Süddeutsche Zeitung

Fairtrade-Klamotten:Wenn hinter fairen Versprechen Kinderarbeit steckt

Diese Woche kommen die ersten Klamotten mit dem Fairtrade-Label auf den Markt. Doch Aktivisten finden auch bei zertifizierten Herstellern Kinderarbeit und Hungerlöhne.

Von Caspar Dohmen, Berlin

Um ein Oberhemd herzustellen, braucht es etwa 140 Arbeitsschritte, vom Anbau der Baumwolle bis zum Annähen des letzten Knopfes. Entsprechend viele Menschen sind an der Herstellung beteiligt, Bauern, Färber, Spinner, Näher. Viele von ihnen arbeiten unter gefährlichen Bedingungen und verdienen weniger, als sie eigentlich zum Leben bräuchten.

Wie schwierig es ist, die Verhältnisse entlang der textilen Lieferkette zu verbessern, zeigen die Bemühungen des fairen Handels. Fünf Jahre brauchte er, um diese Woche die ersten Produkte mit dem Fairtrade-Textilstandard auf den Markt zu bringen. Er deckt alle industriellen Stufen der Verarbeitung ab, von der Entkörnung der Fasern bis zur Konfektion. Zu den ersten Produkten gehört die Merchandising-Kollektion des VfB Stuttgart. "Das bedeutet bessere Arbeitsbedingungen für die vielen Menschen, die am Anbau der Baumwolle und der Verarbeitung beteiligt sind", sagte Rapha Breyer, bei Fairtrade Deutschland zuständig für Textilien. Die Produkte werden in Indien gefertigt, wo Fairtrade mit einigen Unternehmen viel Arbeit investiert hat, um eine Lieferkette aufzubauen, in der alle Arbeiterinnen und Arbeiter innerhalb von sechs Jahren einen existenzsichernden Mindestlohn erhalten sollen.

Das wäre ein großer Fortschritt und so weit geht kein anderer Standard. Entscheidend ist aber die Umsetzung vor Ort. Und hier gibt es gerade ernüchternde Ergebnisse für fair zertifizierte Baumwolle aus Indien, den Rohstoff der textilen Lieferkette. Fairtrade-Baumwolle gibt es seit 2005. NGOs stellten nun gravierende Mängel bei den Arbeitsbedingungen von denen fest, die sie anbauen, etwa eine Bezahlung unterhalb des gesetzlichen Mindestlohns und Kinderarbeit.

Feldarbeiterinnen hätten nichts von fairen Preisen, beklagen Aktivisten

Eines der zentralen Argumente, mit denen der faire Handel für sich werbe, seien faire Preise für Produzenten, fasst Sabine Ferenschild von der Nichtregierungsorganisation Südwind die Ergebnisse einer noch unveröffentlichten Studie des Center for Labour Research and Action zusammen, die sich für indische Arbeiter und Arbeiterinnen einsetzt. "Die Untersuchung hat gezeigt, dass die Feldarbeiterinnen bisher nicht an den fairen Preisen teilhaben." Bei der Untersuchung waren 269 Beschäftigte von vier Baumwollbetrieben in drei Bundesstaaten befragt worden, meist Tagelöhner. Davon arbeiteten 204 für Fairtrade-Farmen, die Bio-Baumwolle anbauten.

In Indien gibt es ein kompliziertes Mindestlohnsystem. Außerdem besteht eine Minimalarbeitsgarantie von 100 Tagen jährlich zu festen Tagessätzen für die ländliche Bevölkerung, die in einigen Bundesstaaten unter dem gesetzlichen Mindestlohn liegen. Die Löhne der Beschäftigten in den Fairtrade-Betrieben lagen zu gehörigen Teilen unterhalb beider Grenzen. In allen Betrieben hatten Arbeiter Kinderarbeit auf den Feldern beobachtet, teilweise auch von Kindern, die nicht zur Familie gehörten und "die deutlich länger als gesetzlich erlaubt arbeiteten".

Fairtrade hat bereits auf die ersten Studienergebnisse reagiert. Man habe den Zertifizierer Flocert mit einer Untersuchung beauftragt, teilte eine Sprecherin auf Anfrage mit. Sollten sich die Ergebnisse bewahrheiten, könnten die Produzentenorganisationen nachbessern, geschehe dies nicht, werde die Zertifizierung entzogen. Außerdem solle mit Schulungen das Bewusstsein für Kinderarbeit und die Fairtrade-Standards geschärft werden.

Aber Fairtrade räumt ein, dass es extrem schwierig sei, die Verhältnisse der Baumwollbauern zu verändern. Kleinbauern sind in der Erntesaison auf Helfer angewiesen. Allerdings könnten sie diese "kaum bezahlen", heißt es. Die Folge seien häufig unangemessene Löhne für die Erntehelfer oder der Einsatz von Kindern.

Öffentlich geworden war das prinzipielle Probleme vor einigen Jahren durch den Fall dominikanischer Kleinbauern, die haitianische Erntehelfer ausbeuteten. Seitdem hat Fairtrade seine Standards verschärft. Kooperativen, die zehn Arbeiter für einen Monat oder länger beschäftigten, müssten diese beim Zertifizierer Flocert melden, sie offiziell anstellen und gesetzliche Mindestlöhne zahlen.

Nur ein kleiner Teil der Baumwolle stammt aus Fairtrade-Produktion

Allerdings gelten diese Konditionen nur für den anspruchsvolleren Fairtrade-Standard für Produzentenorganisationen und nicht für den schwächeren Standard. Dieser beinhaltet keine Kriterien zu Lohnhöhe, Verträgen und Vereinigungsfreiheit. Allerdings stammt der größte Anteil der als fair zertifizierten Baumwolle in Indien aus Betrieben mit eben diesem schwächeren Standard: 2019 waren es 77 Prozent von insgesamt 41 447 Tonnen Baumwolle. Nur 23 Prozent der entsprechenden Baumwolle kam aus Kleinbauernkooperativen.

Der schwächere Standard soll mehr Betrieben ermöglichen, in das System einzusteigen. Firmen sollten nach einer gewissen Zeit zum anspruchsvolleren Fairtrade-Standard übergehen, fordert Sabine Ferenschild von der Nichtregierungsorganisation Südwind. Früher habe es eine Vorgabe von sechs Jahren für den Übergang vom Vertragsanbau zur Kooperative gegeben, heißt es bei Fairtrade. "Diese Vorgabe wurde aufgeweicht, weil der Großteil der Produzenten ihr nicht gerecht werden konnte." Das zeige das Spannungsfeld, in dem sich Fairtrade bewege: Ein anspruchsvoller Standard, der sich nicht realisieren lasse, werde die Bedingungen im Bauwollanbau nicht verändern.

Auch bei den Spinnereien gibt es ein gewaltiges Problem. Indische Baumwolle ist derzeit gefragt, auch weil viele Unternehmen den Rohstoff nun in Indien statt in China beschaffen, wegen der Zwangsarbeit der Uiguren im Hauptanbaugebiet Xinjiang. Davon profitieren auch die Produzenten fairer Baumwolle in Indien.

Diese Betriebe könnten ihre komplette Ernte als fair zertifizierte Baumwolle absetzen, erwartet Fairtrade. Das war in früheren Jahren nicht immer der Fall. Von den massiven Preissteigerungen profitierten vor allem Spinnereien und Entkörnungsbetriebe. "Sie kaufen die Baumwolle auf, halten sie zurück und verkaufen sie anschließend zum bestmöglichen Zeitpunkt", heißt es bei Fairtrade. Hier liege ein Fehler im System, sagt ein Unternehmer, der faire Bio-Baumwolle bezieht. Es ergebe doch keinen Sinn, wenn man als Unternehmen mehr für die faire Bio-Baumwolle zahle, aber das Geld in den Spinnereien versickere, statt bei den Bauern anzukommen. Manche Kleinbauern in Indien verkaufen ihre fair zertifizierte Baumwolle nun an Aufkäufer anderer Firmen, die mehr zahlen.

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