Süddeutsche Zeitung

Nachhaltigkeit:"Roggenmehl sieht aus als hätte man Schuppen"

Immer mehr Menschen bemühen sich auf Plastik zu verzichten. Doch wie schafft man das? Ein Besuch im Seminar - mit saurer Rinse und Bienenwachs.

Von Pia Ratzesberger

Es braucht nicht viel für eine saure Rinse. Ein Liter kaltes Wasser und zwei Esslöffel Apfelessig. Saure Rinse? Stefanie Höpler sagt: "Also für die Haarspülung." Sie steht vor einem Tisch voller Einweggläser und rührt Kaffeesatz mit Kokosöl zusammen. Neben ihr sagt eine Frau: "Roggenmehl kann ich für die Haare überhaupt nicht empfehlen. Das sieht aus, als hätte man Schuppen." Man kann sich über das Gespräch wundern, aber für die Menschen in diesem Raum ist alles normal: Saure Rinse statt Haarspülung. Roggenmehl statt Shampoo. Bienenwachs statt Alufolie. Dabei ist das kein Treffen von Greenpeace.

Eine alte Kaserne im Westen von München, hohe Hallen mit schweren Türen. Hinter ihnen arbeitet eine Gruppe von Umweltschützern vom Verein Rehab Republic, der in der Stadt dafür bekannt ist, dass die Rettung der Welt auch Spaß machen kann. Die Mitglieder setzen sich für Klimaschutz ein, für Artenvielfalt. Auffällig viele Menschen aber melden sich seit ein paar Monaten an, wenn es um ein ganz bestimmtes Thema geht: um Plastik. Die Workshops sind innerhalb von zwei Tagen ausgebucht.

Das ist insofern nicht verwunderlich, als dass kein anderes Material momentan für so viel Aufregung sorgt wie dieses. Zeitungen berichten über volle Deponien in Asien. Umweltschützer über tote Wale an den Stränden. Auf den Tischen in den Buchhandlungen finden sich Dutzende Ratgeber zum Verzicht. Ein besonders erfolgreicher heißt: "Besser leben ohne Plastik". Der zweite Band: "Noch besser leben ohne Plastik".

Auch an diesem Abend suchen die Menschen in der alten Kaserne nach einem besseren Leben. An vielen Orten im Land finden mittlerweile solche Workshops statt, weil immer mehr Leute wissen wollen, wie sie weniger Plastik verbrauchen können. An diesem Abend werden sie lernen, wie man Peelings oder Putzmittel selbst anrührt, um weniger Verpacktes kaufen zu müssen.

Zu Beginn des Abends eine Vorstellungsrunde: Eine Studentin schreibt ihre Masterarbeit über "Zero Waste", über den Versuch, überhaupt keinen Abfall mehr zu hinterlassen. Eine Umweltwissenschaftlerin erzählt, dass sie schon auf den Straßen Londons Plastikmüll eingesammelt hat. Der einzige Mann in der Gruppe und seine Freundin berichten von ihrer Weltreise, während derer sie nur schwer auf Plastik verzichten konnten: "Das wird sich jetzt alles ändern."

Plastik zu vermeiden, ist für manche fast eine Art Sport: Wettkampf am Mülleimer

Die Geschichte des Plastiks reicht noch nicht weit zurück. Die Menschen haben zwar schon immer versucht, neue Stoffe herzustellen, aus Birkensaft und Pech zum Beispiel. Aus Schwefel und Kautschuk, daraus entstand als einer der ersten Kunststoffe Gummi. Doch erst nach dem Zweiten Weltkrieg begannen die Unternehmen, tonnenweise Plastik zu produzieren, und fanden für fast alle Gegenstände einen billigeren Ersatz aus Kunststoff. Für Schuhe aus Leder zum Beispiel oder für Schüsseln aus Glas. Stefanie Höpler und die anderen in der Halle machen jetzt wieder das Gegenteil: Sie wollen das Plastik ersetzen.

Dabei machte erst Kunststoff möglich, was heute selbstverständlich ist. Die Telefonkabel und Steckdosen in den Wohnungen. Später dann die Computer. Noch später die Elektroautos in den Straßen. Eine Welt ohne Plastik wird es nie wieder geben. Eine Welt mit weniger Plastik aber womöglich schon - und deshalb stehen an diesem Abend ein Dutzend erwachsener Menschen vor Bierbänken mit Tellern voller Bienenwachs.

Stefanie Höpler, 27, trägt eine Kamera um den Hals, auf Instagram heißt sie "simplyplasticfree" und postet Bilder von saurer Rinse und Holzzahnbürsten. Sie ist eine der Leiterinnen des Seminars, arbeitet in der IT. Wenn sie mit den Kollegen mittags zum Imbiss geht, nimmt sie eine Box aus Edelstahl mit. Im Urlaub in Kairo sah sie so viel Plastikmüll vor den Haustüren liegen wie noch nie, im Zug dann warf der Schaffner eine volle Plastiktüte aus dem Fenster. Sie fragte sich damals, was zu Hause mit ihrem Müll passiert. Und was das überhaupt bedeutet - "wegwerfen"?

Weg ist der Müll nämlich nicht.

Sie schüttet die Mischung aus Kaffee, Zucker und Öl ist in ein Glas, nach nur zwei Minuten ist das Peeling fertig. In der Zeit würde man es kaum bis zum nächsten Supermarkt schaffen. "Ich bin jetzt seit bald zwei Jahren auf dem Trip, Plastik zu vermeiden." Wenn Höpler das sagt, klingt es, als würde sie von einem neuen Hobby erzählen, von einem Sport, der süchtig macht. Und das passt gut dazu, wie manche Kunden in den Unverpackt-Läden über das neue Einkaufen reden, während sie Nudeln oder Nüsse in mitgebrachte Gläser abfüllen.

Der Anfang ohne Plastik

Man braucht nur ein wenig Wodka, damit Fenster auch ohne Putzmittel glänzen - und Essig. Für den selbstgemachten Fensterreiniger mischt man einen Teil Essig, einen Teil Alkohol, egal ob Wodka oder Gin oder klaren Schnaps, und sieben Teile Wasser zusammen. Für zehn Bienenwachstücher benötigt man etwa 100 Gramm Wachs. Das kommt zum Erhitzen in einen Topf, man gibt ein paar Tropfen Jojobaöl dazu und verteilt das Wachs mit einem Löffel auf einem Baumwollstoff. Ein Backpapier darauf legen und dann mit einem heißen Bügeleisen über das Tuch fahren, damit sich das Wachs möglichst dünn über den gesamten Stoff verteilt. Für das Peeling nimmt man zwei Esslöffel Kaffeesatz, einen Esslöffel Zucker, einen halben Esslöffel Kokosöl und einen Teelöffel Zimt - wobei man bei Öl und Zimt nach Vorlieben variieren kann. Wie auch beim Fensterreiniger und beim Wachstuch gilt: Man wird damit schneller fertig, als man für den Weg bis zum Supermarkt und wieder nach Hause gebraucht hätte.

Die Leute nennen mehrere Gründe, warum sie Plastik vermeiden, die Umwelt natürlich, den Müll. Aber abseits dessen auch den Spaß, im Überfluss einmal wieder Verzicht zu probieren: Wie wenig Müll liegt die Woche in der Tonne? Komme ich durch den Urlaub ohne Plastik? Schaffe ich es, keine Verpackung in der Mittagspause mitzunehmen? Der Mülleimer als Wettkampf. Als nächste Challenge im optimierten Leben. Früher warf man dem Raucher vor, sich nicht unter Kontrolle zu haben. Heute auch dem, der an der Kasse eine Plastiktüte mitnimmt.

Am Tisch mit den Bienenwachstüchern wartet Lea Wiser, 29, die zweite Leiterin des Seminars. Sie trägt einen lockeren Pullover, die Haare zum Zopf gebunden. Wenn sie erzählt, warum sie zu Hause kaum Plastik wegwirft, kann man schnell ein schlechtes Gewissen bekommen, weil sich alles so vorbildlich anhört. In einem Gemeinschaftsgarten baut sie ihr eigenes Gemüse an. Ihre Milch mixt sie aus Nüssen oder Hafer. Ihr Badezimmer hat sie umgestellt: Seifen. Sheabutter. Zahnputztabletten.

"Das ist so schön, ich war immer so ein Ökofreak, und jetzt sind da so viele Ökofreaks!"

Sie spricht darüber mit einer Selbstverständlichkeit, als wäre das die einzige logische Konsequenz aus den vielen Verpackungen in den Supermärkten: "Mir ist einfach irgendwann aufgefallen, wie viel Müll ich dauernd zum Container tragen muss." Sie beugt sich nach vorne, schmiert geschmolzenes Wachs auf ein altes Stofftuch. Das Wachs soll antibakteriell wirken, das Tuch eine Frischhaltefolie ersetzen. "Irgendwann muss man nachwachsen, aber das dauert."

Sie fährt mit dem Bügeleisen über das Tuch, das Wachs verteilt sich. Wiser hat ein paar solcher Tücher zu Hause. Sie arbeitet bei einem Umweltverein, und wie die meisten Menschen in der Halle hat sie studiert und lebt in der Großstadt. Das plastikfreie Leben ist außerhalb ihrer Blase noch ein kleines Phänomen, an den meisten Menschen geht das eher vorbei. Nichtsdestotrotz lassen die Gespräche an diesem Abend auf eine Generation schließen, die sich wieder so stark mit Nachhaltigkeit auseinandersetzt wie lange nicht mehr - und nicht erst seit "Fridays for future". Der neu entdeckte Umweltschutz hat wahrscheinlich auch damit zu tun, dass Lea Wiser, Stefanie Höpler und die anderen in einer Welt des schnellen Konsums aufgewachsen sind. Mit Toys R Us und Tupperpartys.

An einem Tisch formt eine Gruppe Kugeln aus Haferflocken und Datteln, wendet sie in einem Teller voller Schokolade. Die Kugeln sollen eine Alternative zu einzeln verpackten Fitnessriegeln sein, die Masterstudentin sagt: "Das ist so schön, ich war immer so ein Ökofreak, und jetzt sind da so viele Ökofreaks!" Niemand im Raum sieht aus, wie man sich einen Ökofreak vielleicht vorstellt. Jeans, Bluse, Pullover. Eine Frau trägt Perlenohrringe. Fragt man in die Runde, warum gerade jetzt so viele Menschen auf Plastik verzichten wollen, sagt Höpler: "Es hat wahrscheinlich auch damit zu tun, dass man ein konkretes Feindbild vor sich hat." Im Kampf gegen den Klimawandel bleibt das Ozonloch eher eine abstrakte Vorstellung, während man irgendeine Plastikfolie jeden Tag aufreißt.

Die Bilder vom Müll im Meer verfangen in den Köpfen

An der Wand hat sie ein großes Papier aufgehängt, selbst beschrieben. Darauf ist zu lesen, wie viel Plastikmüll in die Ozeane gelangt. Innerhalb eines Jahres sollen es bis zu 13 Millionen Tonnen sein. Auch wenn das meiste Plastik aus den Flüssen Asiens stammt - die europäischen Exporte in diese Länder einmal außen vorgelassen - und in Deutschland das meiste Plastik verbrannt wird, verfangen die Bilder vom Meer in den Köpfen. Die meisten standen eben schon einmal an irgendeinem Strand, an dem die Wellen einem eine Plastikflasche vor die Füße spülten.

Man bekommt auf Reisen viele Probleme mit, Armut zum Beispiel oder Ausbeutung. Beim Plastikmüll aber scheinen die Menschen das Gefühl zu haben, dass sie mit jeder Tüte, die sie zu Hause an der Kasse liegen lassen, die Welt ein bisschen besser machen. Das ist eine Illusion. Im besten Fall aber führt sie dazu, dass sich die Leute mit ihrem Müll beschäftigen, wie damals Stefanie Höpler, als sie aus ihrem Urlaub in Kairo zurückkam.

Am Ende des Abends steht sie mit Lea Wiser und den anderen am Tisch mit dem Bienenwachs, sie streichen die Reste auf die letzten Stoffe. Neben dem Topf liegt die Verpackung der Wachsperlen. Sie ist aus Plastik. Lea Wiser sagt: "Gab leider noch nichts anderes."

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Quelle:
SZ vom 06.07.2019
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