Süddeutsche Zeitung

Güterverkehr:Mitarbeiter werfen der Bahn "Bankrotterklärung" vor

  • Ein Brandbrief erhebt schwere Vorwürfe gegen das Management der Bahn-Gütersparte DB Cargo.
  • Er offenbart massive Zweifel am milliardenschweren Plan für den deutschen Güterverkehr des Unternehmens.
  • Demnach fürchten die Mitarbeiter, "dass die DB Cargo gegen die Wand gefahren wird".

Schon der Name zeigt, was sich die Politik von ihrem gerade beschlossenen milliardenschweren "Masterplan" für den deutschen Güterverkehr verspricht. Ende Juni kündigte Verkehrsminister Alexander Dobrindt an, die Trassenkosten, die sogenannte Schienen-Maut, zu halbieren. Jährlich seien von 2018 an dafür 350 Millionen Euro vom Bund vorgesehen. Das Ziel: wieder mehr Verkehr von den vollen Straßen auf die Schiene zu verlagern. "Das ist die größte Entlastung für den Schienen-Güterverkehr der vergangenen Jahrzehnte", sagte der CSU-Politiker. Die Bahn werde deutlich attraktiver, lobte auch Bahn-Vorstand Berthold Huber.

Intern allerdings gibt es bei der Bahn ernste Zweifel daran, dass der Konzern auf die Schnelle auch wirklich mehr Güter transportieren kann. Ein Brandbrief des Gesamtbetriebsrat der Gütersparte DB Cargo erhebt schwere Vorwürfe gegen das eigene Management. "Die jetzige Umstrukturierung ist eine absolute Bankrotterklärung", heißt es in dem auf Juli datierten Papier. "Loks und Wagen fehlen - Kunden werden bewusst enttäuscht." Und: "Die Planzahlen des Vorstands haben nichts mit der Realität vor Ort zu tun." Die Betriebsräte warnen in ungewöhnlicher Deutlichkeit: "Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter fürchten, dass die DB Cargo gegen die Wand gefahren wird." Die Millionen aus dem Masterplan der Politik wolle das Management "eher zum Verschleiern eigener Fehlentscheidungen nutzen, als für eine erfolgreiche Zukunft des Unternehmens".

Auf Kritik stößt vor allem, dass die Bahn zwar im Frühjahr eine neue Strategie eingeführt hat, die nicht funktioniere. Helfen soll etwa mehr digitale Technik. Diese aber sei noch gar nicht ausgereift, heißt es nun aus dem Unternehmen. Die Bahn setze auf ein fehlerhaftes System. Zudem seien Wagen und Loks aus dem Verkehr gezogen worden, mehr Güter deshalb kaum zu transportieren. Auch der Sparkurs - das Personal wird gerade von 17 000 auf rund 15 000 Stellen reduziert - mache deutlich mehr Verkehr so gut wie unmöglich. "Wir müssen froh sein, wenn wir das gegenwärtige Aufkommen schaffen", heißt es bei der Bahn-Tochter.

Die Deutsche Bahn räumt Probleme ein, allerdings vor allem durch äußere Einflüsse. Wegen Brandanschlägen und Unwettern habe es zeitweise einen "erheblichen Rückstau" von 300 Zügen gegeben, bestätigte ein Sprecher. Inzwischen sei dieser aber auf 50 bis 70 Züge reduziert. Man habe dafür externe Kapazitäten angemietet. Der Umbau brauche zudem Zeit.

Die Gütersparte der Deutschen Bahn rutschte zuletzt auch wegen des wachsenden Wettbewerbs in eine Krise und hatte dem Staatskonzern 2015 einen Milliardenverlust eingebrockt. Der einstige Fast-Monopolist DB Cargo hat inzwischen 40 Prozent Marktanteil an Konkurrenten verloren. Ein Anfang des Jahres beschlossenes Sanierungsprogramm soll die Wende bringen. Laut einem Bahn-Papier beschwerten sich zuletzt allerdings auch Kunden massiv über Unpünktlichkeit und nicht eingehaltene Zusagen. "DB Cargo kann somit leider nicht in diesem Segment wachsen, schlimmer noch, es werden in hohem Maße Verkehre auf den Lkw verlagert", heißt es. Brisant ist der Streit auch für DB-Cargo-Chef Jürgen Wilder. Er gilt als Favorit des Bahnmanagements für den freien Güterverkehrs-Vorstandsposten. Aufsichtsräte favorisieren dagegen Sigrid Nikutta, die Chefin der Berliner Verkehrsbetriebe

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SZ vom 07.07.2017/vit
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