Süddeutsche Zeitung

Tennisprofi Yannick Hanfmann:"Bitte die Fragen etwas lauter stellen"

  • Yannick Hanfmann steht nach einer erfolgreichen Qualifikation und zwei Siegen im Viertelfinale der ATP-Tour in München.
  • Er ist seit Geburt schwerhörig - und kehrte Deutschland früh den Rücken.
  • Seine Profikarriere begann der 25-Jährige auf einem US-College in Los Angeles.

Vorneweg marschiert Martin Dagahs, der Mediendirektor der ATP Tour, hinter ihm schleicht Yannick Hanfmann herein. Er blickt erstaunt, als er viele Personen sieht, die auf ihn warten. "Das ist meine erste Pressekonferenz", sagt er und ergänzt: "Ich bin schwerhörig. Bitte die Fragen etwas lauter stellen." Auf die Gegenfrage, ob das an seiner Erkältung liege, sagt er: "Nein. Ich bin seit Geburt schwerhörig."

Dann fängt Hanfmann an zu erzählen. Es werden ungewöhnliche 20 Minuten. Das deutsche Männertennis, das steht am Ende fest, wird gerade von einem Erfolg eines nicht mehr ganz so jungen Profis überrumpelt. Und streng genommen ergeht es Hanfmann selbst so: "Das ist alles ein bisschen surrreal, hier zu sitzen", sagt er.

Hanfmann steht aber ganz real im Viertelfinale eines echt großen Profitennisturniers. An diesem Freitag kämpft er bei den BMW Open gegen den Spanier Roberto Bautista Agut ums Halbfinale. Natürlich hat er mit den bisher verdienten 13 970 Euro mehr als je zuvor verdient. Er ist ja erst seit zwei Jahren richtig Profi. In München hat er, nach überstandener Qualifikation, mit zwei engen Dreisatz-Erfolgen gegen den Österreicher Gerald Melzer und den Brasilianer Thomaz Bellucci seine Bilanz auf der Tour aufgebessert. Er hat jetzt zwei Siege vorzuweisen - die aus München. Zuvor war er nur auf unterklassigen Turnieren unterwegs, in Mexiko, Panama, Bergamo, Bukarest. Sein Trainer blieb zu Hause, die Reisen waren zu teuer. Dass er bei alledem schon 25 ist, verdeutlicht bereits: Die typische deutsche Karriere lebt er nicht.

Hanfmann hatte sich ja absichtlich auch eine Zeit lang aus Deutschland ausgeklinkt und letztlich gezeigt: Der Selfmade-Weg als Collegespieler hat seine Vorzüge. Und er hat gezeigt: Man kann vermeintliche körperliche Nachteile meistern.

In Los Angeles bekam er eine positive Einstellung und Wettkampfhärte

Hanfmann wuchs in Karlsruhe auf, der Vater ist Hausarzt, die Mutter Lehrerin, seine Schwester als Profitänzerin erfolgreich, etwa bei der Sendung "Deutschland sucht den Superstar". Er hingegen war das Tennistalent. Sein Hördefizit rührt von einem verwachsenen Knochen im Ohr, geerbt vom Vater. In der Schule trug er ein Hörgerät. Auf dem Platz nicht. Nach dem Abitur merkte er, "es reicht noch nicht für die Tour". So kam er auf die Idee, erst mal in die USA zu gehen.

Mehrere Colleges waren auf ihn aufmerksam geworden. Er wurde ungefragt angeschrieben. Als ihm die deutsche Profigolferin Sophia Popov, mit der er befreundet ist, den Tipp gab, es an ihrem College, der University of Southern California, zu versuchen, erkämpfte er sich auf eigene Faust ein Vorstellungsgespräch. Man gab ihm eine halbe Stunde. Er überzeugte. Danach sollten vier Jahre folgen, in denen er es bis zum Abschluss in "International Relations" schaffte. Und ein besserer Sportler wurde. Wettkampfhärter, selbständiger, opferbereit. Er kann sich quälen, sagt Hanfmann. Am Mittwoch bewies er es. Er hatte Fieber, dachte beim Aussteigen aus dem Auto: Geht heute nicht! An einem Finger der rechten Schlaghand hat er zudem eine klaffende Wunde. Als er sich einschlug, dachte er: "Wie kann ich heute nicht spielen?" Das war doch die Chance.

"Wir nennen ihn unseren La La Boy"

Ohne einem DTB-Profi zu nahe treten zu wollen: Das Lamentieren ist traditionell manchen oft nicht fremd. Als Hanfmann am Montag erstmals überraschte in Runde eins, frohlockte er: "Das ist schmutziges, deutsches Wetter. Absoluter Heimvorteil." Dieser leichte, aber irgendwie auch tiefsinnige Geist schwebt in vielen seiner Sätze. "Er ist vorbildlich in allem. Und er fiel Alexander Waske schon vor vielen Jahren auf", sagt Davis-Cup-Kapitän Michael Kohlmann. Der frühere Profi Waske war einer der wenigen Deutschen, die auch übers College-Tennis den Sprung schafften. "Er ist ein feiner Kerl, wir nennen ihn manchmal unseren La La Boy", sagt Lars Uebel, sein Münchner Trainer. In Anlehnung an den Film La La Land. Weil Hanfmann viel Sonnenschein aus der Zeit in L.A. in sich trägt.

Obwohl er sichtlich fiebrig aussieht und noch am Mittwoch später gar zum Arzt musste, erzählt er entspannt, wie ihn der heutige US-Topprofi Steve Johnson an der USC als Teamkollege bei den "Trojans" inspiriert habe. Offen gibt er zu, es war ein Fehler zu glauben, er könne Johnson ersetzen, als der früher Profi wurde. Er kassierte viele Niederlagen. Ebenso offen spricht er über seine Schwerhörigkeit. "Auf dem Tennisplatz ist es eher positiv, weil ich nicht alles höre, was draußen geredet wird", sagt er. Es gebe aber auch Situationen wie in der Qualifikation, in der er den Ausruf eines Schiedsrichters nicht wahrnahm. Er spielte weiter und wunderte sich, dass er nach dem Punkt nicht auch das Spiel gewonnen hatte - er hatte sich verzählt. "Ich sage es nur den Schiedsrichtern, die relativ leise reden." Meist hört er alles.

Hanfmann genießt diese Tage, denn nach der Qualifikation, als er plötzlich auf dem Center Court landete, habe "sich ein bisschen was verändert". Er habe nur an Tennis gedacht. Dass er 25 ist? "Ich sehe mich nicht als Veteran" sagt er, "ich bin immer noch in einer positiven Entwicklung und denke, da geht auch noch ein bisschen was." So sieht es aus beim La La Boy.

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SZ vom 05.05.2017/anla/ebc
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