Süddeutsche Zeitung

Arbeitslosigkeit:Ohne Umweg in Hartz IV

Zu geringe Löhne, zu geringe Arbeitszeit: Eine Statistik der Bundesagentur für Arbeit legt nahe, dass mehr und mehr Menschen nach dem Jobverlust sofort Arbeitlosengeld II statt ALG I beziehen. Wer ist davon betroffen? Und ist das Risiko tatsächlich gestiegen? Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Hannah Beitzer

Es ist der Albtraum eines jeden Angestellten: den Job verlieren und dann von Hartz IV leben müssen. Eine Analyse der Bundesagentur für Arbeit legt nahe, dass mehr und mehr Menschen gleich nach einem Jobverlust unmittelbar ALG II beziehen müssen - ohne Umweg über das im Durchschnitt höhere Arbeitslosengeld I. Doch wer muss sich wirklich Sorgen machen?

Wer läuft besonders Gefahr, sofort in Hartz IV abzurutschen?

Es gibt im Wesentlichen zwei Gründe, warum mehr und mehr Menschen nach dem Jobverlust sofort ALG II anstelle von ALG I beziehen müssen. Zum einen sind viele von ihnen nicht lange genug beschäftigt gewesen, um einen Anspruch auf das Arbeitslosengeld I zu haben. Den hat man nur, wenn man innerhalb der letzten zwei Jahre vor Verlust seines Arbeitsplatzes mindestens ein Jahr in die Arbeitslosenversicherung eingezahlt hat. Das ist bei vielen Menschen nicht mehr der Fall. "Die Anzahl derer, die an den Rändern der Unternehmen flexibel angestellt sind, steigt", sagt Olaf Struck, Arbeitsmarktforscher an der Universität Bamberg.

Will heißen: Immer mehr Firmen stellen Leiharbeiter ein. Wenn die ihren Job verlieren, haben sie oft noch nicht lange genug in die Arbeitslosenversicherung eingezahlt, um einen Anspruch auf ALG I zu haben - und fallen sofort in Hartz IV. "Es müssen aber nicht immer Leiharbeiter sein", ergänzt Struck, "zum Beispiel im Einzelhandel oder im Gastgewerbe werden Leute saisonweise ein- und wieder ausgestellt."

Die zweite Gruppe sind Geringverdiener. "Die Löhne in diesem Sektor sind gesunken", sagt Struck, "viele Leute verdienen schon im Job so wenig, dass sie eigentlich Anspruch auf Hartz IV hätten." Wenn sie dann arbeitslos werden, reicht das Arbeitslosengeld I, das 60 Prozent des Nettogehalts entspricht, nicht zum Leben - und sie müssen mit ALG II aufstocken.

Eine weitere anfällige Gruppe nennt Karl Brenke vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung: Studienabgänger. "Da kann man sich vorstellen, dass sie erst ein Praktikum machen oder nur eine befristete Stelle kriegen." Grundsätzlich sind sich die Experten jedoch einig, dass es vor allem Geringqualifizierte trifft. Das belegen auch die Zahlen der Bundesagentur für Arbeit: Nur jeden fünften qualifizierten Arbeitslosen habe dieses Schicksal in den vergangenen zwölf Monaten ereilt. Bei Geringqualifizierten, die arbeitslos werden, muss fast jeder zweite sofort Leistungen der staatlichen Grundsicherung beziehen.

Nein - jedenfalls nicht in absoluten Zahlen. Niemals sei das Risiko geringer gewesen, arbeitslos in der Grundsicherung zu sein, heißt es aus dem Bundesarbeitsministerium. Die Zahl der Arbeitslosen in der Grundsicherung sei im November mit 1,9 Millionen auf dem niedrigsten Stand seit Einführung des Arbeitslosengeldes II im Jahr 2005 gewesen. Zudem hätten in den zurückliegenden zwölf Monaten 920.000 Hartz-IV-Arbeitslose eine Beschäftigung im ersten Arbeitsmarkt gefunden. Dies seien deutlich mehr gewesen, als die 737.000 Zugänge von Arbeitslosen aus einer Beschäftigung im gleichen Zeitraum.

Ein Grund könnte sein, dass 2010 und Anfang 2011 besonders viele Hartz-IV-Empfänger in Jobs vermittelt wurden, sagt Joachim Wolff vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg. "Die Beschäftigungsverhältnisse, in die dieser Personenkreis eintritt, sind eher instabil", sagt der Experte. Will heißen: Sie werden wiederum in befristete Jobs oder Leiharbeit vermittelt, die nicht lange genug andauern, um einen Anspruch auf Arbeitslosengeld I zu bekommen. Zudem sei es gerade bei schwer vermittelbaren Menschen häufiger der Fall, dass sie die Probezeit nicht überstehen und wieder zurück in die Arbeitslosigkeit fallen.

Klaus Brenke sieht das ähnlich: "Es wundert mich gar nicht, dass es diese Tendenz gibt, weil Arbeitslose hauptsächlich in Zeitarbeit vermittelt werden." 46 Prozent aller offenen Stellen, die bei der Bundesagentur für Arbeit registriert sind, seien Zeitarbeit.

Olaf Struck nennt einen weiteren Grund: "Wir haben inzwischen einen stärkeren Zwang zur Arbeitsaufnahme." Vor allem bei jüngeren Arbeitslosen habe sich der Druck erhöht, eine Stelle anzunehmen. Seltener gebe es hingegen Umschulungen und Weiterbildungen. "Es gibt einen Personenkreis, der nicht ohne Grund arbeitslos ist, Menschen mit gesundheitlichen Problemen oder mangelhafter Bildung." Die drücke man nun auf den Arbeitsmarkt und manch ein Arbeitgeber probiere es mit ihnen einfach mal aus. "Aber sie sind da auch schnell wieder weg."

2004 wurden in Deutschland die gesetzlichen Beschränkungen für Leiharbeit gelockert. So wurde zum Beispiel das Verbot von Befristungen aufgehoben, ebenso das Verbot, einen Leiharbeiter nach Entlassung sofort wieder einzustellen. Außerdem ist die Überlassungsdauer seitdem nicht länger auf zwei Jahre beschränkt. Die Folge: "Wir hatten noch nie so viele Leiharbeiter wie zur Zeit", sagt Klaus Brenke. Zeitarbeiter also, die unter Umständen nie lange genug arbeiten, um Anspruch auf ALG I zu haben. Gleichzeitig sorgen sinkende Löhne in den unteren Gehaltsstufen dafür, dass das ALG I nicht ausreicht, wenn ein Anspruch besteht, ergänzt Olaf Struck.

Die Finanzkrise hat hingegen laut Ansicht der Experten keinen unmittelbaren Einfluss auf die Entwicklung. "Wenn überhaupt, dann spielt sie nur sehr indirekt eine Rolle. Eigentlich hat die Finanzkrise in Deutschland kaum jemanden getroffen", sagt Struck.

Ja, meint der Paritätische Wohlfahrtsverband - und spricht sich für eine Untergrenze beim Arbeitslosengeld I aus. Die an der Höhe des letzten Gehalts orientierte Geldleistung sollte im Monat mindestens 750 Euro betragen, forderte der Vorsitzende des Verbandes, Ulrich Schneider. "Nur bei einer solchen Summe ist gewährleistet, dass Betroffene nicht zusätzlich auf Hartz-IV-Leistungen angewiesen sind", sagte Schneider. Er werde den Vorschlag umgehend der Bundesregierung unterbreiten. Derzeit beziehe nur noch ein Drittel aller Arbeitslosen das Arbeitslosengeld I, sagte Schneider. Dass manche selbst davon nicht mehr leben könnten, liegt seiner Ansicht nach am wachsenden Niedriglohn-Sektor.

Auch Karl-Josef Laumann, Vorsitzender der Christlich-Demokratischen Arbeitnehmerschaft (CDA), fordert eine bessere Bezahlung für Zeitarbeiter. "Zeitarbeiter verdienen oft 30 bis 40 Prozent weniger als die Stammbelegschaft. Das geht nicht", sagte der Chef des CDU-Sozialflügels im Gespräch mit der Rhein-Zeitung. Der CDU-Politiker reagierte mit Sorge auf die Entwicklung, dass immer mehr Menschen bei Arbeitslosigkeit sofort auf Hartz IV angewiesen sind. Dies sei ein Beweis mehr dafür, dass sich bei der Entlohnung von Zeitarbeit etwas ändern müsse. Laumann appellierte an die Unternehmen, befristete Arbeitsverhältnisse zur Ausnahme zu machen: "Wer einerseits den Fachkräftemangel beklagt, kann nicht gleichzeitig immer mehr Menschen nur befristet einstellen", kritisierte er.

Wie beurteilen die Arbeitgeber die Situation?

Die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) hingegen warnte davor, die neuen Zahlen negativ zu bewerten. "Gerade für Geringqualifizierte ist eine zunächst befristete Beschäftigung allemal besser als dauerhafte Arbeitslosigkeit", sagte ein BDA-Sprecher. Die Arbeitsmarktpolitik müsse künftig aber dazu beitragen, "die Erwerbsläufe von Geringqualifizierten zu stabilisieren".

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