Süddeutsche Zeitung

Fintechs:Commerzbank winkt ein hoher Sondergewinn

Bei dem Geldhaus ging zuletzt allerhand schief. Nicht so bei den Fintech-Beteiligungen: Da gibt es nun erstaunliche Erfolgsmeldungen.

Von Meike Schreiber, Frankfurt

Bei der Commerzbank hatten sie zuletzt kein allzu gutes Händchen: Verstrickt in Finanzskandale von Cum-Ex bis Wirecard, mit mürrischen Großaktionären wie dem Bund, der die Bank in der Finanzkrise retten musste, und einem US-Fonds namens Cerberus, der die Bankführung vergangenes Jahr mehr oder weniger zum Rücktritt gedrängt hatte. Und wäre das nicht genug, war vor Ostern auch noch die Hälfte der kapitalseitigen Aufsichtsräte zurückgetreten im Streit darum, wie weit der Bund in die Strategie eingreifen darf.

Doch zuweilen gibt es auch erstaunliche Erfolgsmeldungen bei Deutschlands zweitgrößter Privatbank - und die betreffen ausgerechnet ihre Investments in Fintechs, also digitale Finanz-Start-ups. Während die Digitalisierung des Geldhauses eher schleppend vorankommt, haben sich ihre Wagniskapital-Töchter Main Incubator und Commerz Ventures still und heimlich an einigen aussichtsreichen Fintechs beteiligt: Wenn diesen Mittwoch das amerikanische Start-up Marqeta an die US-Technologiebörse Nasdaq geht, dann kann sich auch die Commerzbank über einen beträchtlichen Buchgewinn freuen - nach Analystenschätzungen vermutlich ein dreistelliger Millionen-Euro-Betrag. Wie viel es genau ist, sagt das Geldhaus nicht, aber es entspräche dem Konzerngewinn von zwei mittelprächtigen Quartalen.

Bereits seit 2015 ist die Commerzbank über Commerz Ventures an dem amerikanischen Kreditkartenanbieter beteiligt und hat auch mehrmals Geld nachgeschossen. Bei dem geplanten Börsengang strebt Marqeta nun gleich eine Bewertung von zwölf Milliarden Dollar an - deutlich mehr als die Commerzbank selbst an der Börse wert ist, die dort nur auf 8,4 Milliarden Euro kommt. Wie viele andere Fintechs profitiert auch das in Kalifornien ansässige Unternehmen davon, dass Kunden mehr im Internet bestellen. Unlängst wurde der US-Zahlungsdienstleister Stripe bei einer Finanzierungsrunde durch private Investoren sogar mit fast 100 Milliarden Dollar bewertet, obwohl die Silicon-Valley-Firma noch gar nicht an die Börse gegangen ist. Aber auch in Deutschland investieren Wagniskapitalgeber derzeit so viel Geld wie niemals zuvor.

Das Fintech ist mehr wert als die Commerzbank

Die Commerzbank war lange Zeit eine der wenigen deutschen Banken, die auch selbst als Investor in der Fintech-Szene auftrat. Unter dem früheren Vorstandschef Martin Blessing hat die Bank 2014 ihre zwei Wagniskapitalfirmen gegründet, neben dem Main Incubator auch Commerz Ventures. Zudem schuf die Tochter Comdirect eine Start-up-Garage, in der Gründer in ihrer Anfangsphase Anlaufhilfe erhalten. Während der Main Incubator in sehr junge Fintechs investiert, deren Technologie die Commerzbank auch selber nutzen möchte, beteiligt sich Commerz Ventures an Finanz-Start-ups, die schon reifer sind. Außerdem ist Commerz Ventures vor allem auf Rendite aus, strategisch profitiert die Commerzbank allenfalls davon, dass sie über ihre Tochter hoffentlich früher von Branchen-Trends erfährt. Insgesamt ist Commerz Ventures an 16 und der Main Incubator an 13 Jungfirmen beteiligt.

Der Börsengang von Marqeta werfe jedenfalls "ein Licht auf Commerz Ventures", die noch an weiteren "attraktiven" Firmen beteiligt seien, schrieben die Analysten der Deutschen Bank diese Woche anerkennend über die Erfolge des kleinen Frankfurter Konkurrenten. Dank der Ventures-Tochter könne sich das Geldhaus womöglich höhere Gewinnziele setzen, wenngleich sich diese Sondereffekte freilich nicht beliebig wiederholen ließen.

Auch der neue Commerzbank-Chef Manfred Knof hat bereits ein Investment vorangetrieben. Unter seiner Ägide hat sich das Geldhaus zusammen mit der Deutschen Börse an der gerade gegründeten Frankfurter Firma 360x beteiligt - ein virtueller Kunst- und Immobilienhandel. Ob auch daraus später einmal Milliardenunternehmen wird? Das wird sich zeigen.

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