Süddeutsche Zeitung

EZB:Draghi stemmt sich gegen den Abschwung

  • Die EZB versorgt europäische Banken mit neuen Notkrediten. Außerdem verschiebt sie die Leitzinserhöhung.
  • Die EZB möchte kein Risiko eingehen, auch weil die Konjunktur sich abschwächt.
  • Wegen der Ankündigungen der EZB verlieren der Eurokurs und Aktien von europäischen Banken an Wert.

Die Europäische Zentralbank (EZB) möchte einen starken Wirtschaftsabschwung in der Euro-Zone schon im Keim ersticken. Die Notenbank hat beschlossen, eine für den Herbst avisierte Leitzinserhöhung mindestens bis ins nächste Jahr zu verschieben. Gleichzeitig einigte sich der EZB-Rat auf ein neues Kreditprogramm für Europas Banken, um Finanzierungsengpässe für die Institute auszuschließen.

"Wir erleben eine allgegenwärtige Unsicherheit gepaart mit schlechten Wirtschaftsaussichten", sagte EZB-Präsident Draghi am Donnerstag in Frankfurt. Er verglich die Situation mit einer "Dunkelkammer", in der man besser vorausschauend agiere als nur reagiere. "Mit unseren Maßnahmen stärken wir die ökonomische Widerstandskraft der Euro-Zone", so Draghi, der eine Rezession für Europa allerdings als sehr "unwahrscheinlich" bezeichnete. Schließlich expandiere die Wirtschaft noch. Die Euro-Zone soll 2019 allerdings nur noch 1,1 Prozent wachsen, so Draghi. Bislang ging die EZB von 1,7 Prozent aus.

Die Entscheidung der EZB kam überraschend. Der Eurokurs verlor 0,8 Prozent und sank auf 1,1204 Dollar. Auch die Aktienkurse von Banken sanken, weil die Banken mit niedrigen Zinsen weniger Geld einnehmen, wenn sie Kredite vergeben. Der Index für die Finanzbranche Im Euroraum gab 3,3 Prozent nach. Die Papiere der Deutschen Bank waren mit einem Minus von 5,1 Prozent größter Verlierer im Dax.

Die meisten Experten hatten erwartet, dass die Währungshüter noch warten, bevor sie eine Kehrtwende vollziehen. Die Notenbank hatte erst im Dezember ihr Anleihekaufprogramm ausgesetzt. Draghi wollte der Finanzwelt damals das Signal geben, dass nun auch die EZB nach Jahren lockerer Geldpolitik in einen Normalisierungsmodus wechseln wolle. Doch jetzt ist alles anders. Der drohende Brexit, die Handelskonflikte zwischen China und den USA, die finanziell angespannte Lage in Schwellenländern und die Probleme in der Euro-Zone haben den Optimismus für die Weltwirtschaft gedämpft. Noch ist offen, ob der Abschwung in Europa schnell vorübergehen wird, es sich also nur um eine Episode handelt. Oder erlebt man jetzt den Beginn einer Abwärtsspirale?

Die EZB möchte kein Risiko eingehen. Auch deshalb versorgt sie den Finanzsektor mit neuen Kreditlinien. Banken sollen sich ab September bei EZB günstig Geld leihen können. Diese neue Runde sei nötig, weil die letzte Kreditlinie der EZB von 2016 bald ausläuft. Die Notenbank befürchtet einen Engpass an den Märkten, wenn viele Kreditinstitute gleichzeitig viel Geld brauchen. Das Kreditprogramm soll Europas Wirtschaft ankurbeln. Wenn Banken diese Mittel als Darlehen an Unternehmen und Haushalte ausreichen, erhalten sie von der EZB sogar noch einen Bonus.

Der EZB-Präsident ist in der Bredouille. Er hat die lockere Geldpolitik auch noch laufen lassen, als Europas Wirtschaft stark gewachsen ist. Doch was kann die EZB machen, wenn Europas Wirtschaft erneut in eine Finanzkrise rutscht wie 2011? Der Leitzins ist ja bereits seit Jahren bei null Prozent. Gleichzeitig hat die EZB so viele Anleihen in der Bilanz, dass sie aufgrund der Bestimmungen nicht mehr viele dazukaufen kann, zumal sie auslaufende Anleihen noch lange ersetzen möchte. Das bedeutet: Wenn eine Bundesanleihe nach Ende der Laufzeit zurückbezahlt wird, steckt die Zentralbank das eingenommene Geld in einen neuen Schuldschein. Somit bleibt die EZB auch in den kommenden Jahren der wichtigste Akteur am Anleihenmarkt und rückt den Marktzins. "Sehr wahrscheinlich erlebt die Euro-Zone das, was Japan schon seit 20 Jahren erlebt. Die Zinsen werden noch sehr lange niedrig bleiben", sagt Andrew Bosomworth, Anleiheexperte beim Vermögensverwalter Pimco.

Ähnlich sehen es auch seine Kollegen. "Die EZB hat die Leitzinswende für 2019 heute abgesagt", sagt Chefökonom Alexander Krüger vom Bankhaus Lampe. "Dadurch verschiebt sich die Zinswende wohl auf den Sankt-Nimmerleins-Tag." Deutsche Sparer müssen sich deshalb auch künftig - unter Berücksichtigung der Inflation - mit realen Verlusten abfinden. Aktuell bieten hiesige Banken für eine Festgeldanlage über zehn Jahre im Schnitt zwischen ein und zwei Prozent Rendite. Die Zinsen auf Girokonten liegen deutlich unter ein Prozent. Zum Vergleich: Die Inflationsrate in der Euro-Zone notiert bei 1,5 Prozent, in Deutschland sogar bei 1,6 Prozent.

Ein weiteres Problem: Das billige Geld entfaltet auch Nebenwirkungen. An den Aktienmärkten kam es nach langer Hausse seit Jahresbeginn zu starken Kursschwankungen. Die billigen Hauskredite haben dazu geführt, dass die Immobilienpreise in Deutschlands Ballungszentren und zuletzt auch in der Peripherie massiv gestiegen sind.

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SZ vom 08.03.2019/lüü
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