Süddeutsche Zeitung

Expertenbericht zum UN-Sondergipfel:Wachstum und Klimaschutz vertragen sich doch

"Das ist ein falsches Dilemma": Eine hochkarätige Kommission unter Führung von Mexikos Ex-Präsident widerspricht der gängigen Meinung, Wirtschaftswachstum und Klimaschutz seien nicht vereinbar. Es komme lediglich auf die richtige Art des Wachstums an.

Von Michael Bauchmüller, Berlin

24 Experten, zwölf Monate Arbeit, ein Ergebnis: Wirtschaftswachstum und Klimaschutz müssen kein Gegensatz sein - wenn man das Wachstum richtig anpackt. "Unser Report räumt auf mit der Idee, dass man zwischen dem Kampf gegen den Klimawandel und einer wachsenden Weltwirtschaft wählen muss", sagt der einstige Staatspräsident Mexikos, Felipe Calderón. "Das ist ein falsches Dilemma."

Vor einem Jahr war Calderón von den Vereinten Nationen berufen worden, mit einer Kommission der Ökonomie des Klimaschutzes nachzugehen. Er rief andere Ex-Staatsleute wie Chiles Ricardo Lagos zu sich, Wirtschaftslenker wie die Chefs von Unilever und Swiss Re, Paul Polman und Michel Liès, Ökonomen wie Sir Nicholas Stern, der einst im "Stern-Report" die Kosten unterlassenen Klimaschutzes ausrechnete. Jetzt, passend zum Sondergipfel von UN-Generalsekretär Ban Ki Moon, stellt die Kommission ihre Ergebnisse vor.

Neue Städte - anders und kompakter

Der Report, der diesen Dienstag offiziell präsentiert wird, legt eine Art Masterplan für klimafreundliches Wachstum vor. So lasse sich die weitere Abholzung tropischer Regenwälder schon dadurch vermindern, dass vermehrt brachliegende Ackerflächen für die Landwirtschaft genutzt werden.

Würden nur zwölf Prozent dieser Brachen rekultiviert, könnten diese bis 2030 rund 200 Millionen Menschen ernähren, wirbt der Calderón-Bericht. Bestehende Äcker könnten derweil durch eine vernünftige Bewirtschaftung von Böden und Wasser weitaus mehr abwerfen - ohne dass weitere Wälder gerodet werden müssten.

Auch bei der Energieversorgung sieht der Bericht riesige ungenutzte Potenziale. Binnen 15 Jahren könne die Hälfte der Energie aus klimafreundlichen Quellen stammen, nicht zuletzt durch "rapide sinkende Kosten vor allem bei Wind- und Sonnenenergie". Auch die Abscheidung und Nutzung von Kohlendioxid in Kohlekraftwerken verschmäht die Kommission nicht. Und schließlich ließe sich für das Klima einiges erreichen, würden neue Städte anders, kompakter gebaut als bisher.

Die Welt braucht einen Klimavertrag

"Wie sich die größten Städte entwickeln, wird entscheidend für den künftigen Pfad der Weltwirtschaft und des Klimas", heißt es in dem Report. "Doch ein großer Teil städtischen Wachstums passiert ungeplant und unstrukturiert." Dabei ließen sich hier bis 2030 allein drei Milliarden Dollar an Infrastruktur-Kosten sparen - mit mehr Planung. Und die Emissionen würden fallen.

Die Botschaft an Staatschefs und Minister, die kommende Woche in New York eintrudeln, ist klar: Die Welt braucht einen Klimavertrag - und basierend darauf einen radikales Kurswechsel zum grünen Wirtschaften. So plädieren die Experten dafür, alle Subventionen für fossile Energie, jährlich rund 600 Milliarden Dollar, abzuschaffen. Stattdessen brauche es einen "starken und vorhersehbaren Preis für Kohlenstoffe", wirbt der Bericht.

"Der angebliche Zielkonflikt entpuppt sich als Mythos"

"Entscheidend ist, dass CO₂ einen Preis bekommt", sagt auch Ottmar Edenhofer, Chefvolkswirt des Potsdam-Instituts für Klimafolgenschätzung, selbst einer der wissenschaftlichen Berater der Calderón-Kommission. "Dann hätten Investoren verlässliche Bedingungen, um Innovationen in klimafreundlichen Technologien voranzutreiben."

Verlässlichkeit ist auch einer der Schlüsselbegriffe des Berichts. "In sich stimmige, glaubhafte, langfristige politische Signale sind unabdingbar", schreibt der Expertenzirkel. Letztendlich würden dadurch Investoren ermutigt, in den Wandel zu investieren. Das wiederum mache ihn billiger.

"Der angebliche Zielkonflikt zwischen Wirtschaftswachstum, Versorgungssicherheit und Klimaschutz entpuppt sich als Mythos", sagt Deutsche-Bank-Manager Caio Koch-Weser, einer der 24 Experten in Calderóns Kommission. "Alle drei Ziele können erreicht werden, wenn es gelingt, verlässliche politische Rahmenbedingungen zu schaffen, nachhaltige Investitionen zu tätigen und Anreize für Innovationen zu setzen."

Zehn Punkte legt die Kommission nun als Aktionsprogramm vor. Mindestens die Hälfte der Emissionen, die bis 2030 global eingespart werden müssen, ließen sich so vermeiden, wirbt sie. Wenn es ganz gut läuft sogar 90 Prozent. Beschließen müssten das 194 Staaten in 15 Monaten - bei der alles entscheidenden Klimakonferenz in Paris.

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SZ vom 16.09.2014/fued
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