Projekts sein, aus den Trümmern der Katastrophe Schritt für Schritt einen passabel funktionierenden Flughafen zu schaffen - im Wissen darum, dass auf dem Weg noch einige peinliche Entdeckungen warten.

Ob man den Eröffnungstermin im Herbst 2017 dabei halten kann, wird da fast zur Nebensache. Zu oft schon ist bei diesem Projekt der Fehler gemacht worden, etwas erzwingen zu wollen, das der Stand der Baustelle nicht hergab. Der Berliner Regierungschef Michael Müller hat in seinen ersten Monaten im Amt mit einem sachlichen Regierungsstil viel Anerkennung erworben, indem er Fehler benannte und nicht weg reden wollte. Er ist außerordentlich populär. Dies ist nun sein schwierigstes Projekt. Es braucht aber weder Machtworte noch aufgeregte Diskussionen, keine große Lösung und auch keine harten Schnitte, erst recht keinen Abbruch. Nötig ist ein beharrliches Abarbeiten der unzähligen Pannen. Für Müller wird die erste große Bewährungsprobe als Regierender Bürgermeister darin liegen, diesen Prozess mit jener Nüchternheit zu managen, die ihn im neuen Amt bisher auszeichnete.

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