Süddeutsche Zeitung

Tennisprofi Novak Djokovic:Lektionen für die Wuschelköpfe

Siebter Triumph bei den ATP-Finals, 98. Titel insgesamt: Novak Djokovic dominiert das Männertennis wie keiner zuvor. Der 36-Jährige hat einen speziellen Weg gefunden, den Jüngeren die Grenzen aufzuzeigen.

Von Gerald Kleffmann

Kurz bevor er sich seinen allerletzten Einzeltitel in dieser Saison sicherte, ließ Novak Djokovic noch einmal einen Ball seines Gegners überprüfen. Wahrscheinlich waren alle der rund 12 000 Zuschauer felsenfest davon überzeugt, dass der Ball von Jannik Sinner beim Schlag zuvor noch auf der Linie gelandet war. Die Videoaufnahme, die dann zu Hilfe gezogen wurde, zeigte: Zwischen dem Landepunkt und der Seitenlinie war ein winziger Freiraum zu sehen - aus!

Djokovic lächelte süffisant in sich hinein. Gab es irgendetwas, das ihm an diesem Sonntagabend nicht gelang? Hätte er seinem siebten Triumph bei den ATP-Finals in Turin, mit dem er den Schweizer Roger Federer (sechs Titel) abhängt, spontan sieben Flickflacks auf dem Hartplatz im Pala Alpitour folgen lassen, man hätte ihm auch dieses Kunststück zugetraut.

"Ein 36-Jähriger hat niemals auf diesem Niveau Tennis gespielt", sagte der frühere Spitzenspieler Jim Courier

Novak Djokovic dominiert das Männertennis wie noch keiner zuvor. 24 Grand-Slam-Siege hat er errungen, allein drei in diesem Jahr. 40 Titel der Masters-Kategorie verbuchte er bislang. Zum achten Mal beendet er diese Saison als Erster der Weltrangliste. Ab diesem Montag geht er in seine 400. Woche als Branchenbester.

Im Internet machte sich jemand den Spaß und rechnete zurück, seit wann Djokovic die Nummer eins gewesen wäre, würde man allein die Zeit zusammenspannen, die er in seiner Karriere auf jenem Ranglistenplatz verbracht hat. Heraus kam der März 2016. Beim Saisonendturnier der besten acht Profis sammelte er seinen 98. Turniersieg ein - noch führt der Amerikaner Jimmy Connors mit 109, aber kaum einer dürfte daran zweifeln, dass diese Marke auch noch fällt. Djokovic, und das macht seine Lebensleistung noch spezieller, ist inzwischen auch nicht mehr der Jüngste. "Ein 36-Jähriger hat niemals auf diesem Niveau Tennis gespielt", sagte der frühere Spitzenspieler Jim Courier beim TV-Sender Tennis Channel.

"Es ist zweifellos eine der besten Saisons meines Lebens", bestätigte Djokovic nach seiner in jeder Hinsicht dominanten Vorführung in Turin, bei der er Sinner 6:3, 6:3 bezwang. Er muss schon den Plural verwenden, so groß ist die Auswahl mittlerweile. Auch über seinen Sport hinaus drängt sich Djokovic als eines der größten Phänomene auf. Welche Einzelsportler haben je in ihrer Disziplin derart reüssiert, über so lange Zeit, über Generationen hinweg?

Ein Ende seines Schaffens ist nicht in Sicht. "Solange ich auf der großen Bühne gegen sie gewinnen kann, werde ich weitermachen", sagte er, "warum sollte man aufhören, wenn man noch dabei ist?" Mit "sie" meinte er all die jüngeren Kontrahenten. "Sobald sie anfangen, mir in den Hintern zu treten, werde ich über eine kleine oder vielleicht dauerhafte Pause vom Profitennis nachdenken."

Dabei gelingt den Herausforderern mittlerweile sogar der eine oder andere Erfolg. Im Juli bezwang der Spanier Carlos Alcaraz Djokovic in einem denkwürdigen Finale in Wimbledon. In Turin setzte sich auch Sinner gegen den Serben durch, in drei Sätzen. Aber das war in der Gruppenphase. Sinner, der nette Südtiroler mit dem roten Wuschelkopf, hätte Djokovic sogar aus dem Wettbewerb befördern können, hätte er gegen den Dänen Holger Rune verloren. Doch er kämpfte sich, leicht angeschlagen, vor tobender Kulisse der heimischen Fans zum Dreisatzsieg. Djokovic war im Halbfinale - und rückte im Finale die alten Machtzustände zurecht.

Sein Erfolgshunger speist sich aus diversen Komponenten. Die eine Formel, die diesen Athleten erklärt, gibt es nicht. Noch heute, das gab Djokovic in Italien zu verstehen, nutze er die Umstände des vergangenen Jahres "als Treibstoff für dieses Jahr". Damals hatte er mehrere Turniere verpasst, etwa die Australian Open und die US Open, da er nicht einreisen durfte aufgrund seines Statutes als gegen Corona Ungeimpfter. Familienvater ist er auch, seine Kinder Stefan und Tara motivieren ihn, wie er betonte: "Ich wollte immer vor ihnen auftreten, sobald sie das Alter erreicht haben, in dem sie wissen, was vor sich geht. Ich denke, das ist jetzt das Alter. Sie sind sich beide bewusst, was passiert, und ich bin so dankbar, dass ich Vater dieser beiden wunderbaren Engel bin." In Turin herzte er beide sofort nach dem Matchball.

Einen Genuss scheint Djokovic auch beim Duell mit der jüngeren Generation zu empfinden. So wie er klingt, liebt er es, ihnen die Grenzen aufzuzeigen. "Wenn sie gegen mich spielen, sollen sie fühlen, dass sie mir das beste Tennis abverlangen müssen, um gegen mich zu gewinnen", offenbarte er. "Das ist es, was ich zweifellos meinen Gegnern vermitteln möchte, denn das hilft mental, ins Spiel zu kommen." Und Djokovic, der ewige Stratege und Mentalist, ist sich seiner Erfahrung ohnehin bewusster denn je. "Ich denke, je mehr ich auf der größten Bühne gewinne, desto mehr wächst diese Art von Aura, und ich bin zweifellos froh darüber. Natürlich wird man dadurch das Spiel nicht gewinnen, aber es könnte einem den kleinen Prozentsatz, den kleinen Vorteil verschaffen."

Tatsächlich sind es auch Nuancen, die ihn schier unbesiegbar erscheinen lassen, gerade in Endspielen. Nicht nur sein Ehrgeiz und seine Professionalität sind herausragend, auch das Spiel an sich beherrscht er wie kein Zweiter. So viele agieren exzellent, doch während man bei Profis wie den langmähnigen Alexander Zverev und Andrej Rubljow bisweilen den Eindruck hat, sie würden sich wieder und wieder auf ihre hohe Qualität des Spiels verlassen, unabhängig vom Gegner, fahndet Djokovic detektivisch nach Details, die seinen Gegnern wehtun könnten.

Mögen andere regelmäßig mit 210 km/h aufschlagen - Djokovic serviert präziser, ekliger, weil meist mit leichtem Schnitt. Im ersten Satz im Finale gegen Sinner gewann Djokovic 20 von 22 Aufschlagpunkten. Sein Service ist vielleicht sein am meisten unterschätzter Schlag. Schließlich preisen alle, zu Recht, seinen Return, den Rückschlag beim Aufschlag des Gegners. Allein mit diesen zwei Trümpfen setzt er den anderen sofort unter Druck. Oft genug finden die Gegner weder bei Djokovics Service noch bei seinem Return in den Ballwechsel, werden gleich in die Defensive gedrängt, geraten in Stress und machen den Fehler, wenn ihnen nicht schon Djokovic den Ball unerreichbar ins Feld geschlagen hat mit seinen fehlerarmen Topspinschlägen von der Grundlinie. Er steht da wie eine Ballmaschine.

Gegen Sinner glückten ihm einmal 14 Punkte hintereinander. Da verstummten auch die Carota-Boys, eine Fangruppe, die Sinner unterstützt und dabei Karottenkostüme trägt. "Wenn man gegen den besten Spieler der Welt ein wenig nachlässt, sieht es so aus, als wäre es ein großer Unterschied", sagte der leidende Sinner später.

Auch aus der Niederlage in der Gruppenphase zog Djokovic sofort die richtigen Erkenntnisse. Im zweiten Match gegen Sinner, im Finale, habe er taktisch anders gespielt, offensiver, drückender, sagte er. So wie im Halbfinale, als er Alcaraz 6:3, 6:2 auseinandergenommen hatte. Ja, der Meister hat es den Schülern gezeigt, und die Frage nun ist, was Djokovic in dieser Form noch erreichen kann. In dieser Woche hilft er Serbien bei der Davis-Cup-Finalwoche in Malaga. Und 2024? "Na ja, man kann vier Slams und olympisches Gold gewinnen", sagte Djokovic. "Mal sehen." Seine Rekordreise wird weitergehen, wie auch immer.

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