Süddeutsche Zeitung

Ackermanns letzte Jahrespressekonferenz:Der ach so unschuldige Herr Jain

Ein letztes Mal präsentiert Josef Ackermann die Jahresbilanz seiner Deutschen Bank - und muss verkünden, dass ausgerechnet das Investmentgeschäft seines Nachfolgers Jain schwächelt. Über die Klagen in den USA reden der Alte und der Neue ungern. Dafür kürzen sie den Mitarbeitern die Boni.

Jannis Brühl

Das Roulettespiel sei vorbei - das ist eine von Josef Ackermanns Abschiedsbotschaften. "Wir haben uns von riskanten Geschäftsaktivitäten verabschiedet", sagt der scheidende Vorstandschef der Deutschen Bank auf der Bilanzpressekonferenz in Frankfurt. 56 Prozent des Gesamtergebnisses seien im letzten Jahr aus dem klassischen Bankgeschäft gekommen, immer weniger aus den Spekulationen seiner Investmentbanker. Auf dem Podium drei Plätze neben ihm sitzt der König der riskanten Geschäftsaktivitäten vor einer Wand im Firmen-Blau: Ackermanns Nachfolger Anshu Jain.

Zusammen mit Jürgen Fitschen wird der 49-jährige Jain von Mai an die Deutsche Bank leiten. Bisher war er Chef des Investmentbankings. Diese Abteilung fuhr lange Zeit höhere Gewinne ein als das biedere Privatkundengeschäft. Dank hohem Risiko - und in manchen Fällen wegen Skrupellosigkeit, sagen Kritiker. Mehrere Fonds in den USA verklagten die Deutsche Bank wegen ihrer Rolle in der US-Immobilienkrise, die 2008 die Finanzkrise auslöste. Die US-Börsenaufsicht SEC ermittelt. Kritiker bemängeln, dass mit Jain nun ausgerechnet derjenige an die Spitze des Unternehmens gerückt ist, der damals die oberste Verantwortung für die wilden Investment-Geschäfte trug.

Ackermanns Erbe ist somit eines, das Jain teilweise selbst geschaffen hat und sich nun selbst hinterlässt: Bei den Klagen von US-Behörden, Pensionsfonds und anderen Anlegern geht es um Milliarden. Die Deutsche Bank soll toxische Hypothekenverbriefungen noch an Investoren verkauft haben, als intern längst klar war, dass diese bald massiv an Wert verlieren würden, weil viele US-Hausbesitzer ihre Kredite nicht zurückzahlen konnten. Noch schlimmer wiegt der Vorwurf, die Bank habe selbst gegen die eigenen Kunden gewettet. Ein bisschen Reue zumindest zeigt Ackermann auf dem Podium: "Wir haben auch Dinge gemacht, die man im Nachhinein kritischer sehen kann."

Das ist das Einzige, was Ackermann zu den Klagen sagt. Dabei haben die Journalisten viele Fragen: Was hat Jain, der sich früher als "Bond-Junkie" schmähen lassen musste, mit dem Unternehmen vor? Und wie verhält sich die Bank zu den Klagen in Übersee? Ein Sprecher des Konzern wiegelt ab: "Bitte beachten Sie, dass dies die Jahrespressekonferenz zum Jahr 2011 ist." Die Fragen, die sich 2012 stellen, stören da nur.

Stattdessen legt Ackermann zum letzten Mal Zahlen vor. Sie sind gut, zumindest auf das ganze Jahr 2011 gesehen. Die Deutsche Bank verdiente 4,3 Milliarden Euro nach Steuern. 2010 hatte der Nettogewinn noch 2,3 Milliarden Euro betragen. Zum Jahresende allerdings liefen die Geschäfte deutlich schlechter: Im vierten Quartal verdiente der Konzern nach Steuern gerade noch 186 Millionen Euro, wegen Steuerrückzahlungen. Vor Steuern fuhr die Bank sogar einen Verlust ein. Der Nettogewinn lag 69 Prozent unter dem Wert des letzten Quartals 2010 und 76 Prozent unter dem Gewinn des dritten Quartals 2011.

Schuld ist daran laut Ackermann aber nicht die Deutsche Bank. Vielmehr liege das an externen "negativen Einflussfaktoren". Steigende Rohstoffpreise, Fukushima, Unruhen in Nordafrika, Schuldenprobleme in den USA und Europa, die hohe Inflation.

Ackermann sagt über seinen Abschied im Mai: "Es gibt keine Ackermann-Show." Aber seine letzte Jahrespressekonferenz dominiert er. Fitschen, der zweite seiner Nachfolger, saß noch weiter außen als Jain. Er sagt nichts - und es fragt ihn auch keiner. Jain bekommt immerhin drei Fragen, auf die er antworten kann.

Das macht er kühl und technisch, äußert sich mit ernstem Gesicht zu seinem Geschäftsbereich. Mal versichert er, dass seinen Investmentbankern im Gegensatz zur Konkurrenz keine Entlassungswellen bevorstehen, zumindest "nichts Dramatisches". Mal maßregelt er einen Journalisten, der ihm seiner Meinung nach eine dumme Frage gestellt hat. Der solle seine Hausaufgaben machen.

Jain kann für seinen Bereich Corporate & Investment keine guten Zahlen präsentieren: Er machte im vierten Quartal wegen herber Einbußen im Anleihe- und Aktiengeschäft 422 Millionen Euro Minus. Davon sind 380 Millionen Euro vor allem für die Prozesse in den USA zurückgelegt. Vor einem Jahr hatte es noch einen Gewinn von 603 Millionen gegeben. Die gesamten Rücklagen für die Rechtsanwälte des Instituts, sagt Ackermann, beliefen sich 2011 auf 900 Millionen Euro.

Stürmische Zeiten für die neuen Chefs

Jain und Fitschen übernehmen das Haus in stürmischen Zeiten: Die Banken müssen sich durch die europäische Staatsschuldenkrise manövrieren. Als im Sommer die Börsen von einer Angstwelle erfasst wurden, stürzten Bankaktien am tiefsten. Dazu kann es jederzeit wieder kommen. Der Weltbankenverband IIF ringt immer noch mit Griechenland über einen Schuldenschnitt. Und Regulierungsbehörden und Regierungen machen den Banken das Leben schwer: Die neuen Basel-III-Richtlinien verlangen von den Geldhäusern, mehr Eigenkapital zu halten - das bedeutet weniger Geld zum Investieren und Spekulieren. Gilt ein Institut als systemrelevant wie die Deutsche Bank, muss es noch mehr Eigenkapital fest binden als andere Banken.

Den ersten Schritt zur Stärkung der Kapitalbasis verkündet Ackermann gleich: Die Bank werde einen Teil der Boni für die Mitarbeiter streichen. Das Budget dafür sei um rund ein Sechstel gekürzt worden.

Ackermann äußert sich zum Sektor seines Nachfolgers kritisch. Insgesamt sei das Investmentbanking deutlich unter der Zielvorgabe geblieben, aber: "Das hat mit Herrn Jain nichts zu tun", sagt Ackermann. "Es waren schlichtweg die Märkte." Das Investmentbanking habe bei der Deutschen Bank einen festen Platz, die gesellschaftliche Kritik daran sei ungerechtfertigt.

Bei einer persönlichen Frage kommt endlich etwas Leben in Jains Gesicht. Er grinst, als er nach seinem Verhältnis zu Ackermann gefragt wird. Spannungen soll es gegeben haben, Ackermann hätte wohl eher den Ex-Bundesbankchef Axel Weber für den Spitzenposten bevorzugt. "Mir ist bewusst, dass es Spekulationen gibt. Aber sie haben keine Substanz", sagt Jain.

Der Finanzsektor steht häufig in der Kritik und ist dementsprechend stets um sein Image bemüht: "Die Deutsche Bank ist heute weltweit so angesehen wie nie", sagt Ackermann. "Sozial verantwortungsbewusstes Handeln" sei nicht zu trennen vom Geschäft. Deshalb fördere die Deutsche Bank auch soziale Projekte und Kunst. Sie arbeite nicht mehr mit Unternehmen, die Streubomben produzieren.

Dann kommt noch ein typischer Ackermann-Satz, den er schon oft gesagt hat: "Kein Geschäft ist es wert, den guten Ruf der Bank aufs Spiel zu setzen." Diesen Satz hören die anwesenden Journalisten - und auch Anshu Jain.

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