Süddeutsche Zeitung

Streit zwischen Niersbach und Zwanziger:In herzlicher Abneigung

Der Streit zwischen Theo Zwanziger und Wolfgang Niersbach eskaliert. Der frühere DFB-Präsident greift seinen Nachfolger offen an, der Verband antwortet mit einer Rücktrittsaufforderung. Zwei grundverschiedene Typen, die sich in gegenseitiger Abneigung verbunden sind.

Theo Zwanziger reagierte prompt. Er werde "natürlich nicht" zurücktreten, sagte der 69-Jährige, darüber könne er "nur lachen". Sogar für ein Witzchen hatte er noch Zeit. Wolfgang Niersbach, der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), solle "mit Blatter einmal darüber sprechen", sagte Zwanziger gegenüber Sport1. Sepp Blatter steht dem Weltverband Fifa vor. Er ist Zwanzigers Chef.

Beim DFB ist ein gewaltiger Streit eskaliert, just zum Beginn der Fußball-WM in Brasilien. Es geht um das Verhältnis zwischen dem Verband und seinem früheren Vorsitzenden Zwanziger, der 2011 über Nacht seinen Rückzug ankündigte und damit den Weg frei machte für seinen Nachfolger Niersbach.

Nachdem Zwanziger im Interview mit der Rheinzeitung kräftig gegen Niersbach ausgeteilt und dessen Vergütungsprinzip beim DFB in Frage gestellt hatte, holte der Verband zum Gegenschlag aus. In einer Erklärung forderte der DFB Zwanziger zum Rücktritt aus dem Fifa-Exekutivkomitee auf - in der 114-jährigen Verbandsgeschichte ein einmaliger Vorgang. Zwanziger sei nicht mehr in der Lage, "angemessen die Interessen des deutschen Fußballs" zu vertreten, so schrieb die DFB-Spitze.

Abberufen kann der DFB seinen früheren Präsidenten nicht, Zwanziger ist persönliches Mitglied des Exekutivkomitees, wurde vom DFB nicht entsandt. Der ganze Fall spiegelt jedoch das zerrüttete Verhältnis zwischen Niersbach und Zwanziger wider.

Erst am Wochenende sagte Niersbach im SZ-Interview, er habe aktuell keinen Kontakt zu Zwanziger. Beide pflegen eine Art Nicht-Verhältnis zueinander, "ich habe ihn zuletzt im November gesprochen", sagte Niersbach. Zwanziger sei "seit zwei Jahren nicht mehr beim DFB" gewesen und sei auch nicht zu Uefa-Sitzungen erschienen. Beim DFB, so ist immer häufiger zu hören, herrscht eine große Erleichterung, seit Niersbach im Amt ist. Das Binnenklima sei viel besser geworden, Niersbach habe nicht nur angekündigt ein Teamspieler zu sein - er agiert auch so.

Unter Zwanziger war das anders. Der Jurist wollte nicht nur in seinem Amt wirken, sondern strebte auch nach großer gesellschaftlicher Anerkennung. Ob der Schiedsrichterfall Amerell/Kempter, die geplatzte vorzeitige Vertragsverlängerung von Bundestrainer Löw - alle großen Aufgaben erklärte Zwanziger zur Chefsache und hinterließ dabei kein sonderlich gutes Bild. Zwanziger stand dem Verband nicht vor, er regierte ihn.

Verbandsspitze stellt sich hinter Niersbach

Die übrige Verbandsspitze stellt sich im aktuellen Streit hinter Niersbach. "Es ist mir als Generalsekretär für das gesamte Haus ein Anliegen zu betonen, dass wir unter Wolfgang Niersbach wieder ein Klima des Vertrauens haben, das zuvor verloren gegangen war", sagt DFB-Generalsekretär Helmut Sandrock.

Zu Zwanziger befindet er: "Diese öffentlichen Anspielungen sind nicht nur falsch, sondern auch schlechter Stil." Die nächste Eskalationsstufe ist erreicht.

Natürlich müssen Zwanzigers Vorwürfe geprüft werden. Er wirft dem 63-jährigen Niersbach vor, sich vom Verband übergebührlich entlohnen zu lassen. Über eine Betriebsrente sei nach Niersbach Amtsübernahme ein Ausgleich zwischen der Aufwandsentschädigung für einen DFB-Präsidenten und dem Gehalt eines Generalsekretärs gesucht worden, erklärte Zwanziger. Diesen Posten hatte Niersbach zuvor bekleidet. Es ist eine direkte Aufforderung an die Staatsanwälte, sich diesem Fall doch bitte anzunehmen.

Es ist dennoch der Zeitpunkt, der darüber Aufschluss gibt, wie viel Kalkül offensichtlich hinter Zwanzigers Äußerungen steckt. Seine große Fifa-Reform ist kürzlich krachend gescheitert, am Widerstand der Europäer, auch des DFB. Sein Interview gab er nun just zum WM-Start, was ihm die größtmögliche öffentliche Aufmerksamkeit zusicherte, obwohl er von seinen Vorwürfen, sofern sie denn stimmen, schon viel länger Kenntnis gehabt haben müsste.

Niersbach und Zwanziger werden ihr Nicht-Verhältnis noch eine Weile pflegen müssen. Erst 2015 will Zwanziger aus dem Fifa-Exekutivkomitee zurücktreten, so hat er es angekündigt. Ein früherer Rücktritt wäre eine sehr große Überraschung.

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