Süddeutsche Zeitung

Gründerinnen:Mit Strickpullis zu Nationalheldinnen

  • Unter dem Namen Guðrun & Guðrun verkauft eine kleine Firma von den Färöern Wollpullover und ist damit international erfolgreich.
  • Für die abgelegene Inselgruppe ist das ein seltenes Beispiel für Unternehmertum. Wer dort eine Arbeit sucht, landet sonst in der Regel in der Fischereiindustrie.

Von Felicitas Wilke, Tórshavn

Ein Kleinstadtidyll in Skandinavien. Bunte Holzhäuser mit Reetdächern, in Sichtweite grüne Hügel, auf denen die Schafe grasen. Und mittendrin, in der kleinen Einkaufsstraße Niels Finsensgøta, zwischen Stadtbücherei und Smørrebrød-Café: der Flagship-Store eines international tätigen Modeunternehmens.

In einem zweistöckigen, weißen Haus in der färöischen Hauptstadt Tórshavn sitzt die Marke Guðrun & Guðrun. Von hier aus beliefern Guðrun Ludvig und Guðrun Rógvadottir Geschäfte von New York bis Tokio mit traditionellen, gemusterten Strickpullovern und avantgardistischen Kleidern. Hier arbeiten zwei nationale Heldinnen.

Denn die Geschichte der beiden Guðruns ist eine Erfolgsgeschichte aus der Provinz, eine vom Heimkommen in eine der abgelegensten Gegenden Europas. 18 kleine Inseln zwischen Schottland, Island und Norwegen bilden die Färöer, die zum dänischen Königreich gehören, aber weitgehend selbständig agieren. In dem Land leben 50 000 Menschen inmitten von spektakulären Steilküsten und 70 000 Schafen, nie mehr als fünf Kilometer vom Meer entfernt. Die Fischerei trägt noch immer ein Fünftel zum gesamten Bruttoinlandsprodukt des Landes bei und macht 80 Prozent der Exporte aus.

Wer nicht Seemann werden oder in einer der großen Fabriken Fische ausnehmen will, der hat auf den Färöern nur begrenzte berufliche Möglichkeiten. Große, aufregende Städte mit vielen Jobs gibt es auf den Färöern nicht, selbst die Hauptstadt Tórshavn zählt keine 20 000 Einwohner. Der färöische Sozialwissenschaftler Høgni Reistrup beschrieb schon vor vier Jahren in seinem Buch "Exit Føroyar", dass viele junge Menschen ihr Heimatland verlassen, um eine Ausbildung zu machen oder zu studieren. Und dass vor allem junge Frauen immer seltener in ihre Heimat zurückkehren - auch, weil sie sich im Rest Skandinaviens beruflich oft besser verwirklichen können.

Guðrun Ludvig ging es nicht anders. Wie so viele junge Landsleute zog sie nach der Schule ins mehr als tausend Kilometer entfernte Dänemark, um ein Fach zu studieren, das an der winzigen Universität der Färöer nicht angeboten wird: Modedesign. Um die Jahrtausendwende, als gerade ihr erstes Kind auf die Welt gekommen war, drängte ihr damaliger Ehemann darauf, auf die Färöer zurückzukehren. "Ich wollte damals nicht zurück", sagt Ludvig. Schließlich gab sie nach - und erlebte zu Beginn "zwei sehr, sehr harte Jahre". Denn Jobs in der Modebranche waren damals nicht ausgeschrieben. Schlicht, weil es praktisch keine Modebranche gab.

Die Gründerinnen suchten nach Tipps und trafen sich zufällig

Auch als sie sich selbständig machen wollte, stieß sie auf viele Probleme. "Es gab im ganzen Land keine Anlaufstellen, die mir Tipps an die Hand gaben, wie man sein eigenes Unternehmen aufbaut", sagt Ludvig. Von finanzieller Unterstützung für Gründer ganz zu schweigen. Um über die Runden zu kommen, arbeitete Ludvig anfangs nebenbei in einem Kindergarten.

Zufällig lernte Ludvig die andere Guðrun kennen, Guðrun Rógvadottir. Auch sie war eine Exil-Färingerin, die Politik studiert hatte und von Kopenhagen aus in der Entwicklungshilfe arbeitete. Gemeinsam trieben sie die Idee für ihre Nische voran: Mode aus Schafswolle, einem der Rohstoffe schlechthin, die es auf den Färöern gibt. Doch in den Neunzigerjahren waren die Preise für Wolle so stark gesunken, dass es sich nicht lohnte, sie zu waschen und zu spinnen. "Viele Familien haben sie verbrannt", sagt Ludvig, das habe ihnen das Herz gebrochen.

Ludvig und Rógvadottir beschlossen, den traditionellen Rohstoff wieder salonfähig zu machen. Seit 2002 entstehen im Atelier von Ludvig über dem Geschäft die Entwürfe für gemusterte Pullover aus färöischer Schafswolle, aber auch grobmaschige Strickkleider mit Fischleder-Accessoires, die eher auf internationale Laufstege als in die Innenstadt von Tórshavn passen.

Die Strickmode kam schnell gut an, weit über die Landesgrenzen hinaus. Und dann war da noch Sarah Lund. Die Hauptfigur der auch in Deutschland ausgestrahlten, dänischen TV-Serie "Kommissarin Lund - Das Verbrechen" trug über alle Staffeln hinweg die Pullover von Guðrun & Guðrun und machte die Marke über Nacht auch in Australien, Brasilien oder Japan bekannt.

"Für mich liegt die Zukunft darin, aus unseren eigenen Wurzeln Neues zu kreieren", sagt Designerin Ludvig. Einer der Verkaufsschlager des Labels, ein schlichter Strickpullover mit drei waagerechten Borten und einem Sternmuster, hing so ähnlich schon vor Jahrzehnten im Kleiderschrank ihres Vaters - nicht als Designerware, sondern als Arbeitskleidung. "Der Pullover gefiel mir, doch er war mit Mustern überladen", findet Ludvig.

Also pickte sie sich die schönsten Motive heraus und entwarf eine reduzierte Version. Ihr Umfeld und ihre Heimat inspirieren die Designerin: das Licht der langen Sommernächte, die frische Luft oder das kalte, klare Wasser der Bäche.

Damit aus den Entwürfen Pullover, Strickjacken, Mäntel und Kleider werden, arbeiten Ludvig und ihre Geschäftspartnerin mit etwa 100 Strickerinnen auf den Färöern, in Jordanien und Peru zusammen. Die Kontakte in den Nahen Osten und nach Südamerika hatte Rógvadottir noch aus der Zeit, als sie in der Entwicklungshilfe arbeitete. Ludvig ist der kreative Kopf, Rógvadottir kümmert sich ums Geschäftliche und repräsentiert die Marke zum Beispiel auf internationalen Messen. Auf den Färöern wird längst keine Wolle mehr verbrannt, sondern für die berühmten Strickpullover verwendet. In diesem Jahr eröffneten die Geschäftsfrauen eine Filiale im Londoner Hipster-Viertel Shoreditch.

Immer mehr Menschen machen sich selbständig

In ihrer Heimat sind Guðrun & Guðrun Vorbilder. Wer halbwegs lokalpatriotisch eingestellt ist und sich die etwa 300 Euro teuren Pullis leisten kann, hat mindestens ein Exemplar im Kleiderschrank. Die Unternehmerinnen haben es geschafft, auf den Inseln zu einem neuen Gegentrend beizutragen: in die Heimat zurückzukommen oder sie gar nicht erst zu verlassen. Seit die Färinger vor gut einem Jahr eine neue Regierung an die Macht wählten, bietet die Universität in Tórshavn mehr Studiengänge an, darunter Nachhaltiges Wirtschaften, Jura und Informatik.

Weil auch immer mehr Touristen das abgelegene Land entdecken wollen, gewinnt fernab der Fischerei der Dienstleistungssektor an Bedeutung. Wie einst Guðrun & Guðrun machen sich die Färinger zunehmend selbständig und eröffnen Cafés und Geschäfte. Im vorigen Jahr ist die Bevölkerung so stark gewachsen wie seit 20 Jahren nicht mehr - auch dank der Rückkehrer. "Wir brauchen diese Menschen", sagt Gudrun Ludvig. Anfangs war es nicht einfach für sie eine Pionierin zu sein. "Aber ich bin froh, es gemacht zu haben."

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SZ vom 10.01.2017/vd/sry
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