Süddeutsche Zeitung

Fashion Week Paris:Schaut euch um

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Models vor spektakulärer Kulisse: Die Paris Fashion Week zeigt vor allem ein Umdenken - nicht immer, was die Kollektionen angeht, aber zumindest in der Art, wie man Mode in Corona-Zeiten denkt und präsentiert.

Von Silke Wichert

Schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten. Alte, bisschen zynische Medienweisheit, aber für die Modewelt gilt manchmal das Gleiche. Jedenfalls wenn es nach dem nordirischen Designer Jonathan Anderson geht. Seine Herbstkollektion für die spanische Marke Loewe präsentierte er in Form einer Zeitung, auf der Titelseite mit der riesigen Schlagzeile: "Die Loewe Show wurde abgesagt". Eigentlich eine Katastrophenmeldung. Schon wieder eine Modewoche mit fast ausschließlich digitalen Schauen, die da am Mittwoch in Paris zu Ende ging. Keine Prominenten in der Front Row, kein Influencer- und Fotografenauflauf vor den Locations, sehr viel weniger Aufmerksamkeit für alle Beteiligten. Totale Sauregurkenzeit, um im Mediensprech zu bleiben.

Aber Anderson teaserte am Fuß seiner Sonderausgabe bereits: "Fashion turns a page" - was so viel bedeutet wie, "die Mode schlägt ein neues Kapitel auf". Auf den folgenden Seiten waren seine gewohnt experimentellen Entwürfe und begehrten Handtaschen auf ganzseitigen Fotos abgebildet, weiter hinten lag der Zeitung ein Vorabdruck der Bestseller-Autorin Danielle Steel bei, dazu ein Papiermesser, alles aufeinander abgestimmt. Eine neue, konzeptionelle Art, Mode zu präsentieren - und immerhin haptischer als ein ephemerer Livestream. Schon in den vergangenen beiden Saisons hatte Anderson aufwendige Shows in Boxen verschickt, die unter Modefans bereits Sammlerwert haben, und eine Art "Schreib mal wieder"-Trend auslösten. Alle möglichen Marken versenden nun allerhand, seien es Stoffproben oder Schokolade, um Kunden, Kritikern und Influencern wenigstens ein Stück physisches Erlebnis zu bescheren. Außerdem lässt sich das prima auf Social Media teilen.

Anderson, einer der wegweisenden Designer unserer Zeit, glaubt, die Pandemie habe die Modewelt für immer verändert. "Allein der Gedanke, wieder zu den üblichen Fashion Weeks zurückzukehren, versetzt mich in Angst und Schrecken", sagt der 36-Jährige. Die meisten würden sicher schnell zum alten Muster zurückkehren - um dann festzustellen, dass es nicht mehr funktioniert.

Jeder macht jetzt, was und wann er will

Tatsächlich hat Corona das alte, strenge Korsett der Modewochen geradezu implodieren lassen. Wurde zunächst noch stur der Catwalk abgefilmt oder relativ konzeptionslose Modefilmchen zusammengeschnitten, scheint nach andauernder Ausweglosigkeit bei vielen Designern nun ein Umdenken stattgefunden zu haben. Jedenfalls sind die digitalen Präsentationen dieser Saison deutlich professioneller umgesetzt, erfreulicherweise auch kreativer. Dries van Noten etwa ließ seine Kollektion von 47 Tänzern im wahrsten Sinne des Wortes "vortragen". Ein Kaleidoskop menschlicher Regungen, von Trauer bis Aggression, das seine perfekt geschnittenen, diesmal sehr reduzierten Entwürfe in Szene setzt, untermalt vom Sound von Massive Attack.

Auch Hermès entschied sich für Performance und zeigte ein weltumspannendes Triptychon aus New York, Paris, Shanghai, eine sinnliche Show in drei Akten mit Tanz, Laufsteg, Tanz. Chanel zeigte bereits Tage vorher Teaserbilder und Collagen mit sehr viel Kajal tragenden Models auf Social Media. Als Vorspann zur Show werden die Botschafter des Hauses gezeigt, wie sie sich vor dem Computer - demokratische Front Row - auf die Show vorbereiten. Alles angestrengte Versuche, das globale Publikum, das ja bekanntlich auch in Nichtpandemiezeiten eher selten bei einer Fashion Show sitzt, auf den digitalen Geschmack zu bringen. Bislang erreichen die Einschaltquoten allerdings noch nicht den gewünschten Aufmerksamkeitswert der guten alten Zeiten.

Filmisch am knalligsten kam Versace rüber, mit Jump Cuts, Kameradrehungen, wummernden Bässen und Gigi Hadids erstem Auftritt nach der Babypause. Ein lupenreiner Propagandastreifen für Donatellas aktuelle Botschaft, die da lautet: Versace hat jetzt auch einen Monogramm-Print! "La Greca", das griechische Schlüsselmuster als Trompe-l'œil-Labyrinth, das jetzt auf Taschen, Handyhüllen, Innenfutter, eigentlich alles gedruckt wird. Ganz so wie bei den Kollegen von Fendi, Balmain und Louis Vuitton, damit die Umsätze bald hoffentlich in genau jener Liga spielen.

Freunde der modischen Geografie müssten jetzt kurz gezuckt haben. Versace? Während der Pariser Modewoche? Mais oui! Jeder macht jetzt nämlich, was er will, örtlich und erst recht zeitlich. Gucci, Saint Laurent, Balenciaga - alles Marken, die zum Kering-Konzern gehören - zeigen aktuell gar nicht mehr im üblichen "Kalender", genauso wenig wie Celine, Off-White oder Jacquemus, die sich alle ihre eigene Agenda mit hoffentlich ungeteilter Aufmerksamkeit suchen. Dafür veröffentlichte Jil Sander, das gerade von Diesel-Inhaber Renzo Rosso gekauft wurde, das Kollektionsvideo nicht während Mailand, sondern während Paris. Rick Owens ließ wieder vom Lido in seinem Wohnort Venedig streamen, bei Miu Miu laufen die Models - kleine Punk-Heidis mit Nieten auf Daunenjacken und Wollhandschuhen - vor spektakulärer Dolomitenkulisse durch die Schneelandschaft von Cortina d'Ampezzo. "Designer sind keine Regisseure", sagt Miuccia Prada, aber sie lernten gerade "Geschichten zu erzählen". Also verlegte Maria Grazia Chiuri den Schauplatz für ihre märcheninspirierte Dior-Kollektion in den Spiegelsaal eines Schlosses, das sich bei näherem Hinsehen als das Schloss entpuppt. Tatsächlich Versailles. Damit gewinnt man zumindest locker den Wettstreit um die beste Location.

Revolución bei Chloé?

Zwischen allem technischen Aufwand geht die Mode bisweilen etwas unter, was manchmal nicht so schlimm ist, aber bei Chloé schauten diesmal alle ganz genau hin. Die Models laufen im Video durch das nächtliche Saint Germain - Ausgangssperren machen's möglich - wo einst alles mit der Gründerin Gaby Aghion begann und nun mit der neuen Designerin Gabriela "Gabi" Hearst - geht es symbolischer? - weitergeht. Hearst will die Marke offensichtlich nicht neu erfinden, sondern gibt ihr wieder mehr Klarheit. Fließende Stoffe, Shearling-Mäntel, Lederpatchwork zum Niederknien. Nur hier und da lässt sie ein bisschen von ihren südamerikanischen Wurzeln einfließen, fusioniert das Chloé-Cape mit dem Poncho, verpasst Schuhen und Taschen arg viele Fransen. Ihre Revolución setzt vor allem an der Basis an: Die neue Kollektion ist durch weniger Baumwolle, mehr recyceltes Kaschmir bereits vier Mal nachhaltiger als die vergangene Winterkollektion. Beim anschließenden Zoom-Interview antwortet die 44-Jährige blitzschnell auf die Frage, ob sie wirklich glaube, dass eine große Luxusmarke wie Chloé nachhaltig agieren könne: "Sonst säße ich nicht hier." Insgesamt eine gelungene Premiere, obwohl Hearst gerade mal zwei Monate Zeit hatte. In so kurzer Zeit haben andere schon deutlich weniger hingekriegt.

Womit wir bei Givenchy und seinem neuen Designer Matthew M. Williams wären. Seine erste Kollektion zeigte der Amerikaner vergangene Saison in Form eines Lookbooks und an ein paar Kardashians, dieses Mal inszenierte er einen Film in der La Défense Arena. Düstere Stimmung, irgendwo zwischen Alien und Resident Evil, und böse endet es dann auch: Selbst nach dem dritten angestrengten Gucken wollen die Sachen nicht besser aussehen. Männer stapfen in schmalen Hosen zu Oversized-Jacken, dicken Ketten und Sturmmützen durch die Nacht. Dafür tragen die Frauen stellenweise deutlich weniger am Leib, schwarze Spinnweben-Kleider, Bralettes, die nur noch dem Rahmen nach welche sind, die Brüste dazwischen also komplett frei lassen. Der ästhetische Mehrwert erschließt sich nicht, schon gar nicht am Vorabend des Weltfrauentages. Dazu tragen sie hufartige Schuhe, die stark, zu stark an Alexander McQueens vorletzte Kollektion "Plato's Atlantis" erinnern. Ob der Mann, der mit dem Streetwear-Label Alyx bekannt wurde, glaubt, dass die Generation Z, für die diese Kollektion ganz offensichtlich gedacht ist, sich daran nicht erinnert? Obwohl das Netz ja leider ein ewiges Gedächtnis hat?

Seit der Pandemie sind die Designer mehr denn je auf sich selbst zurückgeworfen. Auch sie haben weniger Austausch, weniger Eindrücke. Diese Saison zeigt nun endgültig, wem das bekommt und wem eher nicht. Virginie Viard von Chanel scheint sich in der Isolation eher wohlzufühlen. Sie wirkt unbeirrt, Chanel zu verjüngen, spielt mit unterschiedlichen Längen, Chiffon und Tweed, den Grenzen des guten Geschmacks. Noch überzeugender wäre das Ergebnis, wenn man den ein oder anderen Look einfach mal weglassen würde, etwa eine pinkfarbene Latzhose mit Chanel-Logo auf der Brust. Nicolas Ghesquière hat bei Louis Vuitton ohnehin einen Lauf. Er präsentierte als Letzter am Mittwoch vor schon traditioneller Kulisse im Louvre und wird nicht müde, mit seinem Sportswear-Tailoring neues Terrain zu erkunden. Brokat, Tweed, Metallic-Futter, Tüll, Gamaschen, Gladiatorenröcke - klingt wild, ergibt aber einen visuell hochanregenden Trip mit klarem Ziel: Zukunft.

Auch die Deutsche Marie-Christine Statz, die in Paris seit 2013 ihr Label Gauchere entwirft, hat in den vergangenen Monaten viel allein im Studio gesessen. "Letztlich besinnt man sich auf seine Stärken zurück", sagt Statz. Bei ihr ist das 1-a-Schnittführung, die - je härter die Zeiten - nun weicher wird. Die Schultern sind überschnitten, aber runder, die Stoffe der Ärmel teilweise aus anderem Stoff, damit sie weniger steif wirken. Wolle wird 3-D gebürstet, weshalb die Oberfläche noch fluffiger aussieht.

Das ist überhaupt ein großer Trend: mehr Haptik, Mode zum Anfassen. Bei Jil Sander sind die Röcke aus handgesponnener Wolle, bei Peter Do züngelt Spitze wie Flammen an Hosenbeinen empor, bei Miu Miu sind weite Strecken der Kollektion gehäkelt. Wenn man schon andere weniger berührt, dann wenigstens sich selbst mal wieder über die Schulter streichen.

Die andere, unübersehbare Gemeinsamkeit von Paris (oder von wo auch immer): Warten auf die Rückkehr der Nacht. Das Make-up ist betont dunkel, überhaupt gibt es viel Schwarz, extra viel Glitzer, kürzere Röcke, viel Layering, damit bei Spontanfeiern ein paar Schichten abgeworfen werden können. Wenn es nach den Designern geht, werden im Herbst offensichtlich all die verlorenen Nächte nachgeholt. Gute Nachricht. Hoffentlich stimmt's.

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