Süddeutsche Zeitung

Stilkritik zum U-Bahn-Fahren:Mit Jogi in der Tube

Der moderne Mensch ist flexibel, nicht nur auf dem Spielfeld, sondern auch im Stadtverkehr. Dass Joachim Löw mit seiner Nationalmannschaft nun London per U-Bahn durchquert hat, ist daher für den Deutschen Fußball-Bund aufregender als für die Londoner selbst. Die sind prominente wie pragmatische Mitfahrer gewöhnt.

Die U-Bahn ist der große Gleichmacher Londons. Alle benutzen die "Tube". Hunderttausende Kinder fahren täglich zur Schule, Millionen Erwachsene fahren täglich zur Arbeit, Supermarktkassierer, Hedgefonds-Managerinnen, Nippesverkäufer, Hütchenspieler, Politiker. Das liegt daran, dass man tagsüber im Auto zu Stoßzeiten eine Durchschnittsgeschwindigkeit von zehn bis 15 Kilometer pro Stunde erreicht.

Offenbar hatte Joachim Löw, der umtriebige Bundestrainer der deutschen Fußballnationalmannschaft, sich mit diesen Fakten vertraut gemacht. Als er vor dem Länderspiel gegen England den Weg zum Training plante, sah er schnell, dass die beste Verbindung diese war: Bakerloo Line bis Baker Street, dort umsteigen in die Metropolitan Line nach Wembley Park. Die Bakerloo Line verfügt über besonders schöne Waggons aus den frühen Siebzigerjahren, die Muster im Stoff der Sitze sind erhaben. Die Metropolitan Line verfügt hingegen über brandneue, klimatisierte Waggons.

Der Deutsche Fußball-Bund beeilte sich mitzuteilen, dass es das erste Mal war, dass die Nationalmannschaft in einer U-Bahn gefahren ist. Die übrigen Fahrgäste betrachteten den historischen Vorgang gelassen. Sie sind Prominenz in der U-Bahn gewöhnt: Die Musiker Rihanna, Jay-Z, Timbaland, Chris Martin von Coldplay - sie alle sind schon mit der Tube zu ihren eigenen Londoner Konzerten gefahren. Weil's halt schneller geht.

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SZ vom 20.11.2013/kfu
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