Süddeutsche Zeitung

Mode:Kein Turnschuh, nirgends

Die Modemenschen sind erschöpft, die Lust auf Glitzer, Party und Experimente ist ihnen vergangen. Passend zur Weltlage zeigen die Pariser Schauen nun eine sehr ernste Herbstmode voller Eleganz.

Es beginnt mit einem gläsernen Container, der hoch unter der Decke schwebt. Rockbeats, Scheinwerferzucken, großes Tremolo. Mit der Präzision einer Schweizer Alpengondel gleitet der Kubus nach vorne und unten, bis er auf dem Laufsteg zu stehen kommt - in Reihe eins macht Bernard Arnault, reichster Franzose, dem der Laden hier gehört, rührenderweise Handyfotos. Im Kubus steht das erste Model. Man erkennt noch nicht viel, ein knielanger Rock, Jacke, Stiefel. "Der Look sieht nicht mal schlecht aus", sagt jemand in Reihe drei. Es klingt ungläubig.

Wohl niemals in der Geschichte der Mode ist ein Designer so verdroschen worden wie Hedi Slimane für seine erste Celine-Kollektion - außer vielleicht Hedi Slimane, als er bei Saint Laurent anfing. Manche Leute haben beteuert, zu dieser zweiten Show vor lauter Ärger gar nicht hingehen zu wollen, aber dann ist die Gemeinde im Showzelt vor dem Invalidendom natürlich doch vollzählig versammelt, wenn auch augenrollend. Sie erlebt eine Vollbremsung.

Als das erste Model nämlich ins Licht tritt, ist es zweifellos: eine Celine-Frau. Nicht mehr das verwöhnte Rock-Chic aus Los Angeles, das in einem mikroskopischen Glitzerding die Nächte durchfeierte. Sondern ein handfestes Taggeschöpf, unbedingt Französin, très bourgeois und traumwandlerisch stilsicher. Sie weiß exakt, was sie will: einen konsequent das Knie bedeckenden Tweed-Hosenrock im Stil der Siebziger, alternativ Skinny Jeans. Hohe Stiefel mit Keilabsatz, von denen man jetzt schon schwören könnte, dass man sie im Herbst in der Front Row wiedersehen wird. Dazu eine adrette Bluse, Cabanjacke, ein um die Schulter schlenkerndes Täschchen, Fliegersonnenbrille, fertig. Das ist der Look. Slimane zeigt ihn mehr oder weniger 59 Mal, bis auch der letzte Skeptiker kapiert hat, dass er diese Frau ernst meint.

Schluss mit Glitzer

Am Morgen danach japste der Branchendienst Business of Fashion, man habe dem "Beginn einer neuen Ära in der Mode" beigewohnt. Das war einerseits schamlos übertrieben, auf die ganze Pariser Fashion Week angewendet aber doch auch wieder wahr. Mit täglich wachsender Verblüffung stellte man fest, welche Botschaft sich hier herauszuschälen begann.

Die Party ist vorbei. Der europäische Markt nahezu tot, die Luxusbranche hängt seit Jahren am Tropf von China, und selbst dort sprudelt das Geld nicht so munter wie erwartet. Frivole Experimente kann sich kein Haus mehr leisten. Es hat - und das ist neu - aber auch keiner mehr Lust auf Party. Man muss sich vorstellen: An den Pariser Laufstegen sitzen Menschen, die Mode nicht nur lieben, sondern atmen, und sie kriegen inzwischen kaum noch Luft. Jeden Monat eine Fashion Week irgendwo auf der Welt, jede Woche eine neue Capsule Collection, jeden Tag ein anderer Hype, eine andere schreiende Klamotte, ein anderer Influencer und ein paar Tausend Instagram-Bilder pro Stunde. Designer wechseln schneller als die Trainer beim VfB Stuttgart. Wie heißt das neue Kreativ-Duo bei Nina Ricci, wer macht jetzt eigentlich Lanvin? Keiner wusste es, keinen interessierte es. Die Modemenschen waren von der Mode diesmal wirklich unglaublich erschöpft.

Wenn aber sogar die Branche kapituliert, was soll da erst der Kunde denken? Auf den Champs-Élysées standen nach der Abendroben-Show von Elie Saab ein paar Tausend Gilets jaunes genauso vielen Polizisten gegenüber. Am Tag zuvor demonstrierten Jugendliche wieder für eine bessere Klimapolitik. Die Ozeane ertrinken in Plastikmüll, acht Millionen Tonnen Textilmüll werden allein in Europa jedes Jahr verbrannt. Ist das, was der Mensch jetzt dringend braucht, wirklich eine neue It-Bag?

Dies exakt ist der Moment, in dem die Mode die Eleganz wiederentdeckt. Der Dekor wird abgeräumt, der fiebrige Konsum eingebremst. Schluss mit Glitzer. Und während man zuletzt eben einen Partyfummel serviert bekam, den man zweimal anzog und dann satthatte, bekommt man diesmal: einen Mantel. Genauer das Idealbild eines Mantels, wie er sein sollte, also lang und warm und makellos geschnitten.

Der Streetwear-Trend kann gehen

In einem seltenen Akt der Einigkeit haben die Pariser Designer beschlossen, dass wir uns jetzt wieder anziehen. Dries Van Noten: beginnt mit sieben eisgrauen, streng maskulinen Looks. Jonathan Anderson bei Loewe: zeigt in einer kalkweißen Raumflucht reduzierte Kleider, deren Raffinesse im Detail steckt - ein schlichter Wollpulli, der am Rollkragen von Perlen gesäumt und am Rücken geschlitzt ist; ein schwarzer Mantel mit drei Reihen verschiedenartiger Knöpfe. Virgil Abloh, der bei Off-White sonst Streetwear mit Couture mixt: beginnt ebenfalls mit einem Mantel und endet mit dem Model Karli Kloss im gelben Abendkleid mit Schleppe.

Bei Chloé zeigt Natacha Ramsay-Lévy Lammfelljacken, Tartanröcke und flache Stiefeletten, mit denen man an einem stürmischen Tag an der Küste spazieren gehen kann. Eleganz, Funktionalität: Da dürfen sie sich beim Familienunternehmen Akris aus St. Gallen entspannt zurücklehnen. Wo die anderen jetzt wieder hinwollen, zu den Grundprinzipien der hohen Schneiderkunst, da sind sie längst. "Als ich Celine gesehen habe, wusste ich, dass sich die Mode verändern wird", sagt der Designer Albert Kriemler mit feinem Lächeln. Seine luxuriöse Garderobe schmücken diesmal Rosshaar-Details und ein grafisches Muster, das er aus drei Farbtafeln von Goethe konstruiert hat.

Der Sneaker ist tot

Die Firmenlogos, die zuletzt sogar im Defilee von Valentino auftauchten, das sonst ganz allein der Schönheit verpflichtet ist, werden kleiner oder verschwinden ganz. Der Streetwear-Trend, der die Mode länger elektrisiert hat, als jedermann für möglich hielt, latscht angefressen Richtung Ausgang - Hoodies und Trainingshosen gehören jetzt wieder denen, denen die Mode egal ist. Der Turnschuh (Zähne zusammenbeißen, Sneakerfreunde) ist praktisch tot. Allen, die gerade 725 Euro für den riesenhaften Triple S von Balenciaga ausgegeben haben, also noch viel Spaß damit. Der Erfinder Demna Gvasalia hat in einem Interview sein Erstaunen darüber geäußert, dass gerade dieser Schuh sein größter Hit geworden ist; er sei eigentlich nur als Volumen-Experiment gemeint gewesen.

Gvasalia ist der interessanteste Designer der Gegenwart. Er traut sich bei Balenciaga, was keiner der Großen mehr wagt: den Leuten den Boden unter den Füßen wegzureißen, skrupellos nach vorne zu denken, die Zukunft auszubuchstabieren, so radikal, dass sie einem noch Stunden später durch die Blutbahnen rast.

Backstage. Er ist die Ruhe selbst in einer Wolke euphorisierter Journalisten. Warum roch der Laufsteg nach Teer? "Wir haben ihn asphaltiert, weil ich Paris vor Augen hatte. Straßen, die in die Zukunft führen." Warum waren keine Fotografen anwesend, worauf es lange vor Beginn der Show so still war wie in einer Kirche? "Sie waren in einem Extraraum. Ich wollte, dass man sich auf die Kleider konzentrieren kann." Warum hat er die Rekordzahl von 109 Looks gezeigt? "Ich habe beschlossen, keine Zwischenkollektionen mehr zu machen. Eine gute Kollektion braucht Zeit. Was ich gezeigt habe, war mein Vokabular für die nächsten sechs Monate." Reduktion. Konzentration. Imagination. So entsteht eine Kollektion wie diese.

Außer dem Asphalt und der Lichtorgel von oben: kein nennenswertes Set, nur eine quadratische Fläche, die von den Models roboterhaft umschritten wird. Es sind alte Menschen dabei, nicht perfekte Körper, Gesichter und viele Ethnien (eine weitere Kehrtwende auf den Laufstegen, endlich). Die Kollektion ist reichhaltiger als alles, was man in Paris bis zum Schluss gesehen haben wird, und eiskalt, weil sie eine feindliche urbane Welt imaginiert, eine Welt, gegen die man sich wappnen muss.

Riesige Schultern; die Ärmel sind etwas höher angesetzt, was diese maschinenhafte Eckigkeit ergibt. Gewaltige Mäntel in Tweed, Leder, Lackrot. Martialische Gummistiefel (oder waren sie aus Leder?). Daunenjacken, die Schultern rund abgenäht, als stecke der Kleiderbügel noch drin. Die Models haben den Kragen bis über die Nase hochgeklappt und schleppen Tüten durch die nächtliche Metropolis, die Gvasalia im Jahr 2019 verortet, hier aber aussieht wie eine "Blade Runner"-Studie. Party? Ja, aber in einem Cyberkleid mit ringförmigem, den Hals weit umkurvendem Kragen. An den Fingern stecken Eiffelturmringe, mit denen man Angreifern die Augen ausstechen könnte.

Ernste Mode, passend zur Weltlage

Et voilà: der sehr ernste Herbst 2019, passend zur Weltlage. In die Kommerzmeilen der Großstädte übersetzt bedeutet das viel Tweed, Volumen, ausladende Schultern, hohe Stiefel, gedämpfte Farbigkeit und wenig Haut. Eigentlich nicht besonders aufregend. Im Luxussegment hingegen kann es sich lohnen, auf dieses eine zeitlos schöne Teil zu sparen, in dem man dann auch zehn Jahre lang toll aussieht.

Damit sind wir eigentlich am Ende, doch ein Wort noch zu Karl Lagerfeld: Bei seiner finalen, vom Haus Chanel so behutsam und würdevoll inszenierten Show saß man in einem Meer von Trauer. Es war, als würden die versammelten Menschen nicht nur ihn, sondern ein wenig auch sich selbst beweinen. Dass sie nun auf einem totalbeschleunigten Fashionplaneten festsitzen, dem der allerletzte Fixstern abhandengekommen ist. Wen man auch fragte unter Lagerfelds Wegbegleitern, Claudia Schiffer, Anna Wintour, die deutsche Vogue-Chefin Christiane Arp: Keiner wollte sich äußern, und dieses Schweigen in der sonst so geschwätzigen Branche war eine letzte tiefe Verbeugung vor seinem Lebenswerk. Die Mode ist nicht mehr dieselbe ohne ihn.

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Quelle:
SZ vom 09.03.2019/vs
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