Süddeutsche Zeitung

Geldanlage:Steinreich mit Lego

  • Viele Lego-Sets erleben innerhalb weniger Jahre Wertsteigerungen von über 200 Prozent.
  • Einige Sammler kaufen das Spielzeug deshalb mittlerweile nicht mehr zum Bauen, sondern als Geldanlage.
  • Mit den Gewinnen könnte allerdings bald Schluss sein.

Ein beachtlicher Teil von Jakob Hetkämpers Vermögen ist in rund eine Million Klötzchen aufgeteilt. Der Mann sammelt Lego-Steine nicht nur zum Bauen. Der 36-Jährige sieht in dem Spielzeug eine Wertanlage. In Hetkämpers Wohnzimmer steht ein Paradebeispiel: der Lego-Eiffelturm, einen Meter hoch und aus Hunderten Steinchen konstruiert. Im Jahr 2007 kaufte er das Paket für 199 Euro. Mittlerweile ist der Turm in Sammlerkreisen durchschnittlich 791 Euro wert. Mit wenigen Klicks am Computer hat Hetkämper den Preis ermittelt.

Etliche Lego-Artikel erleben innerhalb weniger Jahre eine Wertsteigerung von mehr als 200 Prozent. Beim Blick in die Online-Handelsplattformen der Fans stellt sich diese Erkenntnis ein. Dabei finden sich auch spektakuläre Ausreißer wie ein Bausatz zum Film "Harry Potter". Den gab es im Jahr 2005 für 30 Euro im Handel. Mittlerweile sind Sammler bereit, etwa 400 Euro zu zahlen - ein Plus von weit über 1000 Prozent.

Riesige Preissprünge machen Sammlerstücke interessant

Woran liegt das? Hetkämper nennt mehrere Gründe: Es gebe eine große Fangemeinde unter Erwachsenen. Auf der ganzen Welt leben Lego-Begeisterte. Im Ausland, unter anderem in der Schweiz, aber auch in China und Singapur, sind die Produkte wesentlich teurer als in Deutschland. Viele ältere Sets gibt es zudem nur in arg begrenzter Auflage. "Komplett rational ist der Wertgewinn aber nicht zu erklären", gesteht Hetkämper ein.

Das Phänomen ist von weiteren Sammlerstücken bekannt. Oldtimer und Kunstwerke kommen immer wieder als gute Wertanlagen ins Gespräch. Auch teurer Wein und sogar Bonsaibäume gelten als Renditebringer. Kurzum: Es braucht ein mehr oder weniger hochwertiges Produkt, eine gewisse Seltenheit und vermögende wie enthusiastische Interessenten. Ernsthaft würde wohl kaum ein Anlageexperte raten: "Investieren Sie Ihr ganzes Geld in alte Autos und kleine Bäume, schon haben Sie ausgesorgt." Bei Sammlerstücken braucht es Fachwissen und Zeit, damit es überhaupt etwas wird mit der Rendite. Geschichten über riesige Preissprünge beim Weiterverkauf klingen verlockend - doch dahinter stecken auch Arbeit, Geduld und ein bisschen Glück.

Solche Geschichten kann auch Hetkämper erzählen. Bei ihm wirkt es einfach, die Kenntnis des Marktes ist für ihn intuitiv. Es sind bestimmte Modellreihen, die nach Jahren zahlungsbereite Abnehmer finden. In seinem spärlich beleuchteten Hobbykeller sind auf mehreren Glasplatten die Raumschiffe aus der Kultreihe "Star Wars" drapiert. Sie gehören zu den meistgefragten Modellen - und lösten in Hetkämper die Begeisterung für Lego aus.

Jahrelang bastelte er vor sich hin, im Jahr 2010 wollte er einen Aufkleber für ein Teil nachbestellen. Im Netz war der kleine Sticker für 40 Euro aufwärts zu haben. Seitdem sieht Hetkämper Einkäufe auch als Wertanlage.

Eine eigene Versicherung fürs Plastikimperium

Zu jedem Artikel in seinem akkurat sortierten Keller kann der hauptberufliche ITler eine Geschichte erzählen. In kleine Plastikboxen sind einzelne Steinchen nach Farbe und Größe sortiert. Hetkämper zieht Kisten aus dem Regal, die besonders wertvoll sind. Das erkennt er an speziellen Seriennummern und Siegeln. Originalverpackte Bausätze lassen sich besser weiterverkaufen als geöffnete. Deshalb finden sich in Hetkämpers Keller auch Kisten, die aussehen, als hätten sie die Fabrik nie verlassen. Sie sind Spekulationsobjekte, bei denen Hetkämper kein Interesse hat, zu bauen. Die meisten Sets nutzt er aber zunächst zu ihrem ursprünglichen Zweck. Wenn zumindest alles vollständig ist, in gutem Zustand und die Anleitung sowie die Verpackung noch da sind, zahlen Fans immer noch eine Menge. Deshalb hat Hetkämper für sein Plastikimperium eine eigene Versicherung abgeschlossen. Um die Übersicht zu behalten, pflegt er eine Datenbank über den Bestand. Allein deshalb kostet das Hobby Zeit.

David Spröhnle teilt Hetkämpers Liebe zu Lego, nicht aber den Glauben an die künftige Wertsteigerung. Spröhnle gehört zu den Menschen, die Lego-Freunde online vernetzen. Seine Plattform "Brick Scout" ist voll mit Bildern der gelben Männlein. Die Sammler handeln Sets, Zubehör und Einzelteile.

Aus Spröhnles Sicht neigt sich die Zeit der "Plastikdiamanten" ihrem Ende zu. Die Knappheit der Produkte ist immer weniger gegeben. Jahrelang waren die meisten Angebote stark limitiert. Der kaum ausgebaute Onlinevertrieb von Lego schränkte die Verfügbarkeit ein. Zudem habe Lego die Kunden vor Jahren mit innovativen Produkten begeistert, meint Spröhnle. Auch die Lizenzprodukte zu Filmen galten als aufregende Neuerung. Sie halfen Lego aus einer schweren wirtschaftlichen Krise Anfang der 2000er-Jahre. Die dänische Firma ist inzwischen einer der erfolgreichsten Spielzeugkonzerne der Welt. Doch Alleinstellungsmerkmale schwinden. Längst bemühen sich Mitbewerber ebenfalls um die erfolgreichen Lizenzprodukte, die auch erwachsene Filmfans zu den Spielwaren bringen. Außerdem kopieren insbesondere Billiganbieter in China die Lego-Klötze.

Ein Raumschiff aus "Star Wars" wird zum Symbol des Wertverlusts

Lego selbst ändere seit einigen Jahren seine Produktionsabläufe, so Spröhnle. Auch das hat Folgen für die Sammler. Auf die Seltenheit von Bausätzen können sie in vielen Fällen nicht mehr hoffen. Ist ein Artikel ausverkauft, produziere Lego nach, berichtet Spröhnle. Einst unter dem Label "exklusiv" verkaufte Produkte kämen plötzlich mit leichten Änderungen zurück auf den Markt.

Als Symbol des Abwärtstrends benennen viele in der Szene das einstige Aushängeschild des Aufstiegs, ein Raumschiff aus den Star Wars-Filmen namens "Millennium Falcon". Für 500 Euro kam der graue Koloss in den Handel, rasch wurden beim Weiterverkauf 4500 Euro fällig. Nun brachte Lego zur Fortsetzung der Filmreihe eine Neuauflage des Modells raus. Der Wert für das alte Material rauschte mittlerweile auf 2000 Euro herunter. Das ist natürlich immer noch ein Vielfaches vom Ursprungspreis. Und noch gibt es genug positive Beispiele für Wertsteigerungen.

Mögliche Risiken der Anlage möchte Hetkämper nicht überbewerten. Zumindest für die nächsten Jahre glaubt er an weitere Gewinne. Und falls es nicht klappt, hat sich schon eine neue Verdienstquelle mithilfe der bunten Steine aufgetan. Hetkämper vermietet seine acht mal vier Meter große Lego-Stadt zu Anlässen, bei denen Kinder bespaßt werden sollen.

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Quelle:
SZ vom 06.03.2018/been/sry
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