Süddeutsche Zeitung

Anklage in den USA:Winterkorn ist schon jetzt gestraft

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Der frühere VW-Vorstandschef kann sich zwar einem Verfahren in den USA entziehen - doch der Preis dafür ist hoch. Gut so.

Kommentar von Claus Hulverscheidt

Auch für den Ex-Chef eines Auto-Imperiums, das Kunden und Behörden in aller Welt jahrelang übers Ohr gehauen hat, gilt erst einmal die Unschuldsvermutung. Im Falle des Martin Winterkorn, der den VW-Konzern im Stil eines Generalfeldmarschalls führte, fällt es allerdings schwer zu glauben, dass er von dem systematischen Betrug rund um den Schadstoffausstoß seiner Diesel-Pkw nichts wusste. Und selbst wenn, bleibt der Umstand, dass er ein Binnenklima schuf, das Widerspruch gegen seine Vorgaben missbilligte und die Techniker damit zu "kreativen" Lösungen trieb.

Dass die US-Justiz jetzt Anklage gegen Winterkorn erhoben hat, zeigt, dass sie Hinweise auf seine persönliche Schuld hat. Für den Ex-Konzernchef ist das eine bestürzende Nachricht, denn das zuständige Gericht in Detroit hat mit den langen Haftstrafen für zwei VW-Mitarbeiter aus dem eher unteren und mittleren Management bereits bewiesen, dass es Milde im Fall Volkswagen für unangebracht hält.

Winterkorn drohen bis zu 25 Jahre Gefängnis. Man kann das für unverhältnismäßig halten - oder aber für die gerechte Strafe gegen jemanden, der, rein statistisch gesehen, den Tod Dutzender Herz- und Lungenkranker mitverschuldet hat.

Vermutlich wird sich Winterkorn dem Verfahren entziehen, indem er einfach in Deutschland bleibt. Hier schiebt ihn niemand ab. Er wird aber kaum mehr ins Ausland reisen können, will er nicht Gefahr laufen, bei einer Routinekontrolle der Polizei erkannt und doch in die USA überstellt zu werden. Gestraft ist er also jetzt schon.

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SZ vom 05.05.2018/vit
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