Süddeutsche Zeitung

Männerturnier von Wimbledon:36 ist das neue 26

Glatt und glatter: Die Halbfinals der Männer halten nicht das, was sie versprachen. Aber so sparen sich Novak Djokovic und Carlos Alcaraz - die derzeit besten Spieler auf der Tour - ihre Kräfte für das Traumfinale.

Von Barbara Klimke, London

Sieg Nummer 102 in Wimbledon hat Novak Djokovic am Freitag unter Dach und Fach gebracht. Er schlug im Halbfinale nicht nur Jannik Sinner aus Italien, sondern tilgte nebenbei die herkömmliche Vorstellung von Alter. "36 ist das neue 26", erklärte er danach zum großen Amüsement des Publikums. Und indem er den 14 Jahre und 76 Tage jüngeren Sinner als einen der besten jungen Profis der Tenniswelt lobte, fügte er, hintersinnig lächelnd, hinzu: "Ich finde es wunderbar, Teil dieser neuen Generation zu sein."

Der nächste aus der erfolgshungrigen Avantgarde erwartet ihn am Sonntag im Finale: Carlos Alcaraz, 20, aus Spanien, die Nummer eins der Welt ist 15 Jahre und 348 Tage jünger.

Das berühmteste Tennisturnier im Südwesten Londons läuft nach zweiwöchigem Ballflug auf 18 Rasencourts damit auf den Abschluss zu, den auch die Logik der Rangliste vorgibt, auf das Duell der beiden nominell Besten, Djokovic und Alcaraz: auf den "ultimativen Showdown", wie Djokovic ohne vorgetäuschte Demut feststellte. "Alle Augen im Tennis und im Sport werden am Sonntag auf dieses Wimbledon-Finale gerichtet sein. Ich freue mich darauf." Dem ungestümen Herausforderer Alcaraz kommt der Zweikampf - der erste der beiden auf Rasen - ebenfalls sehr gelegen: "Das wird wahrscheinlich der beste Moment meines Lebens", sagte er begeistert, er habe schon als Kind von diesem Centre Court geträumt, "und dann gegen Novak - das ist noch besser."

Für Alcaraz, der bisher einen Grand-Slam-Titel voriges Jahr in New York eroberte, ist schon die Finalteilnahme bei diesem Prestigeturnier ein kleiner Triumph. Djokovic hat sich zum neunten Mal diese Position gebracht - und im jugendlichen Alter von 36 Jahren nun die Chance, bereits seine achte Championship Trophy von Wimbledon zu erobern. Er würde mit Roger Federer, dem Schweizer Ruheständler, gleichziehen. Bisher liegt er in diesem Ranking auf Platz zwei, den er mit einem Sportkameraden des 19. Jahrhunderts, William Renshaw (1881-1886, 1889), und einem des ausgehenden 20. Jahrhunderts, Pete Sampras (1993-1995, 1997-2000), teilt. Was die Gesamtheit der Pokale aller vier Grand-Slam-Wettkämpfe angeht, nämlich 23, hat er alle Männer, die je zu einem Racket griffen, ob aus Holz oder Hightech, überholt.

Der Ehrgeiz aber ist noch immer ungestillt. "Bevor ich die Trophäe nicht in der Hand halte, ist die Mission für mich nicht zu Ende", sagte Djokovic nach dem Halbfinale gegen Sinner (6:3, 6;4, 7:6). Allerdings war er der Erste, der zugab, dass das nackte Resultat hinwegtäuschte über die Intensität der Begegnung. Sinner, der hochveranlagte Südtiroler, machte mehr Punkte am Netz, schlug mehr Winner und leistete sich nur unwesentlich mehr Fehler als der serbische Maestro - allerdings immer zum falschen Zeitpunkt. Sechs Breakbälle insgesamt erarbeitete er sich, davon zwei im dritten Durchgang, die ihm den Satzgewinn eingetragen hätten; er versemmelte sie alle. Es sei der Umgang Djokovics mit den Momenten der größten Not, der über den Verlauf des Matches entschied, schlussfolgerte Sinner: In der Gesamtschau sei seine eigene Leistung jedoch besser gewesen als im Vorjahr an gleicher Stelle, als er sich trotz einer Zweisatzführung noch in eine Fünfsatzniederlage hatte fügen müssen.

Interessant war dieses Wimbledon-Match an einem regnerischen, kalten Tag unter geschlossenem Dach vor allem aus akustischer Sicht. Denn Djokovic wurde im zweiten Satz, beim Stand von 6:3, 2:1, ein Punkt wegen Brüllens aberkannt. Der Schrei, mit dem Djokovic einen Rückhandschlag untermalte, sei zu spät und laut erfolgt, entschied der Referee, Richard Haigh - somit liege ein Regelverstoß vor: nämlich Behinderung des Gegners. Mit dem Gebrüll, so ließ sich das verstehen, wurde die Konzentration auf den Schlag gestört.

Djokovic diskutierte kurz mit dem gestrengen Herrn Haigh aus Yorkshire, dann akzeptierte er das Verdikt. "Das ist mir das erste Mal passiert", erläuterte er den 15 000 Zuschauern, als er später am Mikrofon stand: "Ich bin normalerweise nicht für ausgedehntes Grunzen bekannt. Vielleicht war's ein Echo vom Dach."

Soweit die Scherze; am Sonntag wird es ernst. Denn sein spanischer Rivale Carlos Alcaraz fegte im zweiten Männer-Halbfinale über den russischen Gegner Daniil Medwedew, immerhin den US-Open-Sieger von 2021, wie ein Tornado hinweg, 6:3, 6:3, 6:3. Er brauchte dafür nur 1:50 Stunden.

In den ersten beiden Sätzen fand Medwedew kaum ein Gegenmittel für Alcaraz' phänomenale Schläge. Der Spanier, der im vergangenen Jahr in Wimbledon noch Mühe hatte, in den Tritt zu kommen, ist in diesem Jahr auf Rasen, einschließlich des Turniers im Queen's Club, nun seit zehn Matches ungeschlagen. Erst im dritten Durchgang stemmte sich Medwedew erkennbar gegen die drohende Niederlage, insgesamt fünf Aufschlag-Breaks gelangen den Kontrahenten, aber der Russe wirkte zunehmend resigniert.

Alcaraz ist bereit für Djokovic, den serbischen Dauersieger: "Ich werde kämpfen", kündigte er unter dem Jubel der Zuschauer an. Als sie einander vor wenigen Wochen in Paris duellierten, litt der spanische Epigone unter Krämpfen, aus Nervosität und Anspannung, wie er später zugab.

Jetzt ist der Letzte, der zwischen Djokovic und dem achten Goldpokal steht.

Die Wimbledon-Endspiele von Novak Djokovic

2011 gg. Rafael Nadal 6:4, 6:1, 1:6, 6:3

2013 gg. Andy Murray 4:6, 5:7, 4:6

2014 gg. Roger Federer 6:7 (7), 6:4, 7:6 (4), 5:7, 6:4

2015 gg. Roger Federer 7:6 (1), 6:7 (10), 6:4, 6:3

2018 gg. Kevin Anderson 6:2, 6:2, 7:6 (3)

2019 gg. Roger Federer 7:6 (5), 1:6, 7:6 (4), 4:6, 13:12 (3)

2021 gg. Matteo Berrettini 6:7 (4), 6:4, 6:4, 6:3

2022 gg. Nick Kyrgios 4:6, 6:3, 6:4, 7:6 (3)

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