Süddeutsche Zeitung

Boeing 747:Das Ende des Größenwahns

Der US-Flugzeugbauer Boeing stellt die Produktion des legendären Jumbo-Jets 747 ein. Ein überfälliger Schritt - denn die Welt hat sich grundlegend geändert, und zwar schon lange vor der Corona-Krise.

Kommentar von Caspar Busse

Zum Feiern gibt es zu diesem runden Geburtstag keinen Anlass. 1970 hat Boeing das erste Modell seines neuen Flugzeugs 747, des legendären Jumbo-Jets, an die Fluggesellschaft Pan Am ausgeliefert. Jetzt, 50 Jahre später, verkündet der amerikanische Flughersteller, dass die Produktion eingestellt wird. Die letzten Maschinen sollen 2022 gebaut werden, fliegen werden sie freilich noch sehr lange, auch als Frachtflugzeuge. Schon im vergangenen Jahr hatte Boeing-Konkurrent Airbus das Aus für seinen Superflieger A 380 bekannt gegeben.

Es ist das Ende einer Ära des Größenwahns. Seit Jahrzehnten galt gerade in der Flugzeugindustrie und bei den Fluggesellschafter: noch größer, schneller, weiter. Jeder wollte den anderen übertrumpfen, koste es, was es wolle. Jede Airline bestellte immer größere Flugzeuge und packte diese mit Passagieren voll. Dass nun in kurzer Zeit die beiden wichtigsten Flugzeugbauer das Ende ihrer einstigen Vorzeigemodelle verkünden, ist ein Sinnbild für die Lage der Branche. Nach dem fast schon besinnungslosen Wachstum muss sie jetzt dringend umsteuern. Die weltweite Corona-Epidemie, die den Luftverkehr plötzlich und fast vollständig zum Erliegen gebracht hat, verschärft dabei eine Entwicklung dramatisch, die ohnehin seit Jahren im Gange ist.

Die 747 wurde als "Königin der Lüfte" gefeiert

Der Jumbo-Jet, zweistöckig, mit seinem charakteristischen Buckel und Platz für rund 600 Passagiere, wurde schon in den 60er Jahren entwickelt, er war damals ein Beleg dafür, was amerikanischen Ingenieure leisten können. Der Jumbo-Jet kann auch als der Wegbereiter für den weltweiten Flugverkehr bezeichnet werden. Der amerikanische Präsident nutzt traditionell noch immer dieses Prestigemodell als Air Force One für größere Auslandsreisen. Die 747 wurde als "Königin der Lüfte" gefeiert und war lange Zeit das weltgrößte Passagierflugzeug, bis Airbus die noch größere A 380 auf den Markt brachte. Im Gegensatz zu dem europäischen Konkurrenten verdiente Boeing viele Jahrzehnte sehr gut an dem Modell, von dem bisher insgesamt rund 1550 Stück ausgeliefert wurden.

Doch Boeing, inzwischen nach dem Absturz zweier Flugzeuge vom Typ 737 Max in einer sehr ernsten Krise, hat - wie auch Airbus - viel zu lange an dem Spitzenmodell festgehalten. Denn die Welt hat sich grundlegend geändert, und zwar schon lange vor dem Ausbruch der Virus-Epidemie. Vorbei sind die Zeiten, in denen fast alle glaubten, dass die Welt Großmaschinen wie den Jumbo-Jet und die A 380 braucht. Der Verkehr wächst nicht immer weiter, er findet auch nicht mehr nur zwischen den Mega-Drehkreuzen dieser Welt statt, sondern mehr und mehr werden auch mittelgroße Flughäfen verbunden. Die Passagiere fliegen lieber direkt, als umsteigen zu müssen - und das gilt in Corona-Zeiten noch viel mehr, in denen niemand Zwischenstopps einlegen will, die nur ein zusätzliches Infektionsrisiko bergen.

Künftig sind sparsame und effiziente Maschinen gefragt

Außerdem ist der Luftverkehr, wie Corona zeigt, volatiler geworden, viele Airlines scheuen das ganz große Risiko, kaufen, wenn überhaupt, lieber etwas kleinere Flugzeuge, die sie auch in einer möglichen Krise voll bekommen. Dazu kommt, dass die beiden großen Flugzeughersteller Airbus und Boeing sozusagen Opfer ihres eigenen Erfolgs sind. Denn die neuen, etwas kleineren Maschinen, A 350 oder Dreamliner, sind so gut und wirtschaftlich, dass sie die Riesenflieger nun überflüssig machen. Mit nur zwei statt vier Triebwerken sind sie sparsamer und umweltfreundlicher.

So mutig und visionär es einst gewesen sein mag, Riesenflugzeuge wie den Jumbo-Jet und die A 380 in die Luft zu bringen, so überfällig ist nun die Entscheidung, die Produktion der beiden Modelle einzustellen. British Airways hat seine 747-Flotte bereits stillgelegt. Bis die Luftfahrt wieder ihre altes Niveau erreichen wird, kann es durchaus lange dauern. Gerade hieß es, die Erholung der Passagierzahlen verlaufe "überraschend schwach". Künftig sind ohnehin keine Großflugzeuge mehr gefragt, sondern sparsame und effiziente Maschinen, vielleicht sogar mit alternativen Antrieben.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.4984008
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 31.07.2020
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.